Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Synthese
fatum 6 | , S. 60
Inhalt

Don’t worry, be Hawi

Geflüchtete und Studierende leben gemeinsam im Hawi, mit allen Chancen und Herausforderungen – Teil zwei, ein Besuch

Teil eins des Berichts über das Wohnprojekt Hawi war Das schweißt zusammen! in fatum 5.

Täglich gibt es Überraschungen, mit denen man nicht rechnet, absurde Dinge, die keiner für möglich hält. Letztens kam ein Buchautor zu uns und hat für die Bewohner einen Schreibworkshop veranstaltet. Jeder einzelne hat dabei seine Lebensgeschichte in ein kleines Heft notiert. Als der Dozent dann fragte, wer seinen Text vortragen möchte, da hätte ich niemals damit gerechnet, dass auch nur einer aufsteht und vorliest. Und dann seien sie alle, einer nach dem anderen, die sonst so voll harten Jungs, die nur coole Sprüche abgeben, nach vorne gegangen und hätten mit zitternden Stimmen ihr Persönlichstes vorgetragen. Nele kann Dutzende dieser Geschichten erzählen. Von Fußbällen, die ihr mitten auf dem Gang um die Ohren sausen. Oder als sie beobachtet hat, wie ein afghanischer Geflüchteter und eine Kulturanthropologie-Studentin aus Bayern zusammensitzen und wild über Feminismus diskutieren. Da bekomme ich das Gefühl, wow, das ist gelebte Integration.

Wenn Nele diese Anekdoten aus ihrem Arbeitsalltag erzählt, dann muss sie erst mal die Bürotür schließen, denn sonst ist keine ruhige Minute zum Erzählen da. Sie arbeitet im Haus Hawi, einem Wohnprojekt in Wien – initiiert von der Hans-Sauer-Stiftung, betrieben von der Caritas –, in dem Geflüchtete und Studierende gemeinsam leben, und koordiniert freiwilliges Engagement im Haus. Es ist immer und überall viel los, das trifft unsere Arbeit, glaube ich, am besten. Es stehen immer viele Leute an der Bürotür, die irgendwas wollen, die irgendwo Unterstützung brauchen oder auch einfach plaudern wollen. Auch heute ist es so, an einem unfreundlichen Freitagnachmittag, an dem über ganz Wien eine graue Suppe hängt und dicke Tropfen gegen das Fenster klatschen. Julia lugt durch die Tür zu Neles Büro im vierten Stock, ganz in schwarz, mit Dreads auf dem Kopf und Piercings im Gesicht, fragt die zierliche freiwillige Helferin mit heller Stimme nach einer Praktikumsbestätigung. Die Praktikantin biegt gerade um die Ecke, da kommt schon der Nächste und bittet um Hilfe. Er muss ein Formular für den Fremdenpass ausfüllen.

Seit Oktober letzten Jahres ist Nele im Hawi, im September sind die ersten Geflüchteten eingezogen, die Studis dann nach und nach. Die junge Frau führt Bewerbungsgespräche mit freiwilligen Helfern, organisiert Workshops. Erst kürzlich gab es einen Trommelworkshop mit einem Musiker, ein Seminar zu Asylrecht, davor einen Farsi-Sprachkurs. Dazu kommen Aktivitäten, die die Leute miteinander „connecten“ sollen. Einen Fitnessraum mit Fitnesstrainer, es kommt eine Yoga-Lehrerin, die Frauen-Yoga anbietet, wir organisieren Hausversammlungen, einmal die Woche gibt es ein Kaffeekränzchen, erzählt Nele mit kaum Wiener Akzent.

Und wie läuft das Zusammenleben denn so ab? Wenn 100 Leute in einem Hausprojekt wie diesem zusammenwohnen, dann wäre es naiv, davon auszugehen, dass es keine Schwierigkeiten gibt. Aber es sind ganz alltägliche Probleme, die es in jeder Familie oder WG gibt: Es geht ums Saubermachen, ums Abwaschen oder um die Lautstärke. Jeder muss Rücksicht nehmen und die eigenen Bedürfnisse zurückstellen. So viele wollen immer wissen, wenn so viele Menschen aus so unterschiedlichen Kulturen zusammenkommen, welche Konflikte da entstehen. Aber es geht halt um schmutzige Töpfe, was wollt ihr denn hören? Die banalen Dinge im Alltag eben.

Hohes, sehr großes 'Stockbett' mit Schreibtisch darunter
Individualisiert, © Petra Nagy

Trotz der alltäglichen Streitereien haben die Geflüchteten auch alle ihre Geschichten, sie tragen alle Erlebnisse, die sie jeden Tag belasten und einholen, in ihrem Rucksack mit sich herum. Manche haben das Bedürfnis, ihre Probleme dann bei uns zu deponieren oder bei den Studis, das schlägt sich schon auch auf das Zusammenleben nieder. Deshalb bieten Nele und ihre Kollegen auch eine Art Supervision für die Studierenden an. Wenn ein Student zum Beispiel mitbekommt, dass sein Nachbar einen negativen Asylbescheid erhalten hat, kann er sich dort aussprechen. Die Studierenden und Geflüchteten sind so unterschiedlich, haben verschiedene Geschichten, Familien und persönliche Erlebnisse, aber trotzdem teilen sie eine große Gemeinsamkeit: Sie alle sind junge Menschen, die gerade in Wien angekommen sind, beruflich oder in der Bildung weiterkommen und neue Kontakte knüpfen wollen.

Leerer Raum mit rudimentärer Holzkonstruktion
Vor der Individualisierung, © Petra Nagy

Kommt man nach Wien und fährt erst mit der U-Bahn, dann mit der Straßenbahn in den zehnten Bezirk zum Hawi, dann muss man schon eine Weile suchen, denn wie ein typisches Wohnheim für junge Leute sieht es nicht aus. Als wir das erste Mal im April letzten Jahres hierherkamen, da waren wir schon etwas schockiert. Das ist ja ein Monster, ein riesiger Bürokomplex, abgeschottet von der Umgebung, mit hohem Zaun und Grünabschnitt, sehr anonym und groß. Aber das hat sich total gewandelt. Jetzt bin ich immer gerne da, erzählt Sophie. Sie ist Architekturstudentin an der Technischen Universität Wien, wohnt aber nicht im Hawi. Sie und ihre Kommilitonen haben im Zuge ihres Studiums geplant, wie die alten Büros für die Bewohner umgebaut werden sollen. Ihr Projekt nennen sie Traudi. Mittels individualisierbarer Holzkonstruktionen haben sie die Räume zusammen mit den Bewohnern selbst renoviert.

Steht man an diesem ungemütlichen Tag vor dem ehemaligen grauen Bürokomplex, kommen schon ein paar Zweifel, wie dort eine wohnliche Atmosphäre entstehen kann. Doch steigt man aus dem Aufzug, dann weht einem erst mal der Geruch nach Spaghetti Bolognese um die Nase, man hört aus einem der Zimmer White Flag von Dido, das Poltern aus dem Fitnessraum und Lachen aus der Gemeinschaftsküche. Trübes Licht fällt durch das Fenster, der Ausblick über Wien könnte schön sein. Bei diesem grauen, nasskalten Aprilwetter würde aber selbst das schönste Haus in Tristesse und schlechter Laune versinken. Das Gebäude hat sich gewandelt. Jedes gesichtslose Bürozimmer hat jetzt einen Charakter, der die Handschrift des Bewohners trägt, sagt Sophies Traudi-Kollegin Petra.

Wenn die beiden Studentinnen durch das Wohnheim gehen, dann winken ihnen die Bewohner freundlich zu und grüßen. Einer der Bewohner sagt aber zu mir immer Sophia, weil Sophie in seiner Sprache, Dari, wie alter, bärtiger Mann klingt, erzählt die junge Frau. Die Bewohner fragen immer, wie es so geht und was die Traudis dieses Mal für das Hawi so bauen.

Als Erstes zeigen sie einen der Gemeinschaftsräume im vierten Stock, in der Mitte eine riesige Bar mit der Aufschrift Don’t worry, be Hawi. Die Bar besteht aus einem alten, vier Meter langen Leuchtschild, da stand früher mal groß Orthopädiespital Speising drauf, erzählt Petra, die Unterkonstruktion haben wir aus Ikeamöbeln gebaut. Daneben die Couch aus Paletten, die haben sich die Bewohner extra gewünscht zu bauen. Geht man den Gang noch ein Stück weiter, kommt ein zweiter Gemeinschaftsraum. Im vorderen Bereich ist eine Art Tribüne mit Beamer und Leinwand, dahinter ein langer Tisch, zum gemeinsam Lernen oder Essen. Und dann öffnen sie eine Tür und zeigen eines der Traudi-Zimmer, in das bald Bewohner einziehen werden.

Keiner dieser Wohnräume gleicht einem anderen, jeder ist nach den Wünschen der jeweiligen Bewohner individualisiert. Zur Grundausstattung gehört dabei Bett, Schreibtisch und die Holzkonstruktion, die die Traudi-Studenten zusammen mit den Geflüchteten und Studierenden planen und bauen. Das Bett befindet sich dabei aber wie eine Art Stockbett weiter oben angebracht. Ob sie denn auch ein Lieblingszimmer haben? Ich habe keines, sagt Petra sofort. Jedes Zimmer hat für sich wirklich lässige Elemente, die in dieser Konstellation Sinn ergeben, in jedem anderen Zimmer wären sie weniger cool. Trotzdem haben die beiden Wiener Studentinnen einige Highlights. Ein Bewohner hat statt einer Leiter eine Treppe zu seinem Bett gebaut, drei Mädels haben in ihrem Zimmer die Holztrennungen zwischen den Betten rausgenommen und durch Vorhänge ersetzt, zählen Petra und Sophie ihre Favoriten auf. So können sie vor dem Einschlafen immer noch mal miteinander quatschen oder Karten spielen. Genau das ist das Besondere an den Traudi-Zimmern: Sie sind den Bewohnern nicht fremd, anders vielleicht als in „normalen“ Wohnheimen. Die jungen Leute haben geplant und gebaut, die Räume kommen von ihnen selbst, sie trauen sich zu gestalten und zu verändern, sodass sie sich wohlfühlen können.

Zwei Leitgedanken standen dabei hinter den Traudi-Überlegungen. Zum einen sollte für die Flüchtlinge das Gefühl entstehen, dass sie nun angekommen sind und im Hawi bleiben können. Die Stützen der Holzkonstruktion symbolisieren: Hier dürft ihr bleiben, hier dürft ihr euch sicher fühlen. Zum anderen wollten die Wiener Studierenden in erster Linie gar kein architektonisches Konzept planen, denn der Entwurf ist nicht wirklich eine Weltneuheit. Vielmehr wollten sie einen Prozess konzipieren, durch den die Bewohner zusammenkommen und sich kennenlernen – mit den Mitteln der Architektur. So entwarfen die Wiener auch verschiedene Ebenen des Miteinander für die Geflüchteten und die Studierenden. Es gibt die Gemeinschaftsräume, in denen viele Leute für große Events zusammenkommen können, Partys, Film- oder Spieleabende. Dann das Traudi-Zimmer als kleines Wohnzimmer, wo zwei oder drei Leute unter sich bleiben können und ihren Wohlfühlort haben. Und schließlich der abgetrennte Rückzugsort in der Traudi-Konstruktion, wo die Privatsphäre gewahrt bleibt.

Gerade bei der baulichen Umsetzung haben sich die Traudis doch viel selbst beigebracht, sozusagen Learning by Doing. Petra und ich wissen aber auch ein bisschen was vom Heimwerken mit dem Papa, sagt Sophie. Und man lernt nicht nur etwas Praktisches, sondern auch wie man so ein Projekt organisiert und wie man mit Leuten kommuniziert. Sie haben geschliffen, geschnitten, geschraubt, verputzt, gebohrt und gehämmert. Während der Bauphase war überall Staub und Dreck, Lärm und Baumaterialien. Ich finde jetzt wird es Zeit, dass ein bisschen Normalität zugelassen wird. Dem Ganzen würde nämlich ein bisschen Ruhe auch guttun, sagt Sophie.

Auch Caritas-Mitarbeiterin Nele sieht das so: „Wir bekommen glücklicherweise viele Anfragen von Leuten oder Gruppen, die sich das Hawi anschauen wollen. Das Interesse ist groß. Aber einige der Studi-Plätze sind noch frei. Warum? Das Hawi liegt im zehnten Bezirk, manche Studenten wollen vielleicht zentraler wohnen, sagt Sophie. Wobei, wirft Petra ein, der Zehnte wird gerade in, genauso wie auch der Sechzehnte.

Doch wie wird man eigentlich Bewohner im Hawi? Die Plätze der Geflüchteten sind im Moment alle vergeben. Für die Studi-Plätze kann man sich jetzt bewerben, es bestehen gute Chancen, genommen zu werden. Wer Interesse hat, kann sich direkt bei Nele und ihren Kollegen melden (bewerbunghawi@caritaswien.at oder 0676 31 95 387). Und vielleicht heißt es dann bald: Don’t worry, be Hawi.


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