Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Synthese
fatum 6 | , S. 26
Inhalt

Technik als Projektion des Organismus

Ernst Kapp und die Ursprünge der Technikphilosophie

Der Philosoph Ernst Kapp (1808–1896) gilt als einer der Begründer der modernen Technikphilosophie. Ausgehend von der These, alles Technische könne als Projektion menschlicher Organe auf Artefakte betrachtet werden, versucht er, die Frage nach dem Wesen der Technik zu beantworten. In diesem Verständnis wäre Technik nichts anderes als eine Erweiterung des menschlichen Körpers und Geistes.

Betrachtet man beispielsweise die in neueren Computer-Prozessoren verwendete Turbo-Boost-Technologie lassen sich erstaunliche Parallelen zum Hormonsystem feststellen. Stellt der Prozessor einen Bedarf nach mehr Rechenleistung fest, so kann die Taktfrequenz über einen kurzen Zeitraum angehoben werden.

Ähnlich regelt das Hormonsystem des Menschen zum Beispiel den Puls. Erkennt das Gehirn als zentrales Steuerorgan eine Gefahr, so sendet es Befehle an die jeweiligen Drüsen, um Hormone auszuschütten. Diese gelangen daraufhin in den Blutkreislauf und aktivieren nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip die jeweiligen Organfunktionen.1

Eine erste theoretische Beschreibung des zugrundeliegenden Gedankens wurde von Kapp in seinem 1877 erschienenen Buch Grundlinien einer Philosophie der Technik formuliert. Kapp geht es darum, die Verwandtschaft des Werkzeugs mit dem Organ [zu betonen, und zu zeigen], daß der Mensch in dem Werkzeug stets nur sich selbst produziert.2 Dies geschieht dabei stets unbewusst.

Eine besondere Rolle spielt für Kapp die menschliche Hand. Ihr kommt im Hinblick auf die Organprojektion eine dreifache Funktion zu: Als das angeborene Werkzeug des Menschen werden durch sie Werkzeuge hergestellt, die wiederum dem Vorbild der Hand nachgebildet sind. Kapp nennt eine Reihe an Beispielen von Werkzeugen, die von der Hand projiziert sind: Der Hammer als Projektion von Unterarm und geballter Faust, der Haken als Nachbildung des gekrümmten Fingers oder die Schale als Abbild der hohlen Hand.

Das Motiv der Organprojektion ist jedoch nicht auf vermeintlich primitive Werkzeuge, wie Hammer oder Haken, beschränkt. Auch komplexe technische Systeme lassen sich als Projektion beschreiben. Hierbei zeigt sich vor allem der unbewusste Charakter der Projektion. Kapp verdeutlicht dies anhand einiger Beispiele.

Zwar kann die Dampfmaschine nicht als Projektion eines einzelnen Organs beschrieben werden, jedoch lässt sich in ihr eine Projektion des gesamten menschlichen Organismus erkennen. Unter Berufung auf Otto Liebmann, Hermann von Helmholtz und Robert Mayer zeigt Kapp eine Reihe von Analogien zwischen Mensch und Dampfmaschine auf: Beide sind aus beweglichen Teilen aufgebaut, die durch Gelenke miteinander verbunden sind. Durch das Zusammenwirken dieser Teile kann mechanische Arbeit verrichtet werden. Beide sind auf die Aufnahme von Energieträgern angewiesen, durch deren Verbrennung Wärme und Kraft gewonnen werden. Durch diesen Vorgang treten Verbrauch und Abnutzung ein. Eine Beendigung der Energiezufuhr oder der Defekt eines Organs, beziehungsweise Maschinenteils, führt zum Tod, beziehungsweise Stillstand.

Nahaufnahme einer offenen Hand
Geöffnete Hand
Quelle: Nature_Thing, CC0 Public Domain: https://pixabay.com/en/hand-pattern-abstract-structure-2232562/

Am Beispiel des Telegrafennetzes zeigt sich noch deutlicher der Aspekt der Unbewusstheit der Organprojektion. Kapp beschreibt diesen Vorgang wie folgt: Die unbewußt nach organischem Muster vor sich gehende Anfertigung, demnächst die Begegnung, das Sichfinden von Original und Abbild nach dem logischen Zwang der Analogie, und dann die im Bewußtsein wie ein Licht aufgehende Übereinstimmung zwischen Organ und künstlichem Werkzeug […].3 Die Kabel des Telegrafennetzes stellen eine Projektion des menschlichen Nervensystems dar. So wie die menschliche Nervenscheide aus Bündeln einzelner Nervenstränge aufgebaut ist, bestehen Telegrafenkabel aus einzelnen Drähten, die durch Isolationsschichten voneinander getrennt sind. Diese Entsprechung von Nervensystem und Telegrafennetz ist jedoch nicht im Sinne einer geplanten und absichtlichen Nachbildung zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um ein nachträgliches Erkennen von Parallelitäten in Funktionsweise und Struktur.

Dennoch spricht sich Kapp deutlich gegen eine degradierende […] mechanistische […] Weltanschauung von der Maschinenwerdung des Menschen sowie von der Menschwerdung der Maschine4 aus.Anhand der aufgezeigten Analogien könne keine Identität zwischen Mensch und Maschine begründet werden, da der Mensch im Gegensatz zur Maschine über Intelligenz verfügt.

Darüber hinaus ist auch der von Kapp betonte Aspekt der Unbewusstheit von Projektionen, die erst im Nachhinein als solche identifiziert werden können, kritisch zu betrachten. Ob die Projektion einer bestimmten Technik von einem bestimmten Organ durch den Menschen erkannt wird, ist letztlich irrelevant für die Existenz der Projektionsleistung an sich, da diese immer gegeben ist. Durch die Kapp’sche Festschreibung als unbewussten Vorgang wird die Organprojektion also zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung reduziert.

Des Weiteren lässt sich einwenden, dass manche technischen Artefakte sehr wohl als explizit bewusste Nachbildungen oder Projektionen aufgefasst werden können. Dies zeigt sich besonders deutlich am Beispiel von Prothesen oder künstlichen Gelenken.

Worauf Kapp keine Antwort gibt, ist die Frage nach dem Sinn von Technik oder anders ausgedrückt, welche Technik gerechtfertigt werden kann.

Allerdings ist der wohl entscheidende Aspekt an der Theorie der Organprojektion ein anderer: Kapp gibt mit seinem Werk implizit eine Antwort auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Philosophie der Technik.

Platon beschreibt in seinem Werk Theaitetos die Aufgabe, beziehungsweise die Tätigkeit, eines Philosophen wie folgt: Was aber der Mensch ist, und was zu tun und zu erleiden einem solchen Wesen im Unterschied von den anderen zukommt, danach sucht er und das zu erforschen müht er sich.5

Kapp stellt nun fest, dass der Mensch in seiner Technik immer nur sich selbst produziert. Daher ist ein philosophischer Umgang mit der Technik gleichzeitig auch ein philosophischer Umgang mit dem Menschen an sich. Gerade dies ist laut Platon die Aufgabe der Philosophen, wodurch letztlich eine Philosophie der Technik ihre Legitimation erhält.


  1. Detlef Doenecke und Peter Karlson, Karlsons Biochemie und Pathobiochemie (Georg Thieme Verlag: Stuttgart, 2005).
  2. Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik, Thomas Zoglauer (Hrsg.), Technikphilosophie (München, Freiburg: Alber, 2002), 72.
  3. Ibid., 79.
  4. Ibid., 77.
  5. Platon, Theaitetos 174b.

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