Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Synthese
fatum 6 | , S. 80
Inhalt

Finger weg von der Kuh

Die Arbeitszeit je Kuh verändert sich nicht besonders deutlich. Es fällt eigentlich nur die Melkzeit weg.Dafür steigert sich die ‚Beobachtungszeit‘ deutlich weil man ja nicht jede Kuh 2 mal am Tage persönlich begegnet. Nur die Arbeitsqulität wird deutlich besser wei lman ja nicht immer um 5.30 Uhr im Stall ist. Dafür muss man aber quasi rund um die Uhr verfügbar sein, da ein ‚stehnder‘ Roboter falal ist., schreibt ein*e Nutzer*in des Forums landtreff.de*. Darin wird unter anderem über die Einführung von automatischen Melksystemen in Milchviehbetrieben diskutiert. Außerdem tauschen sich die Landwirt*innen über unterschiedliche Themenfelder der modernen Landwirtschaft aus.

Die Digitalisierung der Landwirtschaft nimmt in den unterschiedlichen Sektoren bedeutend zu. Traktoren werden über GPS gesteuert, um die Feldfläche optimal zu nutzen und Saat- und Düngermenge zu minimieren; der Biorhythmus von Nutztieren wird minutiös überwacht, um Leistungssteigerung zu ermöglichen, und Gentechnik züchtet praktikable Euterformen für automatisch arbeitende Melkroboter.

Viele Betriebe stellen auf ein automatisches Melksystem (AMS) um. Dadurch verändert sich der Alltag sowohl für die Milchviehwirt*innen als auch für die Kühe selbst. Beim Blick auf diesen Wandel sind organisationale und soziale Aspekte miteinzubeziehen. So lässt sich verstehen, weshalb einige Milchviehwirt*innen auf ein AMS umsteigen, wie sich deren Alltag und der der Milchkühe ändert und somit auch deren resonatorische Beziehung.

Auf organisationaler Ebene spielt vor allem das verfügbare Kapital der Landwirt*innen eine Rolle. Sie stehen mit ihren Betrieben vor der Entscheidung, ob sie in den kostspieligen Melkroboter und die damit einhergehenden Umbaumaßnahmen investieren wollen und können. Je nach räumlichen Gegebenheiten und Betriebsgröße schwanken die Kosten für die Umstellung auf ein AMS stark. Auf landtreff.de wird von Kosten – je nach Größe und Kapazität variierend – zwischen 120.000 und 160.000 Euro berichtet. Miteinzuberechnen sind die laufenden Reparaturmaßnahmen, kostenintensive Serviceverträge, Wartungsarbeiten, das Softwarepaket zur Datenauswertung und zusätzliche Stromkosten für beispielsweise die Kühlung des Melksystems. Bedeutend ist außerdem, dass die Kühe für ein Melken mit dem Roboter geeignet sein müssen. Dafür gibt es zwei Faktoren: Zum einen gehen manche Kühe trotz langer Eingewöhnungsphase und Futteranreize nicht freiwillig in die Melkbox hinein. Zum anderen sind manche Kühe aufgrund ihrer Euterform mittels eines AMS nicht melkbar. Dahingehend wird bereits Genforschung betrieben, um konstant AMS-kompatible Euterformen zu züchten.1 Ebenso werden die AMS von den Anbietern verbessert, um eine niedrigere Ausfallquote an Kühen zu produzieren. Diese liegt laut Erhebungen bei bis zu 15 Prozent.2 Zur Verbesserung der AMS sind die Betreiber auf Datengewinnung in den Betrieben und auf Lernen durch gesammelte Erfahrungen angewiesen. Letztlich hängt die Entscheidung vom Willen der Landwirt*innen selbst – und ggf. deren Familie – ab, sich auf den langwierigen Umstellungsprozess einzulassen.

Diese verändern sich vor allem dahingehend, dass sich die klassische körperliche Arbeit der Landwirt*innen hin zu einer Schreibtischtätigkeit wandelt. Der Rückgang an körperlicher Arbeit steigert die Lebensqualität und den Komfort, denn weniger körperliche Arbeit sichert anhaltendes Einkommen auch im Krankheitsfall und hohen Alter und verringert die Verletzungsgefahr.3 Mein Mann sagt immer zu den Leuten: Seit wir den Roboter haben ist unsere Lebensqualität enorm gestiegen. Lange schlafen am Wochenende ist drin, auch mal Urlaub, gab es vorher nie! Die körperliche Belastung ist nun minimal geworden. […]

Außerdem gestaltet ein AMS den Alltag im Milchviehbetrieb flexibler. Bei herkömmlichen Melksystemen war das aktive Mitwirken der Landwirt*innen zweimal täglich gefordert. Nun wird die Regelmäßigkeit der Melkzeit im Stall auf eine freier einteilbare Beobachtungszeit am Computer verlagert, wodurch eine flexiblere Zeiteinteilung möglich ist. Naja allein schon das nicht mehr angebunden sein an die Melkzeit schafft schon mehr zeit für die Familie… an einem schönen Tag kann man mit der Ganzen Familie wandern gehen oder ins Schwimmbad und man musst nicht schon um fünf oder so zuhause sein zum Melken. Oder man kann zum Geburtstag von Freunden … usw. […] (sic). Allerdings wird diese Flexibilität bei Störfällen auch von den Milchviehwirt*innen gefordert, da diese am AMS beispielsweise auch nach Feierabend auftreten können.

Klassisches Melkkarussell
Das Melkkarussell bei Hemme Milch in Wedemark, Niedersachsen
Quelle: Thomas Fries, CC BY-SA 3.0 : https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2014-07-25_Melkkarussel_-_Hemme_Milch_(5).jpg

[…] Der robbi [Anmerkung: Melkroboter] wird sich (hoffendlich) nicht jeden tag(oder nacht!) melden, aber wenn er sich meldet dann muss es fix gehn, denn die melkzeit ALLER kühe verschiebt sich, gerade bei gut ausgelasteten anlagen führt eine stillstandzeit von >2h zu merklichen ausfällen! […] (sic)

Ein stehender Melkroboter wäre fatal, sowohl für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Kühe, als auch wegen monetärer Einbußen, wodurch die Abhängigkeit von der eingeführten Technik deutlich wird. Zudem erhöht sich die Flexibilität – wenn man so will, die Selbstbestimmtheit – der Milchkühe. Diese können sich individuell selbstständig bei Bedarf – aufgrund zunehmenden Euterdrucks – melken lassen, während andere Techniken die Melkzeiten der Kühe vereinheitlichen. Die zunehmende „Selbstbestimmung“ der Kühe führt auch zur Steigerung der Milchproduktion. Denn die Melkfrequenz einer Kuh pro Tag liegt mit AMS bei durchschnittlich ungefähr 2,7.4 Somit dient mehr Autonomie – in dieser Hinsicht – dem individuellen Bedürfnis der Kühe und der Ertragssteigerung der Landwirt*innen. Allerdings sind hierbei die oben angesprochenen höheren Kosten eines Melkroboters zu bedenken, wodurch der Mehrertrag durch einen höheren Milchumsatz bei gleichbleibender Kuhzahl schrumpft.

Folgen des organisatorischen Wandels durch die AMS zeigen sich in der Resonanzerfahrung der Milchviehwirt*innen im Arbeitsalltag: Die Präsenz im Stall beim Melken der Kühe wird an das digitale Endgerät verlagert. Somit transformiert sich die körperliche Arbeit in eine softwaregestützte Datenauswertung, um das Funktionieren des Melkvorgangs und die Gesundheit der Kühe zu überwachen: […] Die Tiere werden im Robby vollständig überwacht, es müssen nur noch die Daten abgerufen werden. Eine bessere Tiergesundheit versteht sich von selbst, besonders Euterkrankheiten werden in den ersten Stunden erkannt. […] Melkstand mit nur 2maligen melken bei einer 10 000 kg Kuh grenzt schon an Tierquälerei und gehört zur Kategorie : Auslaufmodell […] (sic).

[…] Robby oder nicht hängt sehr vom Betreibsleiter ab. Denn die Zeit die man mit Melken am Tag verbracht hat, muss bzw sollte man für Tierbeobachtung und Datenauswertung aufbringen […] (sic). Anstatt durch die eigenen Sinne in körperlicher Kopräsenz die Verfassung der Tiere zu begutachten, verlagert sich dies großteils auf die Auswertung der gesammelten Daten. Dabei wird die menschliche Arbeitskraft durch Maschinen5 und sinnliche Wahrnehmung durch automatische Datengenerierung ersetzt. So geht die unmittelbare Resonanz des eigenen Körpers in der Muskelbewegung und des Umfeldes in Gestalt von Gerüchen und Geräuschen im Stall verloren.

Auf landtreff.de wird allerdings auch von Gegenteiligem berichtet: […] der Aufenthalt im Stall wird durch die Anschaffung eine Robbys eher mehr als weniger, weil man viel mehr seine Tiere beobachten muss um so auch die Daten die der Robby ausspuckt auswerten zu können. (Drum ist bei so einem Berieb meistens immer jemand in der Nähe)[…] Hab schon mit einigen Robby-Betreiben gearbeitet und festgestellt, wenn man die Zeit vom Melken (vll nicht die ganze zeit aber 2/3 davon) nicht für Tiergesundheit, Tierbeobachtung und Datenauswertung aufbringt, kann man sich eigentlich gleich einen Melkstand bauen. (sic)

Dennoch war die Milch zuvor ein unmittelbares Resultat der eigenen körperlichen Arbeit. Dadurch wirkte diese befriedigend und sinnvoll und ließ Identifikation mit der Arbeit zu. Durch das distanzierende Element des Melkroboters kann man von einem Verlust dieser Resonanzerfahrungen der Landwirt*innen sprechen und damit geht möglicherweise ein Authentizitätsverlust einher.

Im Besonderen wandelt sich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier – deren Resonanzbeziehung. Mit diesem Begriff halte ich mich an Hartmut Rosa, der unter Resonanz grundlegend das Mitschwingen oder Widerhallen eines Körpers auf die Impulse eines anderen versteht.6 Damit ist allerdings nicht das rein physikalische Echo gemeint, sondern das anregen der Eigenfrequenz eines zweiten Körpers.7

Hier konkret meint das die gegenseitigen resonatorischen Impulse, die Resonanzbeziehung, zwischen Mensch und Tier, Landwirt*in und Kuh, Produzent und Produktionsmittel.

Die sinnlichen Eindrücke werden durch Abnahme der Kopräsenz im Stall und somit den unmittelbaren Resonanzraum gemindert. Es kann eine zunehmende Distanzierung zu den Kühen erfolgen durch weniger unmittelbaren Kontakt. Dadurch bestehen weniger Gelegenheiten für gegenseitige Resonanz und womöglich auch für eine emotionale Bindung – sofern die in der Nutztierhaltung überhaupt noch zu finden ist.

Die Diskrepanz zwischen den unterschiedlichen Herangehensweisen und resonatorischen Beziehungen zwischen Landwirt*in und Kuh wird an folgendem Dialog besonders deutlich: Warum muss/soll ich mir jedes Tier 2 mal am Tag angucken? Ein Tier, das in der Leistung normal ist, Wiederkaut, Leitfähigkeit usw. i.O. ist und von alleine mind. 2 mal, meist sogar öfter am Tag zum Robbi geht WILL ich nicht mehr sehen. Warum auch? Zeitverschwendung! Wenn auch nur irgendetwas nicht in Ordnung ist, dann merkt man dies an Leistung oder Laufverhalten. Und dies schneller, als manch anderer. (sic) Darauf bezieht sich ein*e andere*r Nutzer*in wie folgt: Muss man nicht, aber das ist der Unterschid zu dem Bauern, der Angst hat dadurch die Kontrolle zu verlieren und sich von den Tieren zu entfremden. Der eine machts mit Herz, der andere nicht. (sic)

Außerdem tritt der Mensch aus den individuellen Melkvorgängen heraus, ist nicht gleichzeitig anwesend und bestimmt auch nicht mehr deren Zeitpunkt. Die Milchkühe erhalten, wie bereits dargestellt, Autonomie über den Melkzeitpunkt und -frequenz. Dabei gehen die Nutztiere** eine Hybridverbindung (anschließend an Bruno Latour8) mit dem AMS ein. Nun melkt nicht mehr der Mensch selbst oder ist zumindest aktiv am Melkprozess beteiligt, sondern es beschränkt sich auf eine Tier-Technik-Verbindung, die das Melken ermöglicht und abwickelt. Daher wird die Kopräsenz von Mensch und Tier im Stall durch ein technisches System abgelöst.

Bei der Umstellung auf ein AMS wird der Versuch unternommen, Lebewesen als Ressource zu automatisieren – also eine Automatisierung des Nicht-Automatisierbaren. Die sogenannten „Problemkühe“ widersetzen sich auch nach einer Eingewöhnungsphase dem Melken im AMS. Dadurch entsteht eine Ausfallquote, die unterschiedlich gehandhabt wird. Zusätzliche Arbeit entsteht für die Landwirt*innen, die die „Problemkühe“9 entweder regelmäßig nachtreiben müssen, oder für wenige Kühe wieder auf andere Melktechniken zurückgreifen. Dadurch sind diese wieder an einen zweimaltäglichen Melkrhythmus gebunden und die Flexibilität und Zeitersparnis im Stall durch das AMS geht verloren. Daher werden solche Tiere häufig geschlachtet, was die Annahme nahelegt, dass sich manche Landwirt*innen leichter von ihren Tieren trennen, wenn diese im Alltag weniger physisch präsent sind. Denn ein Nutztier als Produktionsmittel verliert im Falle der Verweigerung des AMS seine Daseinsberechtigung. Somit kommt neben der Euterinkompatibilität auch die Verweigerung des AMS zu diversen Schlachtgründen hinzu wie seit jeher für Kühe, die keine oder zu wenig Milch geben.

In Hinblick auf einen verantwortungsvollen Umgang mit Tieren, selbst wenn sie zu einem bestimmten Nutzen gehalten werden, bleibt nun die Frage offen, ob ein AMS einen Gewinn oder Rückschritt für die Milchkühe darstellt. Schlussendlich bleibt es Massentierhaltung unter naturfernen Lebensbedingungen. Aus diesen zieht sich nun der letzte menschliche Kontakt zurück und distanziert sich von den Milchproduktionshybriden.


  1. Lewis Holloway, Subjecting cows to robots: farming technologies and the making of animal subjects in Environment and Planning D: Society and Space, vol. 25 (2007), 1041–1060.
  2. Jürgen Trilk et al., Bewertung der Anwendung Automatischer Melksysteme, Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg, Landwirtschaft, Gartenbau und Ernährung (Frankfurt a.d. Oder, 2006), 60.
  3. Katharina Duchaczek, Die Milch, die Modernisierung und der Melkroboter: Die Mechanisierung der Landwirtschaft aus Sicht der St. Georgener Bäuerinnen und Bauern (Wien, 2012), 88.
  4. Trilk et al., 43. (a.a.O.)
  5. Duchaczek, 38. (a.a.O.)
  6. Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2016), 282.
  7. Ibid.
  8. Bruno Latour, Die Hybriden breiten sich aus in Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, (Berlin: Akademie Verlag, 1995), 7–21.
  9. Trilk et al. (a.a.O.)
  10. Duchaczek, 89 f. (a.a.O.)

Neue Wege der Tierethik, Teil IV
Die Fortsetzungsfolge „Neue Wege der Tierethik“ verfolgt einen inklusiven Ansatz. Sie lässt Personen unterschiedlicher (Fach-) Hintergründe mit verschiedenen Perspektiven auf Tiere zu Wort kommen und schlaglichtartig einzelne kontroverse Aspekte und Ansätze aus dem Bereich der Tier­ethik beleuchten. Themenvorschläge, Anregungen und Kritik sind jederzeit erwünscht.


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