Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Synthese
fatum 6 | , S. 9
Inhalt

Was ist das: Synthese?

Antwort von Elena Ficara

Die Frage Was ist Hegels Dialektik? ist eine der dornigsten Fragen der Philosophiegeschichte. Sie hat für heftige Diskussionen unter Schülern, Freunden und Gegnern Hegels seit den letzten Jahren seiner akademischen Tätigkeit in Berlin gesorgt. Sie gilt heute noch als nicht vollständig beantwortet. Um auf eine einfache Art in die Synthesis-Problematik in Hegels Dialektik einzuleiten, schlage ich vor, zuerst zwei Beispiele zu betrachten.

In der kurzen Schrift Wer denkt abstrakt erzählt Hegel die Anekdote einer Hinrichtung: Ein Mörder wird zur Richtstätte geführt. Als eine Frau bemerkt, dass er ein schöner, interessanter, kräftiger Mann ist, sagt das Volk: Was, ein Mörder schön? Wie kann man so schlecht denkend sein und einen Mörder schön nennen! Für Hegel denkt die Frau dialektischer als das Volk, indem sie in der Lage ist, Eigenschaften, die sich prinzipiell ausschließen (das Böse-Sein und das Schön- und daher Gut-Sein), zusammenzudenken. Dadurch, dass sie nicht nur von der allgemein geteilten Annahme ausgeht, dass ein Mörder böse ist, sondern auch von der entgegengesetzten These, ist sie der Realität dieser Person näher und besser in der Lage, diese in ihrer Komplexität zu verstehen.

Am Anfang der Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie erörtert Hegel, dass wir daran gewöhnt sind, abstrakt zu denken, d. h. z. B. anzunehmen, dass Menschen entweder frei oder der Notwendigkeit unterworfen sind und es keine dritte Möglichkeit gibt. In Wahrheit aber setzt eine vollständige Kenntnis dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein, voraus, dass wir beide Aspekte – Freisein und der Notwendigkeit unterworfen sein – vor Augen haben und zusammendenken. Sich nur an einen Aspekt zu halten, und den entgegengesetzten zu ignorieren, würde zu einer einseitigen Auffassung führen, die nicht in der Lage wäre, der Komplexität des Phänomens menschlicher Freiheit Rechnung zu tragen.

An beiden Beispielen wird ersichtlich, dass dialektisch zu denken impliziert, auf eine bestimmte Art und Weise Entgegengesetzte zu vereinigen bzw. zu „synthetisieren“.

In der Tradition der Dialektik, die sich auf Hegel beruft, spielt das Konzept der Synthese eine zentrale Rolle. Allerdings hat Hegel den Ausdruck „Synthese“ nur sporadisch und nicht im programmatischen Sinne benutzt. Es waren vielmehr seine deutschen, italienischen und französischen Interpreten (vgl. z. B. Benedetto Croce in Lebendiges und Totes in Hegels Philosophie, 1906), die die Ausdrücke „These“, „Antithese“ und „Synthese“ verwendeten, um dem Leser die drei Schritte dialektischer Entwicklungen vor Augen zu führen. Obwohl dieser Gebrauch nicht hegelianisch ist, ist er der Sache selbst nicht unangemessen. Dialektik entsteht in dem Moment, in dem wir über die Bedeutung dessen, was wir sagen, nachdenken. Sie impliziert in der Tat, dass wir eine erste These darüber formulieren, was etwas (z. B. der Mörder in dem ersten Beispiel oder die menschliche Freiheit in dem zweiten) ist, sie jedoch nicht einfach dogmatisch behaupten, sondern gleichzeitig auch ihre Negation berücksichtigen (die Antithese). Diese gleichzeitige Betrachtung der These und ihrer Negation ist die Vereinigung Entgegengesetzter, die Synthese.

In der Kantischen Philosophie ist der Ausdruck „Synthese“ omnipräsent. Ihm kommt in der Kritik der reinen Vernunft eine grundlegende Bedeutung zu: Die Philosophie selbst hat für Kant die Aufgabe, die Frage Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? zu stellen und zu beantworten; synthetische Leistungen sind gefragt zur Herstellung der Verbindung zwischen den zwei grundlegenden aber grundsätzlich verschiedenen Funktionen menschlicher Erkenntnis: Sinnlichkeit und Verstand. Für Kant sind die Apperzeption, die Kategorien, die Ideen sowie die Einbildungskraft „Funktionen der Synthesis“.

Hegel nennt die von der Synthesis-Funktion hervorgebrachten Verbindungen die schönste Seite und die echte dialektische Mitte der Kantischen Philosophie. Dennoch unterscheidet sich das Kantische Verständnis von Synthese vom Hegelschen. Kants Sprachgebrauch zufolge heißt „Synthetisieren“ verschiedene Elemente zusammenfügen. Hegels Auffassung ist demgegenüber radikaler und man könnte sagen paradoxal: Eine dialektische Synthese ist für Hegel immer eine Verbindung zwischen Elementen, die prinzipiell nicht verbunden werden können. Dies mag der Grund sein, weshalb Hegel statt „Synthese“ andere Ausdrücke bevorzugt wie z. B. Verbindung der Verbindung und der Nicht-Verbindung, Identität der Identität und der Nicht-Identität, Vereinigung, durch die die Elemente einer Antinomie vereinigt werden.

Die Frage, die sich stellt, ist: Wieso sollten wir solche Synthesen vollbringen, wieso sollten wir das zusammendenken was nicht zusammengedacht werden kann, wieso sollten wir paradoxal denken? Aus einer Hegelschen Perspektive ist die Antwort klar: Die dialektische Zusammenfügung von Kontradiktorischem ist der einzige Weg, den wir haben, um wahrheitsgemäß zu denken und die Wahrheit zu finden.


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