Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Synthese
fatum 6 | , S. 11
Inhalt

Nichts existiert ohne Vermittlung

Du kannst dir deine Welt aus allen möglichen Teilen zusammenbauen – aus Büchern, Zeitungen und viel Papier; aus digitalen Archiven, Fußballvereinen und Geldscheinen; aus Blogs, Online-Communities und interaktiven, superaktiven, superrelativen Kommunikationsplattformen, wo du manchmal nur auf programmierte Attrappen stößt und manchmal auch auf echte Menschen. Mit ihnen kannst du dann zu seltsamen Uhrzeiten über seltsame Themen noch seltsamere Diskussionen führen. Über die Welt im Allgemeinen wirst du dabei vermutlich weniger erfahren, als vielmehr über diejenigen, die in ihr leben. Aber wenn es stimmt, was la Rochefoucauld sagte, dass es nämlich wichtiger sei, in den Menschen als in den Büchern zu lesen, dann wirst du von der Welt überhaupt nur dort etwas begreifen, wo du etwas über die anderen begreifst – über die, mit denen du die Welt teilst, mit denen du in einem Bezugssystem stehst, das dich teilhaben lässt an den unterschiedlichen Meinungen, Handlungen und Motiven und sie in all ihrer Unterschiedlichkeit zu verstehen hilft. Dass es weitaus schwieriger ist, einen Menschen als einen Text zu verstehen – denn Texte widersprechen dir nicht, beschimpfen dich nicht und sagen auch nicht A, wenn sie eigentlich B meinen –, heißt nicht, dass es sinnlos ist, dich mit anderen zu verständigen, um stattdessen nur noch Texte zu lesen. Es bedeutet vielmehr, dass alles, was um dich herum geschieht, nur dadurch verständlich wird, dass du dich darüber verständigen kannst – mit anderen wie auch mit dir selbst. Nichts in der Welt existiert ohne Vermittlung. Niemand in der Welt existiert unabhängig von anderen, denen er sich vermitteln kann. Das gilt im Übrigen auch für Texte. Kein Text würde Sinn ergeben ohne den Kontext, in den er gestellt wird, und ohne den Zusammenhang, aus dem heraus er interpretiert und entsprechend verstanden werden kann – auch auf die Gefahr hin, ihn dabei völlig falsch zu verstehen. Denn dass es bei Geschriebenem wie Gesprochenem die Wahrheit (oder etwas moderner gesagt: die objektive Richtigkeit) gar nicht geben kann, dass du den anderen nie ganz verstehen wirst und auch den Text womöglich ganz anders deutest als andere ihn deuten bzw. er ursprünglich intendiert war (manchmal weiß selbst der Verfasser nicht so genau, was er eigentlich meinte), setzt erst deine Fähigkeit frei, mit Lücken leben zu lernen, und, um die Lücken zu überbrücken, etwas zu erkennen, was dir vorher noch nicht in den Sinn gekommen war. Dazu aber kannst du nicht nur rein analytisch, sondern musst vielmehr synthetisch vorgehen.

Anders als die Analyse sucht die Synthese ihre Erkenntnisse nicht dort zu gewinnen, wo sie alles in einzelne Teile zerlegt, um das Richtige bzw. (wissenschaftlich) Brauchbare herauszufiltern, sondern kann vielmehr erst dort ansetzen, wo sie die Dinge miteinander in Verbindung stellt. Philosophisch nennt man diese Methode die hermeneutische, was sich von griech. hermeneuein (auslegen, übersetzen) ableitet. Hermeneutik ist das Vermögen, etwas mit Sinn zu füllen und aus dem Kontext heraus zu verstehen. Was würde ein Satz bedeuten, wenn ihm kein Sachverhalt zugrunde läge, der wiederum in der Empirie auffindbar sein muss? Was wäre ein Begriff, wenn wir zu ihm keinen Inhalt hätten? Er bliebe leer und damit unbegriffen. Immanuel Kant sagt: Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.1 Was würde uns eine Zahl oder eine Zahlenreihe angehen, wenn sie nicht auf etwas verweisen würde, das über die Zahl selbst hinausgeht? Kein Mensch interessiert sich für die 5, nur weil es die 5 ist. Wie könnte uns ein Bild von Kandinsky ansprechen, wenn wir nur die einzelnen Farbtöne, nicht aber ihre Zusammenstellung sähen? Und was wäre ein Film von Fellini, wenn es sich dabei nur um eine Aneinanderreihung einzelner Bilder handelte? Der Zusammenhang macht unsere Welt – die der Dinge wie die der Ideen.

Laubwald im Herbst, Bäume ohne Blätter
Vernetzter Wald, © Carina Pilz

Philosophisch hat das kaum ein Denker so trickreich und vollendet zur Anschauung gebracht wie Hegel. Bei ihm gibt es keine unvermittelten Antworten, kein unvermitteltes Bewusstsein, keine unvermittelte Wirklichkeit. Alles ist in sich selbst verwoben und miteinander verschlungen, ist nicht einfach da, sondern geworden und geprägt. Ferner gehören Empirie und Theorie bei ihm zusammen: Das Reale verschmilzt mit dem Rationalen, der Geist mit der Materie, die Idee mit der Erfahrung. Und alles liegt in der Zeit, sofern sie die Entwicklung bestimmt und den Treibstoff liefert: für unser Denken wie für unser Sein. So kann also Hegel sagen: Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.2 Denn das Wirkliche kann ich überhaupt nur dort erkennen, wo es durch die Vernunft hindurchgegangen ist; und die Vernunft kann sich nur auf die Wirklichkeit stützen, sie braucht Stoff, nur dann hat sie Wirklichkeitsgehalt. Wie sich jeder Begriff in der Zeit entwickelt und zu einer begriffenen Erkenntnis erst dort werden kann, wo er zeitlich geworden ist, so liegt auch das Materielle in der Zeit begründet, bildet sich mit ihr, aus ihr, durch sie hindurch. Wenn die Zeit reif ist, sind Bewusstsein und Wirklichkeit miteinander versöhnt, sind fertig und vollendet – so reif wie eine Frucht, die irgendwann vom Baum fällt, damit er neue Blüten tragen und neue Früchte hervorbringen kann. So entwickelt sich unser Bewusstsein wie unser Leben, unsere Geschichte, unsere Evolution, unsere gesamte Zivilisation in einer Stufenfolge fort: dialektisch, widerspruchsvoll, dynamisch. Jede These beinhaltet schon die Antithese und beide münden notwendigerweise in eine Synthese, die das vorige nicht einfach negiert, sondern auf eine neue (höhere) Stufe hebt, damit also in einem dreifachen Sinne aufhebt: sie bewahrt, verwirft, erhöht. Danach wird die Synthese zu einer weiteren These und so dreht sich das Rad von Sein und Denken immerfort. Wie ein Kreis, der in sich geschlossen ist und sich zugleich immer weiter ausdehnen lässt, so kann auch mit Hegels Methodik alles erfasst und alles beglichen werden. Nur: aus einem Kreis kommt man so schnell nicht mehr heraus. Und sitzt man erstmal in ihm, dann braucht man eigentlich auch keinen mehr reinlassen. Dann baut man sich die Welt, wie sie einem gefällt. Und aus dem chaotischen Vielerlei, voller Thesen und Antithesen und Dichotomien und Unvereinbarkeiten wird auf einmal ein sinnvolles und stimmiges Ganzes. Doch was ist mit der Welt, die es außerhalb dieses Kreises (außerhalb der eigenen Vernunft) zu integrieren gilt?

Die Synthese, so kann man von Hegel lernen, erwächst immer aus der Begegnung mit dem anderen. Aber dieser andere ist bei ihm nicht der konkrete Mensch, der ihm widersprechen, ihn erweitern und korrigieren könnte. Er ist nur der gedankliche Inhalt, den die Vernunft aus der Materie ableitet und in sich selbst zur Versöhnung bringt. Orientierung im Denken (und folglich auch im Handeln) findet sie nicht in einer Welt, der auch andere angehören; diese findet sie nur im geistigen Rückzug von der Welt, in den spekulativen Einsichten eines strengen Vernunftsystems, dessen letztes Kriterium die Wahrheit bleibt. Aber die Synthese ist nicht die Wahrheit. Sie ist nur eine verdichtete Form von Differenzen, die kurzzeitig versöhnt sind, dabei aber unaufhörlich fortgeschrieben werden. Synthesen entstehen aus einer Welt, die nicht nur von einem Menschen und einem Weg zeugt, sondern durch verschiedene Menschen und Wege vermittelt werden; einer Welt, in der es keine absoluten Maßstäbe für wahr und falsch, gut und böse, schön und hässlich gibt – denn diese wären nur außerhalb von ihr zu finden – und aus der dennoch etwas hervorgehen muss, das nicht nur subjektiver Willkür entspringt oder eine einzelne Lehrmeinung wiedergibt.

Was also heißt Synthese in einer Welt, wenn es die eine Welt doch gar nicht geben kann; wenn wir doch alle in ganz verschiedenen Welten leben, uns in unterschiedlichen Kreisen bewegen, in Blasen miteinander kommunizieren und in Hülsen sitzen, aus denen heraus wir die Welt dann anschauen, begreifen und beurteilen. Arthur Schopenhauer hat einmal lakonisch bemerkt: Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.3 Heute muss man sich eher noch fragen: Wer oder was sichert uns zumindest noch die gleiche Umgebung? Die Bäume und Sträucher? Machen sie denn die Welt, der wir uns zugehörig fühlen? Sicher nicht ganz, da zu einer gemeinsamen Welt ja immer auch andere gehören, mit denen man sich verständigen und in Bezug treten muss, um überhaupt etwas Gemeinsames zu finden. Solche Gemeinsamkeiten ergeben sich aus einer Mitwelt, die im Gegensatz zur reinen Dingwelt oder zur pflanzlichen Umwelt von der Anwesenheit anderer Menschen zeugt. Schopenhauers gleiche Umgebung ist nicht das Resultat einer vorgeschalteten Identität, die unabhängig von den Menschen existiert, die sich sprechend und handelnd auf sie beziehen. Weder liegt sie im Himmel, der sich über mir erstreckt – jenseits aller zwischenmenschlichen Bezüge, immer gleichbleibend; noch erklärt sie sich aus dem Gesetz, das ich in mir finde – mittels einer Vernunftstruktur, die zwar allen Menschen gemeinsam sein mag, dabei aber unabhängig davon bleibt, was um sie herum geschieht. Logische Schlüsse kann ich auch ohne konkrete Erfahrungen ziehen; sie verändern sich nicht durch die Dinge, die mir widerfahren, oder durch die Personen, die mir begegnen. Sie sind selbstevident und daher auch mit sich selbst identisch. Eine Welt aber, die nicht nur von einem Menschen bewohnt wird, sondern von verschiedenen Personen und Ereignissen zeugt, kann sich weder auf die Selbstevidenz noch auf logische Gleichungen verlassen. Als gleich kann sie überhaupt nur dort erfahren werden, wo auch andere da sind, mit denen man sich abgleichen kann. Die Intersubjektivität der Welt und nicht die Ähnlichkeit der physischen Erscheinung ist es, die die Menschen davon überzeugt, dass sie zur gleichen Art gehören4, schreibt Hannah Arendt.

Wirklichkeit wird gemeinsam hervorgebracht – intersubjektiv, performativ, kommunikativ. So hat auch der späte Wittgenstein erkannt, dass sich Wirklichkeit nicht allein durch Zeichen und Formeln in einer Idealsprache einfangen lässt, die mit mathematischer Genauigkeit vorgehen könnte. Vielmehr ist es die Sprache selbst, die die Wirklichkeit formt, konstituiert, interpretiert und verändert. Wirklichkeit lässt sich nur synthetisch erschließen. Und das können wir, weil wir Sprache haben und das Vermögen, Gesagtes zu verstehen und es aus seinem Zusammenhang heraus zu begreifen. Die Bedeutung eines Wortes, schreibt Ludwig Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen, ist sein Gebrauch in der Sprache.5 Sprache deutet Welt und gibt ihren Erscheinungen verschiedene Bedeutungen. Aber zugleich ist sie immer schon in den Kontext, von dem sie spricht, eingelassen. Sie liegt nicht als festes Sein oder als gegebene Größe vor, die es abzubilden oder einzufangen gilt, sondern ergibt sich erst im sprechenden Vollzug – in der Synthese, die ich zwischen mir und meiner Umgebung herstelle und die umso dichter wird, je mehr Bezüge sie enthält. Sprechen heißt handeln, heißt teilnehmen an einem performativen Spiel, das in verschiedenen Kontexten und Situationen zwischen verschiedenen Personen und Bezugspunkten gespielt wird. So ist auch das Gesagte, wie Wittgenstein konstatiert, noch gar kein Zug im Sprachspiel, – so wenig, wie das Aufstellen einer Schachfigur ein Zug im Schachspiel6 ist, sondern kann erst dort etwas ausdrücken und zur Sprache bringen, wo es sich auf anderes sinnhaft bezieht.

Bunte, sich überlappende Kreise.
Several Circles
Quelle: Wassily Kandinski, Public Domain: http://www.wassilykandinsky.net/work-49.php

Nichts in der Welt existiert ohne Vermittlung. Niemand in der Welt existiert unabhängig von anderen, denen er sich vermitteln kann. Und hierfür bleibt die Sprache unser primäres Werkzeug. Sie ist nicht automatisch in uns einprogrammiert, sondern muss gelernt und ständig fortgelernt werden – weniger durch Lehrbuchübungen, sondern durch den sprechenden Umgang mit anderen wie auch mit uns selbst. Sollte es uns gelingen, künftig Maschinen für uns sprechen und denken zu lassen, bleibt die entscheidende Frage, ob auch Maschinen jene Bezüge herstellen und Synthesen erzeugen können, die uns an einer gemeinsamen Welt teilhaben lassen. Die uns die Welt also nicht nur zurechtbauen, wie sie jedem einzelnen gefällt oder alle zu denselben macht, sondern die uns Wirklichkeit auf unterschiedliche Weise vermitteln und doch in eine gleiche Umgebung einfügen – mit Platz für Lücken, die uns etwas erkennen lassen, das uns vorher noch nicht in den Sinn gekommen war.


  1. Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 76/77, A 52, WA Bd. 3 (Frankfurt am Main: Suhrkamp Wissenschaft, 1974), 98.
  2. G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, WA Bd. 7 (Frankfurt am Main: Suhrkamp Wissenschaft, 1986), 24.
  3. Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena I, Aphorismen zur Lebensweisheit, Ludger Lütkehaus (Hrsg.), Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Bd. IV (Zürich: Haffmans Verlag, 1991), 315.
  4. Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes: Das Denken, Das Wollen, Bd. 1 (München: Piper Verlag, 2008), 59.
  5. Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2013), 40.
  6. Ibid., 45.

Feedback

Anmerkung: Die Angabe Ihrer E-Mail-Adresse dient nur dazu, dass wir Sie benachrichtigen können, wenn Ihr Kommentar freigeschaltet wird. Sie wird nicht mit Ihrem Kommentar angezeigt oder anderweitig veröffentlicht.