Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Synthese
fatum 6 | , S. 22
Inhalt

Zur Natur des Menschen

Die Natur des Menschen meint dasjenige Wissen, das wir untersuchen und möglichst präzise feststellen wollen, wenn wir ein Problem haben oder Orientierung benötigen. In diesen Situationen suchen wir nach einem Kompass, der uns eine bestimmte Vorstellung davon vermittelt, was der Mensch ist. Regelmäßig erfolgt die Suche nach diesem Kompass über zwei Zugänge: Der erste Zugang differenziert zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem. Durch diese Ausdifferenzierung gewinnt die Bestimmung des Menschen ein schärferes Profil. Klassische Vergleiche zum Menschen finden dabei in Abgrenzung zu anderen Lebewesen auf der einen Seite und Maschinen, die zwar nicht lebendig sind, aber eine Reihe menschlicher Fertigkeiten aufweisen, auf der anderen Seite statt. Diese Vergleiche dienen dazu, die spezifisch menschlichen Qualitäten zu identifizieren, die dann, wenn sie Gründe aufweisen können, sowohl motivierend als auch erklärend für bestimmte Handlungen, Überzeugungen und Emotionen wirken.

Der zweite Zugang erfolgt über eine gänzlich andere Beobachtung. Er verlangt keine besonderen Kompetenzen oder ein bestimmtes Vorwissen, er fordert keine spezifischen Kenntnisse bezüglich bestimmter akademischer Disziplinen und ist in diesem Sinne nicht wissenschaftlich. Vielmehr nimmt er den Weg über unser Inneres, unser Gewissen. Das bedeutet, dass jeder von uns eine unmittelbare Intuition von dem hat, was ein Mensch sein sollte.

In ähnlicher Weise hat sich Augustinus einer Definition der Zeit genähert, als er schrieb: Wir alle wissen, was die Zeit ist. In dem Moment aber, wenn wir nach ihrer Natur fragen, dann wird es schwierig, eine befriedigende oder gar abschließende Antwort zu geben. Das gleiche passiert, wenn wir uns der Natur des Menschen widmen. Ein intuitiver Einblick wohnt jedem Menschen inne. Aber existiert unabhängig davon ein allgemeiner Leitfaden, den wir immer dann zur Anwendung bringen möchten, wenn unser eigenes Menschsein oder unsere eigenen inneren Überzeugungen in Konflikt geraten? Darüber hinaus ist die Frage nach der Natur des Menschen eine Frage, die nicht nur das eigene Ich, sondern immer auch die Frage nach dem gesamten Menschsein impliziert. Sie bezieht sich nicht nur auf die Bestimmung kognitiver Fähigkeiten, sondern auch auf menschliche Handlungen und Emotionen. In diesem Sinne kann die Vorstellung von der Natur des Menschen als eine holistische Frage betrachtet werden; holistisch, da sie den Menschen und seine Eigenschaften als Ganzes und nicht als Zusammensetzung seiner Teile betrachtet. Was bedeutet das? Eine erste Implikation ist, dass die menschlichen Ausdrucksformen – darunter vor allem die künstlerischen Formen und die Narrationen – einbezogen sind. Irgendwie gelingt es diesen künstlerischen und erzählerischen Ausdrucksformen mehrere und miteinander verflochtene Züge des menschlichen Wesens zu vermitteln.

Dies ist, was die Charakterisierung des menschlichen Verständnisses anbelangt, ausreichend. Allerdings hat das Konzept der menschlichen Natur auch eine philosophische Bedeutung; und hier kommen wir zum zweiten Teil dieser kurzen Charakterisierung des Konzepts der menschlichen Natur. Erkenntnisstreben oder Wissensdrang bilden nicht nur menschliche Alltagsphänomene, sondern stellen ein originäres Anliegen der Philosophie dar. Allerdings: Ab wann wird die Frage zu einer philosophischen Frage? Und was bedeutet es, dass sie zu einer philosophischen Frage geworden ist? In der Frage nach der menschlichen Natur wird die Beziehung zwischen Philosophie und Leben ersichtlich. Die Nähe zur Lebenswelt, die dieser Begriff genießt, liegt dabei in der Tatsache, dass dieser Begriff nicht nur in der spezifischen Sprache der Philosophie, sondern auch in der Alltagssprache zirkuliert. Hierdurch wird klar, dass in der Philosophie Sachverhalte diskutierten werden, die von zentralem Interesse für den Menschen sind. Es bedeutet ferner, dass auch die Philosophie nicht umhin kommt, bei den Erkenntnissen anzusetzen, die in der Lebenswelt angesiedelt und in der sozialen Praxis verortet sind. Auf der anderen Seite muss sich die Philosophie selbst aus der Unmittelbarkeit ihrer Werkzeuge und Methoden weiterentwickeln, wenn sie diese Fragen klären möchte und zuverlässige Argumente liefern will. Nur durch diese Arbeit kann die Philosophie der Lebenswelt und den Wissenschaften gerecht werden.

Menschen auf einem Schiff vor dem Sonnenuntergang
Menschen auf einem Schiff vor dem Sonnenuntergang
Quelle: cocoparisienne, CC0 Public Domain: https://pixabay.com/p-242713/?no_redirect

Nur dadurch, dass sie in der Lage ist, Gründe zu geben, kann sie vermeiden, dass falsche Erkenntnisse entstehen, wie z. B. wenn behauptet wird, dass für eine Handlung bestimmte physiologische oder biologische Verfassungen verantwortlich sind.

Das Interesse der Philosophie für die Natur des Menschen ist so alt wie die Philosophie selbst. Nach anfänglichem Glanz in der antiken Philosophie, die keine Spannung zwischen Normativität und Natur kannte, dachte man allerdings, dass es über die Natur des Menschen keine weiteren Aussagen gäbe als die bereits getroffenen, die entweder ideologisch oder essentialistisch ausfielen (siehe zum Beispiel Heidegger und Habermas). Dabei hatte schon Kant sein Misstrauen gegenüber einem vermeintlich eindeutigen Begriff der menschlichen Natur zum Ausdruck gebracht. Doch findet er einen Ausweg: Nach der Geburt der Wissenschaften sorgt Kant dafür, dass es möglich bleibt von der Natur des Menschen zu sprechen, ohne sich dabei einem naturalistischen Weltbild zu verpflichten. Bei ihm finden wir sowohl eine Kritik des Begriffs an sich als auch die Erarbeitung eines positiven anthropologischen Projekts. In dieser Neukonzeption findet sich folgende Formulierung zur Bestimmung der Natur des Menschen: Während ein jedes Ding der Natur nach Gesetzen wirkt, hat nur ein vernünftiges Wesen das Vermögen, nach der Vorstellung der Gesetze zu handeln.1 Das bedeutet, dass es nach einem Plan handelt. Bei Kant finden wir sowohl das Bewusstsein des Risikos als auch des Legitimitätspotentials des Begriffs der Natur des Menschen. Man muss sich allerdings fragen, wie dieses Potential zu verstehen ist.

Zwei Beispiele mögen dabei veranschaulichen, welches aktuelle Potential einer Theorie der Natur des Menschen innewohnt: So scheint zum einen eine spannungsfreie Auffassung von der Natur des Menschen unverzichtbar, wenn eine Reform des Bildungswesens beabsichtigt wird. Die Abwesenheit einer solchen Theorie bei einer der wenigen politisch besetzten Räume auf europäischer Ebene hat laut Julian Nida-Rümelin den Erfolg der Bologna-Reform beeinträchtigt. Zum anderen akzeptieren wir ohne Bedenken Diskurse über Technikzukünfte. Allerdings: Wenn wir nicht einmal über eine klare gemeinsame Vorstellung über die Natur des heutigen Menschen verfügen – wie wollen wir dann den zukünftigen Menschen gestalten? Dürfen wir die Umwelt, Mitwelt und Selbstwelt des Menschen einfach ändern, ohne die Implikationen dieser Eingriffe zu kennen?

Sowohl in der Moralphilosophie als auch in der Wissenschaftsphilosophie ist deutlich geworden, dass es trotz aller Kritik nicht nötig ist, das Kind mit dem Bade auszuschütten. In der Wissenschaftsphilosophie ist so in jüngsten Zeiten eine Debatte über die Legitimität des Begriffes der Natur des Menschen entstanden. Es gibt unterschiedliche Positionen darüber. Einiges ist aber deutlich: Beide Kontexte erfordern keinen essentialistischen Begriff. Ein essentialistischer Begriff verträgt sich weder mit wissenschaftlichen noch mit liberalen Ansprüchen in der Ethik und der politischen Philosophie. Diese Herausforderung scheint eine Sisyphusarbeit zu sein, wenn sie nicht mit der passenden methodischen Vorsicht eingegangen wird.

Alter vermooster Baum auf dem ein Mensch sitzt.
Natur mit Mensch
Quelle: Public Domain: https://pixnio.com/de/landschaften/wald/regenwald-tress-holz-zweige-wald-mensch-natur

Was aber wird unter einer essentialistischen Bestimmung der Natur des Menschen verstanden und welche Kritik besteht hieran? Interessanterweise vertreten fast alle Autoren eine Kritik am Essentialismus. Die essentialistische Bestimmung der Natur des Menschen besagt, dass alle Menschen gewisse Eigenschaften teilen. Diese Eigenschaften sind notwendige und hinreichende Bedingungen, um Mensch zu sein. Als Beispiel gilt, dass Menschen von ihrer Natur her soziale Wesen sind. Sozialität ist daher eine notwendige Bedingung dafür, ob ein Wesen ein Mensch ist. Ein Wesen, das nicht sozial ist, ist deshalb aus dem menschlichen Konsortium ausgeschlossen. Gemeinsam ist den Disziplinen der Wissenschaftsphilosophie, Moralphilosophie und politischer Philosophie zudem, dass sie gar nicht anders können, als sich mit dem Begriff der Natur des Menschen auseinanderzusetzen. So musste insbesondere die Wissenschaftstheorie feststellen, dass viele ihrer Einzelwissenschaften – die evolutionäre Psychologie, die generative Linguistik und die komparative Psychologie, um nur einige Beispiele zu nennen – von dem Begriff Gebrauch machen. Auch Ökonomen nehmen einen Begriff von Kooperation an, der ein Menschenbild voraussetzt. Von daher erweist sich eine vergleichende Perspektive zwischen Wissenschaftsphilosophie, Moralphilosophie und politischer Philosophie als sehr ertragreich.

Neil Roughley hat sich mehrmals um eine Ausdifferenzierung des Begriffes der Natur des Menschen bemüht: Der erste von Roughley geklärte Begriff MN1 dient zur Spezieszugehörigkeit. MN2 (der zweite Begriff) bestimmt die charakteristische menschliche Lebensform. MN3 (der dritte Begriff) charakterisiert das interventionslos Gewordene.2

Dabei hat er sich nicht ausschließlich auf die wissenschaftsphilosophische Relevanz des Begriffes konzentriert, sondern auch die normativen Ansprüche berücksichtigt. Bei seinem mit anderen Kollegen entwickelten, erneuten Versuch 2014, der darauf abzielt, konzeptuelle Klarheit zu leisten, hat er vor allem eine pluralistische These vertreten. Dabei hat er Raum gemacht für mehrere Begriffe, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. Er hat, was die Gebiete angeht, eine eingegrenzte Perspektive eingenommen, um gänzlich darauf zu verzichten, sich mit den normativen Aspekten zu befassen. Dabei ergibt sich allerdings die Frage, ob es überhaupt möglich ist, sich um einen deutlichen und nicht angreifbaren Begriff der Natur des Menschen zu bemühen, der nicht durch eine gewisse Normativität gekennzeichnet ist. Übrigens betrifft diese Ambivalenz alle ähnlichen Versuche in der Wissenschaftsphilosophie. Es ist allmählich deutlich geworden – und die zunehmende technische Eingreifbarkeit auch von diesem Teil der Natur des Menschen trägt zu diesem Bewusstsein bei –, dass man eine physiologische Anthropologie nur betreiben kann, wenn man die psychologische Seite wegdenkt, wie etwa in einer medizinischen Anthropologie. Sobald man aber auf die Natur des Menschen im Rahmen der Evolutionspsychologie oder der behavioristischen Forschung abzielt, wird es schwierig eine nichtnormative Perspektive einzunehmen. Ganz allgemein gilt, dass in der Wissenschaftsphilosophie die Schwierigkeiten mit dem Begriff der Natur des Menschen hauptsächlich mit den Implikationen der Evolutionstheorie verbunden sind. In der Wissenschaftsphilosophie spielen Wesen in der Regel zwei Rollen: Zum einen dient das Wesen einer Sache dazu, die Sache zu definieren; Zum anderen dient das Wesen einer Sache dazu, weitere Eigenschaften oder die Zusammenhänge zwischen den definierenden Eigenschaften zu erklären. Wenn ausreichende und notwendige Bedingungen eingehalten werden, hat das Wesen einer Sache zugleich Bestimmungs- und Erklärungsfunktion. Biologische Arten genügen sehr engen Bedingungen, die eine bestimmende und zugleich erklärende Funktion haben, nicht. Denn um eine natürliche Art zu sein, deren Eigenschaften zugleich bestimmende und erklärende Funktion haben, müssten solche Wesen erstens eine zeitlose und raumlose Klassifikation befriedigen; zweitens müsste es sich um eine bestimmte Eigenschaft handeln, die immer dieselbe ist. Bei einem chemischen Element zum Beispiel ist dieses Wesen die Atomzahl (Hull und Mayr). Aus dieser Zahl ist es dann möglich, drittens, alle weiteren Eigenschaften abzuleiten. Die chemischen Elemente sind das Paradebeispiel für eine solche Auffassung von natürlichen Arten. In der Philosophie der Biologie hat man anhand einer solchen Typisierung den Begriff der Natur des Menschen zu interpretieren versucht. Allerdings sind solche Versuche gescheitert, weil biologische Arten nicht mit natürlichen Arten gleichzusetzen sind. Erstens sind sie räumlich und zeitlich eingeschränkt. In der Moralphilosophie sagt man, dass sie historisch sind. Zweitens kann man keine notwendigen und ausreichenden Bedingungen für die Spezieszugehörigkeit ausfindig machen, weil das Leben extrem variabel ist und jedes Individuum anders. Drittens kann man keine fundamentale Eigenschaft (i.e. ein Wesen, das von einer tieferen Ebene die Phänomenologie beeinflusst) herausfinden, aus der man alle weiteren Eigenschaften ableiten kann.

Um einen Ausweg aus dieser widersprüchlichen Lage zu finden, hat man sich um verschiedene Lösungen bemüht. Zum einen hat man darauf verzichtet, von einem einzigen Begriff der Natur des Menschen zu sprechen. Man kann sich sehr wohl in der Wissenschaftsphilosophie auf verschiedene Begriffe verlassen und somit eine pluralistische Auffassung vertreten. Dabei erfüllt jeder Begriff eine andere Funktion. Es muss nicht derselbe Begriff sein, der sowohl die Bedingungen bestimmt, um entscheiden zu können, ob ein Individuum dazu gehört, als auch zugleich die Eigenschaften des Individuums erklärt. So sind diese unterschiedlichen Funktionen ausdifferenziert und werden von unterschiedlichen Begriffen erfüllt. Kronfeldner, Roughley und Toepfer haben sich bemüht vier Begriffe zu unterscheiden.3

Man kann der essentialistischen Herausforderung auch anders begegnen. Weitere Autoren haben versucht einen Begriff zu entwickeln, der nicht von der Evolutionsbiologie herausgefordert wird, und deswegen nicht ein für alle Mal bestimmt, sondern entwicklungsfähig ist. Nur wenn der Begriff so formuliert ist, kann er anwendbar sein.

Machery verteidigt einen solchen Gebrauch, indem er die Weichen stellt für einen nomologischen Begriff. Der Vorteil seines Begriffes gegen den alten essentialistischen Begriff, der bestimmend und erklärend zugleich war, ist, dass er die folgenden Funktionen erfüllen kann: Beschreiben, Erklären und Begrenzen. Der Begriff hat seine beschreibende Funktion, wenn er es erlaubt, die Charakteristiken der Natur des Menschen aufzuzeigen. Der Begriff hat indes seine erklärende Funktion, wenn der Rekurs auf die Natur des Menschen gewisse Verhaltensmuster zu erklären erlaubt. Und schließlich hat der Begriff eine begrenzende Funktion, wenn durch die Bestimmung der Natur des Menschen gewisse Grenzen festgemacht werden.

Meine Position sondert sich von der Wissenschaftsphilosophie insofern ab, als die Natur des Menschen nicht von außen bestimmt wird. Der systematische Ort solcher Externalität ist in Abhängigkeit von den jeweiligen Theorien als Gebote Gottes, als Forderung der menschlichen Vernunft, oder auch als Übereinkommen zwischen den Menschen zur Regelung ihres Zusammenlebens verstanden worden. In der speziellen Version der Wissenschaftsphilosophie, die sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, wird für die Wissenschaftsphilosophie eine Rolle der Externalität zur Wissenschaft angenommen. Diese Rolle ist laut Befürwortern des Naturalismus hinsichtlich einer Theorie der Natur des Menschen die einzige zuverlässige Quelle, die die Natur des Menschen plausibel machen kann. In meiner Habilitationsschrift habe ich für die These plädiert, dass die Natur des Menschen nicht unabhängig von der vortheoretischen Verständigungspraxis ist. Darüber hinaus zeige ich acht Bedingungen auf, die erfüllt sein müssen, um dem Essentialismuseinwand gerecht zu werden.


  1. Immanuel Kant, AA IV, 412.
  2. Neil Roughley, Was heisst ‚menschliche Natur‘? Begriffliche Differenzierungen und normative Ansatzpunkte, Kurt Bayertz, Die menschliche Natur. Welchen und wieviel Wert hat sie? (Paderborn, 2005).
  3. Maria Kronfeldner et al., Recent Work on Human Nature: Beyond Traditional Essences in Philosophy Compass 9 (9) (2014), 642–652.

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