Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Synthese
fatum 6 | , S. 77
Inhalt

Über das Neue

Täglich schleicht sich etwas Neues in unser Leben. Ungefragt, einfach so, ist es plötzlich da. Obwohl es scheinbar so simpel daher kommt, ist das Neue sonderbar, geheimnisvoll, seltsam und widersprüchlich. Manchmal kann man auch gar nichts damit anfangen:

Es war am Anfang des letzten Jahrhunderts. Ein Forscherteam entdeckt auf Papua-Neuguinea einen bis dato unbekannten Stamm.

Zu Beginn beobachten die Forscher die Eingeborenen und stellen fest, dass diese ein recht friedfertiges Volk sind, welches jedoch noch in der Steinzeit lebt. Der Häuptling erweist sich als freundlich, neugierig und durchaus intelligent. Und so beschließt man, Kontakt mit den Eingeborenen aufzunehmen. Man verständigt sich zwar mehr schlecht als recht, baut aber dennoch langsam Vertrauen zueinander auf. Die Forscher sind sich der wissenschaftlichen Tragweite ihrer Entdeckung bewusst und schlagen dem Häuptling folgendes Experiment vor: Dass dieser – recht unvoreingenommen – die Gelegenheit bekommt, für 24 Stunden in eine für ihn unbekannte Welt zu reisen. Gemeinsam mit den Forschern reist er also nach Singapur. Innerhalb eines Tages bekommt er alles gezeigt, was Singapur zu dieser Zeit zu bieten hatte. Damals alltäglich und Stand der Technik waren der Überseehafen mit den großen Ozeandampfern, mehrstöckige Häuser, Straßen mit Verkehr, Fahrräder, Autos, Kutschen, Menschen, die Kleider tragen, Geld als Zahlungsmittel, der Markt als Handelsplatz, Kulturzentren usw. Die Menschen benutzen Messer und Gabel zum Essen, tragen Brillen als Sehhilfe und leiden schon unter Stress. Der Häuptling schaut sich alles mit ausdrucksloser Miene an und es ist nicht klar, ob es Desinteresse oder Staunen ist.

Am nächsten Tag geht es dann zurück zu seinem Stamm, vollbeladen mit den Eindrücken aus einer anderen Welt. Was die Forscher nun in dem Experiment vorsahen und geplant hatten, war, zu verfolgen, was der Häuptling seinem Stamm von seiner Reise berichten würde. So gespannt wie die Forscher waren, so enttäuscht waren sie auch. Mussten sie doch feststellen, dass nur ein einziges Detail die Aufmerksamkeit des Häuptlings fesselte und alle anderen Neuigkeiten in seiner Welt kein Verständnis fanden und deshalb einfach ausgeblendet wurden. Aufgeregt berichtete er seinen Stammesmitgliedern, dass es in der anderen Welt eine Möglichkeit gibt, noch mehr Sachen, zum Beispiel Bananen, auf dem Kopf zu tragen, als sie es gewohnt waren.1

Was braucht es also, damit das Neue überhaupt als Neues wahrgenommen werden kann?

Versuch einer Annäherung

Ontologisch gesehen scheint das Neue eine sehr subjektive Wahrnehmung zu sein; und zwar zunächst einmal die Differenz zwischen dem individuellen Nichtwissen und dem Wissen über einen Sachverhalt. Das Neue ist dann dasjenige Stück aus dem unendlichen Vorrat des Nichtwissens, das in den Bestand des Wissens übertragen wird:

Zeichnet man mit einem Stift einen Strich auf ein Blatt Papier, kann man sich die Frage stellen Ist das neu?. Nein, denn Schreiben und Zeichnen sind seit Jahrhunderten bekannte Konzepte., könnte man vorschnell antworten. Bei genauerer Betrachtung könnte man auch mit Ja, denn das Blatt war ja vorher weiß entgegnen. Die Bewertung „neu“ hängt demzufolge nicht nur allein von dem Vergleich Wusste oder weiß ich das bereits? ab, sondern auch von der Betrachtungsperspektive (neu aus Konzept- oder Detailsicht). Zeichnen kennt man schon seit den Höhlenmalereien, aus der Konzeptperspektive ist der Strich also nichts Neues. Aus der Detailperspektive hingegen ist er neu.

Aber wie lange gilt für den gezeichneten Strich das Prädikat „neu“? Sobald ich nämlich davon erfahren habe, ist es logischerweise bekannt und somit nicht mehr neu. Oder doch? Betrachtet man es tatsächlich so streng, könnte es jedoch niemals etwas wirklich Neues geben:

In einem Dialog zwischen Sokrates und Menon über Tugend und die Lehrbarkeit formuliert Menon, dass man nicht untersuchen kann, was man nicht weiß. Daraufhin räumt auch Sokrates ein, dass ein Mensch unmöglich suchen kann, weder was er weiß noch was er nicht weiß. Nämlich weder was er weiß kann er suchen, denn er weiß es ja, und es bedarf dafür keines Suchens weiter; noch was er nicht weiß, denn er weiß ja dann auch nicht, was er suchen soll.2

  Unbekannt Bekannt
Schon da gewesen Unentdecktes Altes
Noch nicht da gewesen Neues Erwartetes
Tabelle: Das Neue – ontologisch und erkenntnistheoretisch gesehen.3

Diese logische Brutalität, dank der das Menon-Paradoxon ein Gefühl der Ohnmacht hinterlässt, mag erschrecken, zeigt jedoch die Problematik des Neuen. Das Neue gezielt suchen zu wollen erscheint jedenfalls nicht besonders sinnvoll. Gerade weil man nicht danach suchen kann, kommt das Neue oft als Überraschung verkleidet daher. Bei differenzierterer Betrachtung fächert sich die oben genannte dichotome Pattsituation in Graubereiche auf:

Das Neue in der reinsten Form sollte demnach noch nicht dagewesen und unbekannt sein. So wie der Strich auf dem Papier: In einem Moment ist er noch unbekannt und im nächsten einfach da und wir wissen davon. Diese Phase des Übergangs ist der spannende Punkt, an dem etwas Neues entsteht (Synthese) oder etwas verändert wird.

Kuhn beschreibt in seinem Werk wie die Entdeckung des Sauerstoffes verlief und formuliert in diesem Zusammenhang: … denn das Entdecken eines neuen Phänomens ist notwendigerweise ein komplexes Ereignis, zu dem sowohl die Erkenntnis gehört, daß etwas ist, als auch was es ist.4 (sic). Es hat etwa fünf Jahre gedauert, das Element Sauerstoff als Begriff zu fassen und seine Bedeutung zu verstehen. Das Neue kann sich demzufolge sehr viel Zeit lassen, bis es endlich da ist. Es zu erschaffen (einen Strich oder ein Bild zu zeichnen) kann deutlich länger dauern, als die Information darüber zu verbreiten. Im Alltag hingegen sehen wir alles gewöhnlich nicht so streng, es geht vielfach um Banalitäten. „Neu“ ist dann weniger ein syllogistisches Konstrukt als vielmehr ein Gefühl. Ein neues Auto zum Beispiel besteht solange als neuwertig, bis der Duft des Leders verflogen ist oder wir die Markierung der Reifen nicht mehr lesen können.

Der Umgang mit Neuem

Will man das Neue verstehen, hilft ein Bild von der Veränderung der Welt. Es gibt, wie in Abbildung 1) zu sehen, drei Bereiche: 1.: das Gleichbleibende, z. B. Naturkonstanten und -gesetze; 2.: Das Veränderliche, wie z. B. die Weltbevölkerung und 3.: das Neue.

Zeitlicher Verlauf von Neuem, Veränderlichem und Gleichförmigem.
Abbildung 1: Wie sich die Welt verändert,
© Ulf Pillkahn

Das Neue in diesem Zusammenhang erkennt man am besten, wenn man zehn Jahre zurück denkt und sich fragt: Was gibt es heute, was es damals noch nicht gab?. Spontan fällt den meisten das iPhone oder Facebook ein. Man kann sich also leicht ausmalen, dass es in den nächsten zehn Jahren auch zahlreiche Dinge und Phänomene geben wird, die wir heute noch nicht kennen. Und daran anknüpfend kann man sich überlegen, wie man damit umgeht, wenn man das heute Unbekannte überhaupt bewusst macht.

Es stehen prinzipiell zwei Extrempositionen im Umgang mit dem Neuen zur Verfügung: einmal Anpassen und zum anderen das Irritieren und Initiieren – oder auch die Synthese. Dazwischen liegt irgendwo der Punkt des „Alles-wurscht-Seins“.

Unabhängig davon, wie wir mit dem Neuen umgehen wollen, ist der Mensch als Problemlösungsmaschine „konstruiert“. Seine Sinnesorgane und seine Psyche bringen ihn dazu, permanent Eindrücke, Impulse, Informationen und Ereignisse aus der Umwelt aufzunehmen und zu verarbeiten, unter anderem der kontinuierliche Abgleich neu versus bekannt. Die gemachten Erfahrungen ermöglichen uns dann, aus Situationen zu lernen.

Neues erlaubt jedoch keinen Rückgriff auf Erfahrung. Reaktionen müssen kalkuliert werden und zwar in Routinesituationen anders als in absolut neuen Kontexten.

Kopf, auf den viele kleine Pfeile deuten und von dem ein großer Pfeil weggeht.
Abbildung 2:Problemlösungsmaschine Mensch (Aufbauend auf Immanuel Kants Dreiklang: wahrnehmendurchdenkenbewerten),
© Ulf Pillkahn

Insofern ist es gut, sich mit dem Neuen auseinander zu setzen und den Umgang damit zu trainieren: … denn sein Auftauchen zwingt den Menschen, daran seine Kräfte zu messen und stellt sein Welt- und Eigenbild immer wieder in Frage, was eine Vertiefung seines Wissens und eine Neuorientierung seines Handelns zur Folge hat.5

Menschen unterscheiden sich deutlich darin, wie sie auf das Neue reagieren. Neues kann zu Angstzuständen führen: Riemann unterscheidet die Angstformen „hysterisch“ und „zwanghaft“. Personen, denen man eine Zugehörigkeit zu ersterer Gruppe bescheinigt, fürchten, dass sich nichts mehr ändern wird. Mitglieder der zweiten Gruppe dagegen haben Angst davor, dass sich überhaupt etwas ändern wird. Gegen die Furcht vor Veränderung hat Neues kaum eine Chance.

Koordinatensystem mit vier Extremen: 'hysterisch', 'schizoid', 'zwanghaft' und 'depressiv'.
Abbildung 3: Riemann: Grundformen der Angst6,
© Ulf Pillkahn

Beide Positionen sind sicher Extreme, die zeigen, dass Neues immer wieder zu Entscheidungen zwingt: Wie reagiere ich auf Neues – in welcher Form auch immer es uns entgegentritt? Der Umgang damit hängt in jedem Fall von der persönlichen – subjektiven – Sicht ab.

Reflektion auf das Neue

Der Kern des Fortschritts ist das Neue! Als Individuum kann man sich dem bis zu einem gewissen Grad entziehen indem man es,wie im letzten Abschnitt dargestellt, einfach ignoriert. Organisationen können das zwar auch (zum Beispiel die Gemeinschaft der Amish); für Unternehmen, die miteinander im Wettbewerb stehen kann ein ausgeprägtes Beharrungsvermögen jedoch schnell zum Ruin führen. Die Geschichte ist voll von gestolperten Giganten (Nokia, Kodak, Quelle, …). Grund des Scheiterns? In der Regel ein falscher Umgang mit dem Neuen, zum Beispiel Festhalten an Bewährtem, statt Anpassung an das Neue.

Gerade im Wettbewerb sind Strategien der Anpassung (follower) oder Innovation (first mover) erfolgreiche Strategien. Joseph Schumpeter prägte den Begriff der schöpferischen Zerstörung und empfahl, das Neue – in Form von Innovationen – voranzutreiben. Genau wie für das Individuum ist es auch für Organisationen wichtig, Neues aufzunehmen und zu verarbeiten. Die Fähigkeit hierzu wird bei Letzteren als absorptive capacity bezeichnet. Aus den vielen Einflüssen, Informationen und Neuigkeiten, die auf Unternehmen und Organisationen einprasseln, müssen die relevanten zur Weiterverarbeitung heraus gefiltert werden. Aber wer trifft die Entscheidung darüber, was relevant ist?

Das Neue ist ein vielschichtiges Phänomen, es ist schwer greifbar. Angst vor dem Neuen sollte man nicht haben, im Gegenteil: Neugierde ist wohl der natürlichste Umgang.

Es reicht nicht, Neues zu denken oder darüber zu reden. Das Neue ist erst neu, wenn es „geboren“ ist; Denken allein reicht dafür nicht. Die Synthese beginnt mit der Umsetzung.


  1. Ulf Pillkahn, Trends und Szenarien als Werkzeuge zur Strategieentwicklung (2007); Geschichte leicht geändert.
  2. Platon, Menon, Schleiermacher, Platons Werke (Berlin: Akademie Verlag, 1987), 80d-80e.
  3. Peter Seele, Philosophie des Neuen (2008), 12.
  4. Thomas Kuhn, Struktur der wissenschaftlichen Revolution (1967), 68.
  5. Michael Sukale, Nichts Neues über Neues, Peter Seele, Philosophie des Neuen (2008) 9.
  6. Fritz Riemann, Grundformen der Angst (1991).

Feedback

Anmerkung: Die Angabe Ihrer E-Mail-Adresse dient nur dazu, dass wir Sie benachrichtigen können, wenn Ihr Kommentar freigeschaltet wird. Sie wird nicht mit Ihrem Kommentar angezeigt oder anderweitig veröffentlicht.