Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Synthese
fatum 6 | , S. 45
Inhalt

Kann uns Kunst die Brille aufsetzen?

S lavoj Žižek zufolge leben wir im postideologischen Zeitalter des Liberalismus in einer viel problematischeren Verkörperung der Ideologie.1 Denn Ideologie ist zu unserem Naturzustand geworden und uns somit nicht mehr bewusst. Ähnlich wie Theodor W. Adorno geht Žižek davon aus, dass das Subjekt im Kapitalismus an Freiheit verliert, da es sich in der Realität als selbstbestimmt wahrnimmt, jedoch nicht merkt, inwieweit sein Handeln durch gesellschaftliche, politische und vor allem wirtschaftliche Muster, sowie Strukturen, bestimmt ist. Nach Adorno hat das Subjekt jedoch die Chance sich in der Kunst ein stückweit zu befreien, indem es in der Auseinandersetzung mit der Kunst, welche die bestimmte Negation der Realität darstellt, zur Reflexion angeregt wird.2

Ähnlich wie Adorno geht ŽŽižek davon aus, dass man sich aus der Realität, die eine Synthese mit Ideologie bildet, befreien kann, indem man die Möglichkeit erhält sich mit ihren unbewussten Mustern und Strukturen auseinanderzusetzen. Žižek verweist hierbei auf den Film Wir Leben von John Carpenter. In diesem wird sich der Protagonist Jon Nada der Ideologie bewusst, indem er sich eine Brille aufsetzt, wodurch die, den Gegenständen und der Umwelt zu Grunde liegende, Ideologie in ihren verschiedenen Ausprägungen zum Vorschein tritt.

Ohne Adorno und Žižek über einen Kamm scheren zu wollen, könnte man meines Erachtens die Kunst als eine Art Brille betrachten. Jene wäre etwas anderes als die Brille in Carpenters Film, die einen positiven Blick auf die Strukturen von Systemen und Ideologien zulässt, denn die Kunst als Brille könnte sich nur negativ auf das der Realität Zugrundeliegende beziehen. In der bestimmten Negation der Realität durch das Kunstwerk käme somit das, was nicht ist, zum Vorschein. Das Subjekt hätte somit zwar keine direkte Einsicht in das Nicht-Seiende, würde jedoch durch die Auseinandersetzung mit dem Werk zu einem Reflexionsprozess gelangen, indem es durch die Konfrontation mit sich selbst den unbewussten Strukturen und Mustern seines Handelns bewusst werden würde. Die Frage, die ich mir hinsichtlich dessen somit stellen möchte, ist, ob uns Kunst eine derartige Brille aufsetzen kann?

Der Spätkapitalismus ist Ausgangspunkt von Adornos Systemkritik. Adorno geht es um die Ideologie des Kapitalismus, als einem System durch das der Mensch Stück für Stück seine Freiheit in der Verdinglichung verliert. Verdinglichung bezieht sich hierbei auf die Austauschbarkeit des Menschen im System des Kapitalismus. Indem alleinig die ausgeführte Leistung des Menschen zählt, wird das Subjekt ersetzbar. Es wird zu einem Ding. Denn als Objekt, über das verfügt werden kann, verliert das Subjekt an individueller Bedeutung, für den Markt sowie für sich selbst. Die Kulturindustrie soll hierbei den Ausgleich zum harten Arbeitsalltag schaffen.3 Jedoch dient diese unterschwellig nur dazu, dem Menschen Freiheit vorzuspielen und ihn durch den Konsum, der wiederum einen Grund für die Arbeit hervorbringt, von seiner realen Verdinglichung abzulenken. Das Subjekt kann sich somit dieses sublimierten Prozesses nicht bewusst werden.4

Žižek und Adorno sind sich in diesem Punkt meines Erachtens sehr nahe, denn beide gehen von der Unbewusstheit der systemischen Strukturen, beziehungsweise der Ideologie aus. Žižek sieht hierbei die Ideologie in mannigfaltigen Formen in unseren Alltag unterwandert. Mit Ideologie meint Žižek gesellschaftliche, kulturelle oder auch wirtschaftliche Muster und Strukturen, die das Handeln sowie das Denken des Menschen sublimieren. Indem die Ideologie uns nicht mehr von außen, dass heißt politisch, aufgezwungen wird, sondern wir uns scheinbar als freie Subjekte direkt für unsere Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Werte entscheiden, leben wir unmittelbar in ihr, wir gehen eine Synthese mit ihr ein. Die Krux liegt hierbei in der Freiheit, denn sie tarnt als Maske die Herrschaft. Wir wähnen uns als selbstbestimmt, jedoch sind wir in unserer Bezugnahme auf die Welt durch das Kapital geleitet. Ein Beispiel, das Žižek in einem Fernsehinterview mit Barbara Bleisch analysiert hat, war hierbei Fair-Trade-/Bio-Schokolade.5 In unserem liberalen Zeitalter, das von Freiheit in Form von Selbstbestimmtheit geprägt ist, denken wir, wir täten der Umwelt und anderen Menschen etwas Gutes, indem wir eine Schokolade kaufen, die auf ökologische Nachhaltigkeit sowie ökonomische Gleichverteilung Anspruch erhebt. Selbstbestimmt wie wir sind, entscheiden wir dies aus freien Stücken heraus, da unser moralisches Gewissen uns dazu rät. Was wir aber nicht erkennen, ist die Ideologie, die sich hinter dieser vermeintlich allroundtalentierten Schokolade verbirgt, nämlich nebenbei noch die Welt retten zu müssen. Anstatt etwas zu tun, das anderen Menschen tatsächlich helfen kann, wie Hilfsprojekte vor Ort zu unterstützen, denken wir mit etwas Fair-Trade-/Bio-Schokolade ist es getan. Jedoch unterliegen wir hierbei einer Ideologie, die unser schlechtes Gewissen affiziert, um uns zum Kaufen anzuregen.

Schwarz-weiß-Aufnahme eines Schwimmbeckens.
Wie Menschen gelenkt werden,
Schwimmbad © Carina Pilz

Die Ideologie ist bei Adorno wie bei Žižek somit ein sublimiertes Moment, das den Menschen sich frei wähnen lässt. Im Gefühl der Selbstbestimmtheit erkennt das Subjekt jedoch nicht die Herrschaft, die durch die vermeintliche Freiheit getarnt wird und in Bezug auf Adorno ihr eigenes Verkommen zu Objekten. Denn das Subjekt kann der Ideologie im Denken nicht entkommen, da dieses der Täuschung der Realität unterliegt.

Die Frage, die sich jedoch nun stellt, ist, warum gerade die Kunst zur Reflexion befähigen soll? Denn diese könnte doch genau wie die Fair-Trade-/Bio-Schokolade nur dem Konsum frönen. Die Kunst hat jedoch, anders als die Fair-Trade-/Bio-Schokolade, die Fähigkeit, die Realität aufzubrechen, indem sie die bestimmte Negation zur Wirklichkeit ist, und somit negativ auf das Bezug nimmt, was aus dem Seienden ausgeschlossen ist. Das Nicht-Seiende, das im Kunstwerk hierbei in seiner Negativität zum Aufscheinen kommt, ist das erste Moment der Befreiung des Menschen aus dem Prozess der Verdinglichung. Denn es führt dazu, dass das Subjekt auf sich und seine Vorstellungen zurückgeworfen wird. In der Auseinandersetzung mit sich selbst entsteht ein Reflexionsprozess, aus dem eine Bewusstwerdung der Strukturen und Muster hervorgeht, welche als Ideologie das eigene Denken und Handeln bestimmen.

Anders als Adorno, der sich selten und zuweilen in einem negativen Sinne zur Performance äußerte, möchte ich die Bedeutung der Performance im Prozess dieser Bewusstwerdung hervorheben. Meines Erachtens ist sie die unmittelbarste Möglichkeit, mit dem Nicht-Seienden in Berührung zu kommen und durch eine aufgehende Erfahrung in ihr das eigene Sein in Frage zu stellen. Denn in der Performance eröffnet sich ein Raum, in dem der Körper zum ersten Erfahrungspunkt des performativen Ereignisses wird. Es wird somit schwer bis nahezu unmöglich, in der Rationalisierung des Erlebten einem Berührt-Werden zu entgehen. In der Betrachtung eines Kunstwerkes ist dies einfacher, denn das Werk ist immer schon getrennt vom eigenen Leib. Es kann als zu erblickendes Objekt leicht den Mustern einer bestehenden Weltsicht untergeordnet werden und somit dem eigentlichen wertvollen Moment, des Aufbrechens der Realität, entgehen.

Eine der ersten Formen der Performance im 20. Jahrhundert war die künstlerische Bewegung des Dadaismus. Am 5. Februar 1916 trat diese im Züricher Cabaret Voltaire erstmals in Erscheinung. In einer negativen, von gauklerischen und närrischen Momenten geprägten Bezugnahme auf die Realität versuchte der Dadaismus auf das Grauen des Ersten Weltkriegs zu reagieren. Hierfür vereinte er Elemente der Wirklichkeit zu einer Art Kollage, sodass diese in ihrer Absurdität angesprochen werden konnte, ohne direkt auf sie Bezug zu nehmen. Ein wichtiges Moment der Strömung war hierbei das ad absurdum Führen der Sprache. Denn diese hatte laut den Dadaisten in ihren Möglichkeiten versagt, da sie den Menschen immer weiter in die Grausamkeit stürzte, anstatt ihm durch die Vernunft aus der Unmenschlichkeit zu verhelfen. Der Körper und die Unmittelbarkeit des Lauts wurden somit zum wichtigsten künstlerischen Mittel des Dadaismus, um auf ein Nicht-Seiendes zu verweisen. Durch sie sollte die Begrenztheit des Seienden zum Vorschein gebracht werden und auf die Möglichkeiten verwiesen werden, die außerhalb dessen, was ist, bestehen. Indem die Sprache bis hin zum Laut aufgebrochen wurde, sollte ihr Missbrauch verdeutlicht werden und auf das Potential der Auseinandersetzung mit den bestehenden Strukturen verwiesen werden. Das Subjekt bekommt die Möglichkeit, sich aus der Ideologie zu befreien, denn es trifft in der Performance, die die bestimmte Negation der Realität ist, auf einen Widerstand in seinem bestehenden Weltbild, wodurch es sich selbst in seinen Vorstellungen in Frage stellen muss.

Als der Dadaismus im Laufe des 20. Jahrhunderts wieder zu verblassen begann, setzte sich in weiteren performativen Bewegungen, vor allem nach dem zweiten Weltkrieg, der Körper als künstlerisches Element durch. Der Wiener Aktionismus versuchte hierbei auf die Unterdrückung des geschehenen Grauens zu reagieren und in der Auseinandersetzung mit dem Körper sowie der Körperlichkeit einen Ausweg aus der Pervertierung der „heilen“ Gesellschaft zu finden. Wie der Dadaismus trat der Wiener Aktionismus somit als Reaktion auf, um die Täuschung der Realität zu durchbrechen.

Dem Dadaismus entgegen befasste sich der Wiener Aktionismus jedoch mit den Abgründen des Subjekts, bis hin zum Versuch, dieses komplett aufzulösen, um das Nicht-Seiende in seinen performativen Aktionen zum Vorschein zu bringen. Die Wiener Aktionisten verwendeten hierfür vor allem das künstlerische Element des Körpers, der u. a. durch Selbstverletzungen bis zum Äußersten gebracht wurde, um die Grenzen des Leibs zu erforschen. Hierbei riefen die Wiener Aktionisten vorwiegend Momente wie Ekel, Abscheu, Entsetzen und Grausamkeit in ihren Performances hervor. Dies sollte auf eine sehr archaische Weise den Menschen mit seinem eigenen Tier-Sein konfrontieren, um ihn aus dem pervertierten Schein der „heilen“ Welt zu befreien und das Subjekt im Aufbrechen des Trugs auf seine eigenen unterdrückten Tiefen zu verweisen.

Kunst ist also eine Möglichkeit, den Menschen auf die Ideologie im eigenen Denken und Handeln aufmerksam zu machen und ihn somit aus dem eignen Trugbild der Realität zu befreien. Hierbei erschließt die Performance ein besonderes Moment in der Kunst. Denn durch die Unmittelbarkeit, die durch den Körper als Ereignis hervorgebracht wird, ermöglicht sie dem Subjekt eine lebendige Erfahrung des Nicht-Seienden.6 Sie bringt in sich einen Augenblick hervor, der nicht wiederholt werden kann und der in seiner Unwiderrufbarkeit ein Erlebnis ermöglicht, aus dem das Subjekt nicht entkommen kann und es sich somit auf eine direkte Weise mit sich selbst auseinandersetzen muss. Strukturen und Muster werden hierbei aufgebrochen. Sie werden bis zur Unkenntlichkeit der Sprache im Laut sowie der Infragestellung des Subjekts im Schmerz zergliedert, um aus den Bruchstücken eine Reflexion in Gang zu setzen, die sich von alten überkommenen Anschauungen löst und sich für Neues öffnet. Inwiefern Kunst ein nihilistisches Moment braucht, ohne dem Nihilismus zu verfallen, um jenen Augenblick des Sich-Lösens zu ermöglichen ist hierbei eine andere Frage. Bis zum jetzigen Zeitpunkt erwiesen ist jedoch, dass es einen gewissen Willen zur Zerstörung braucht, um sich der Instrumentalisierung des eigenen Leibs bewusst zu werden. Nur wer sich vor den eigenen Abgründen nicht scheut kann sich in der Reflexion befreien und dem Dasein als Objekt entkommen.


  1. Slavoj Žižek, Auf verlorenem Posten (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2012).
  2. Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1970).
  3. Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft: Prismen. Ohne Leitbild., Vol. 10. (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977).
  4. Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1966).
  5. O.A., Slavoj Žižek: Nieder mit der Ideologie!, Barbara Bleisch, Sternstunde Philosophie (SRF, 2016).
  6. O.A., Mein Körper ist das Ereignis. Wiener Aktionismus & internationale Performance (Wien, 2015), https://www.mumok.at/de/events/meinkoerperistdasereigniswieneraktionismusinternationaleperformance (aufgerufen am 12. Mai 2017).

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Ein toller Artikel; der das Leben zum Leuchten bringt! Eine sehr schlüssige Kunsttheorie mit einer plausiblen Weltsicht.

Heinz-Werner Kessler
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