Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Intelligenz, Formen und Künste
fatum 4 | , S. 61
Inhalt

Sind Tiere intelligent?

Philosophen diskutieren die Frage nach der Intelligenz von Tieren schon seit Jahrhunderten und die meisten von ihnen beantworteten sie früher mit einem klaren Nein. Descartes schrieb beispielsweise, dass Tiere keine Sprache besäßen und somit nicht intelligent sein könnten, wozu neben Gott als vollkommenem Wesen für ihn allein der Mensch befähigt war.1

Noch heute herrscht ein reger Diskurs innerhalb der Natur- und Geisteswissenschaften bezüglich des kognitiven Status von Tieren.

Um aber mithilfe moderner Wissenschaften überhaupt etwas über die Intelligenz einzelner Spezies aussagen zu können, wäre ein sinnvoller Begriff von Intelligenz vonnöten.

Bereits die Gestaltung und Auswertung einfacher Verhaltensexperimente kann ohne eine Vorstellung von Intelligenz zu Unklarheiten führen, was ein Beispiel aus dem Buch Alex und Ich von Irene Pepperberg2 veranschaulicht: Die Forscherin führte mit zwei Graupapageien ein sogenanntes string-pulling-Experiment durch. Sie band eine Belohnung an einen Faden und diesen jeweils an einen Ast, auf dem einer der Vögel saß. Dies ist die einfachste Variante des Experiments und hat zum Ziel, zu testen, ob ein Tier in der Lage ist, die Belohnung an der Schnur zu sich nach oben zu ziehen.

Der Jungvogel Kyaroo, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht viele Worte beherrschte, löste die Aufgabe auf die erwartete Weise, indem er den Faden mit Klauen und Schnabel stückweise heraufzog.

Der schon weiter ausgebildete Papagei Alex reagierte auf die gleiche Aufgabenstellung, indem er einfach sitzen blieb und wiederholt Hol Nuss! sagte. Er hatte gelernt, dass er durch Sprache auf andere Lebewesen einwirken konnte und versuchte das offensichtlich auszunutzen. Nun stellt sich die Frage, welche der hier an den Tag gelegten Verhaltensweisen als intelligent betrachtet werden kann bzw. in welchem Ausmaß sie Intelligenz widerspiegeln.

Alex’ Sprachfertigkeiten entwickelten sich über mehrere Jahrzehnte, in denen er mit Pepperberg zusammenarbeitete. Er lernte schnell einzelne Bezeichnungen, und, nach steter Verwendung, sogar von diesen konkreten Wort-Ding-Beziehungen zu abstrahieren. Er verstand, dass ein roter und ein silberner Schlüssel beide unter die Bezeichnung „Schlüssel“ fallen, aber trotzdem nicht dasselbe Objekt sind. Bereits nach drei Jahren konnte er auf Fragen der Art Welche Farbe hat dieses Objekt? und Welches dieser Objekte ist grün? korrekt antworten.

Afrikanischer Graupapagei
Afrikanischer Graupapagei
© 2011 Found Animals Foundation

Erkannte Alex keine einfache Lösung derartiger Aufgaben, war er in der Lage, eigene Antworten kreativ zu entwickeln. Bei seiner ersten Begegnung mit einem Apfel etwa bezeichnete er diesen als Banirsche und erschuf damit ein Portmanteau aus bereits gelernten Namen (Banane und Kirsche), um das ihm bis dato unbekannte Objekt zutreffend benennen zu können. Vielleicht sah der Apfel für Alex wie eine große Kirsche aus und schmeckte wie eine Banane.

Im Laufe seines Trainings lernte Alex auf ähnliche Weise das Konzept von Zahlen und diese zu addieren. Er verstand auch die Idee von „gleich“ bzw. „verschieden“ und hatte eine Vorstellung von „kein“, also Nicht-Existenz. Beides setzt beachtliches Abstraktionsvermögen voraus.

Interessanterweise gab Alex, trotz seiner Fähigkeiten, oft falsche Antworten. Seine Trainerin führte dies auf eine Unterforderung und damit einhergehende Langeweile zurück. Dieses Verhaltensmuster ähnelt augenscheinlich dem von gelangweilten, unterforderten Schülern. Ein direkter Vergleich zwischen dem Papagei Alex und absichtlich falsch antwortenden Kindern wäre zwar nicht hinreichend begründbar, dennoch ist Pepperberg davon überzeugt, dass diese und andere Verhaltensweisen zeigen, dass die Denkstrukturen von Papageien grundsätzlich mit unseren menschlichen vergleichbar sind.

Bei Alex’ Tod im Jahr 2007 sprach er über 200 Worte, verstand mehr als 500 und kannte die Zahlen 1 bis 6, was gängigen Entwicklungsmodellen zufolge in etwa dem geistigen Niveau eines fünfjährigen Kindes entspricht.

Als Irene Pepperberg 1977 anfing, mit Alex zu arbeiten, waren Studien zu tierischer Intelligenz in der wissenschaftlichen Praxis exotisch und noch nicht wirklich anerkannt.

Drei Jahre später wurde beispielsweise in New York eine Tagung über Dialoge zwischen Menschen und Tieren organisiert. Das Thema war: Das Kluge-Hans-Phänomen. Der kluge Hans war ein Pferd aus Berlin in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Es antwortete auf von seinem Besitzer gestellte Rechenaufgaben, indem es die Lösung durch Hufenschläge anzeigte. Es stellte sich jedoch heraus, dass der kluge Hans nur auf subtile, unabsichtliche Zeichen – wie Laute oder Körpersprache – des Besitzers und der Zuschauer achtete und so erkannte, wann die richtige Anzahl erreicht war.

Obwohl man argumentieren kann, dass auch dies eine Art von Intelligenz voraussetzt – nämlich soziale –, verdeutlicht das Thema der Tagung die Einstellung der wissenschaftlichen Gemeinschaft gegenüber der Forschung über tierische Intelligenz. Der Konsens war, dass diese entweder auf Schwindel oder Selbstbetrug beruhe und keinesfalls zeigen könne, dass Tiere intelligent sind, geschweige denn ein Sprachvermögen besitzen können.

Heutzutage ist kognitive Forschung mit Tieren weitgehend anerkannt.

Ein Teilgebiet davon ist die Tierpsychologie, die beispielsweise in Cambridge untersucht wird. Im Interview hat die Ornithologin Michaela Hofmann über ihre dortige Forschung berichtet. Eines ihrer Untersuchungsgebiete ist das soziale Lernen. Sie kann beispielsweise Pepperbergs Beobachtung, dass es Papageien leichter fällt, neue Bezeichnungen zu lernen, wenn dies in einen sozialen Kontext eingebunden wird, wie etwa beim Model-Rival-Modell*, bestätigen. Frau Hofmann hat weiterhin erklärt, dass das Konstruieren von Situationen, die soziales Verhalten erzwingen, im Labor schwierig ist, während es in der freien Wildbahn gelegentlich beobachtet werden kann. Es zählt dabei als ein Indikator für Intelligenz, da bereits das Talent, andere Lebewesen als kohärent handelnde und denkende Entitäten wahrzunehmen, kognitive Leistung voraussetzt. Allerdings gestaltet sich die wissenschaftliche Forschung über soziales Verhalten, aufgrund der Schwierigkeit der Konstruktion entsprechender Laborversuche, problematisch. Viele im Labor angewandte Untersuchungsmethoden ignorieren daher den sozialen Aspekt von Intelligenz.

Das eingangs erwähnte string-pulling-Experiment etwa blendet diese Aspekte völlig aus. Frau Hofmann hat einen erweiterten Versuchsaufbau wie folgt beschrieben: Man bindet eine beliebige Belohnung, z. B. ein Stück Futter, an eine Schnur. Diese kann, wie im Versuch von Pepperberg, an einen Ast gehängt oder horizontal vor dem Vogel hingelegt werden. Die Tiere sollen dann versuchen, an die Belohnung zu kommen, indem sie an der Schnur ziehen. Das Ziel derartiger Versuche ist es, herauszufinden, ob das jeweilige Tier in der Lage ist, mehrschrittige komplexe Bewegungsabläufe zu planen und durchzuführen. Scheucht man das Tier auf, während es die noch angebundene Belohnung festhält, und versucht es vergebens zu fliehen, deutet dies auf eine rein intuitive Herangehensweise des Tieres hin. Das zugrundeliegende Prinzip der Situation wurde wahrscheinlich nicht durchdrungen.

Beispielhafter Aufbau des string-pulling-Experiments
Beispielhafter Aufbau des string-pulling-Experiments

Der Schwierigkeitsgrad des Experiments kann gesteigert werden, indem obsolete Schnüre (ohne Belohnung) hinzugefügt und zusätzlich noch überkreuzt oder in der Länge variiert werden. Papageien und Krähenvögel schneiden dabei sehr gut ab, aber von Hofmann getestete Buschhäher zogen beispielsweise überwiegend an der Schnur, deren zum Tier gerichtetes Ende am nächsten an der Belohnung lag. Sie verstehen also, dass sie an einer Schnur ziehen müssen, um an ihre Belohnung zu kommen, können aber wahrscheinlich nicht nachvollziehen, was eine Überkreuzung der Schnüre bedeutet.

Ein anderer Indikator für Intelligenz und Abstraktionsfähigkeit von Tieren ist beispielsweise die Fähigkeit zum Herstellen und Gebrauchen von Werkzeugen. Die neukaledonische Krähe wurde etwa beobachtet, wie sie stabile Blätter abreißt und zum Stochern nach Insekten benutzt. Auch eine Art des Spechtfinken (Cactospiza) nutzt Kakteennadeln, um an Insektenlarven zu kommen.

Forscher testen die Fähigkeit zum Werkzeuggebrauch auch im Labor, wie etwa mit der Saatkrähe Betty in Oxford. Die Forscher schoben einen Futterbehälter in ein Rohr und boten ihr und ihrem Partner einen geraden und einen zu einem Haken gebogenen Draht an. Das Ziel des Experiments war zu sehen, ob die beiden Krähen den gebogenen Draht verwenden, um an das Futter zu kommen, und nicht den ungeeigneten geraden Draht.

Allerdings nahm das Männchen ersteren in Beschlag und flog damit davon. Überraschenderweise bog Betty daraufhin einen Haken in den geraden Draht und holte sich so das Futter. Obwohl es sich hier um Laborvögel und keine Wildtiere handelt, ist es erstaunlich, dass eine Krähe in der Lage ist, ein Werkzeug selbst herzustellen und zielgerichtet einzusetzen.

Dies ist umso beachtlicher, da sich Vögel und Säugetiere seit 300 Millionen Jahren evolutionär unabhängig voneinander entwickelt haben.3 Dementsprechend unterscheidet sich das Vogel- vom Säugetiergehirn sehr stark.

Es gibt auch Spezies, die trotz einer fundamental verschiedenen Gehirnstruktur komplexes, planmäßiges und damit augenscheinlich intelligentes Verhalten zeigen.

Ein Beispiel dafür sind Oktopoden. Diese haben bereits vor 600 Millionen Jahren begonnen, sich unabhängig von uns zu entwickeln. Sie haben ein dezentrales Nervensystem, und ihre Neuronen sind in Anhäufungen in ihrem Körper verteilt, wobei lediglich circa jede dritte im Kopf sitzt. Dies zeigt die Schwierigkeit der Entwicklung einer auf der Anatomie des Gehirns basierenden Definition von Intelligenz, die gleichzeitig auf Säugetiere und Oktopoden plausibel anwendbar wäre.

Betrachtet man Intelligenz jedoch als Fähigkeit Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und gezielt einzusetzen, so können auch Oktopoden als intelligent angesehen werden. In einem Interview mit dem Scientific American4 beschreibt die Psychologin Jennifer Mather, die sich seit 35 Jahren mit Oktopoden beschäftigt, wie die Tiere Aufgaben lösen. Gibt man ihnen verschiedene Muscheln, testen sie, wie stark diese sind, und passen ihre Vorgehensweise entsprechend an. Zum Beispiel öffnen sie Venusmuscheln einfach mit ihrem Schnabel, um ein Gift zu injizieren, welches die Muschel tötet, wohingegen sie in die stärkeren Miesmuscheln zuerst ein Loch bohren. Verändert man die Muscheln künstlich, merken die Kraken dies und ändern ihre Vorgehensweise. Es ist auch bekannt, dass Oktopoden Gläser mit Schraubverschluss öffnen können. Außerdem gibt es viele Beispiele dafür, dass sie Gegenstände in ihren Becken an sich nehmen und auseinanderbauen. Eine sehr bekannte Anekdote stammt aus Brighton: Ein Oktopus brach jede Nacht aus seinem Aquarium aus, um Fische aus dem benachbarten Becken zu verspeisen. Man sieht also, dass auch ein wirbelloses Tier komplexe Aufgaben lösen kann, obwohl es ein vom menschlichen völlig verschiedenes Gehirn besitzt.

Die abschließende Antwort der Vogelexpertin Michaela Hofmann auf die Frage, ob Tiere intelligent sein können, ist ein klares Ja. Sie fügt hinzu, dass die Intelligenz von Tieren nicht so ausgeprägt wie bei Menschen sei, man aber durchaus bestimmte flexible Verhaltensmuster beobachten könne. Außerdem ist sie der Meinung, dass der Mensch immer dazu neigt, sich selbst als einzigartig darzustellen. Wenn ein Tier dann nachweist, was es kann, wird der Begriff Intelligenz wieder umdefiniert, damit sie etwas einmalig Menschliches bleibt.

Auch Irene Pepperberg vertritt in ihrem Buch die Meinung, dass der Mensch sich zu Unrecht für etwas Besonderes hält, da auch Tiere viele faszinierende Fähigkeiten haben.

Mittlerweile konnte nachgewiesen werden, dass Tiere vieles verstehen und lernen können, was jahrhundertelang für rein menschlich gehalten wurde. Ein Beispiel dafür ist die Fähigkeit, sich durch Sprache auszudrücken. Neue Erkenntnisse widersprechen Descartes These, dass nichtmenschliche Wesen dazu nicht in der Lage wären.

Toshitaka N. Suzuki (et al.) zeigt in einer Studie aus dem Jahr 2015, dass sich kompositionelle Syntax als eine der Grundlagen von Informationsvermittlung durch Sprache auch bei Meisen entwickelt haben könnte.5 Außerdem sind Tiere in der Lage, wie oben am Beispiel von Alex beschrieben, die semantische Bedeutung von Worten zu begreifen.

Notgedrungen ergeben sich weitreichende ethische Konsequenzen. Nicht nur Papageien, sondern auch zahlreiche andere Arten, sind soziale Tiere und leiden darunter, wenn sie alleine gehalten werden. Auch Käfighaltung bedeutet für viele Tiere eine große Einschränkung. Bei falscher Behandlung können – wie beim Menschen – massive psychische Störungen auftreten.

In Los Angeles gibt es deshalb sogar ein Zentrum speziell für Papageien, die von ihren ehemaligen Besitzern traumatisiert wurden.6 Jedoch wird dort nicht nur Papageien geholfen. Auch Veteranen, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, kommen in diese Einrichtung und kümmern sich um die Vögel, welche vergleichbare Symptome zeigen. So helfen sich traumatisierte Vertreter beider Arten gegenseitig, ihre Vergangenheit zu verarbeiten.

An diesem Beispiel kann man sehen, dass das soziale Verhalten von Tieren in unserem Leben eine große Rolle spielt. Trotzdem wird die soziale Dimension der Frage nach der Intelligenz von Tieren in der Laborforschung oft vernachlässigt. Ohne Zweifel kommen in diesem Gebiet noch viele interessante Erkenntnisse auf uns zu, die die Art, wie wir über Tiere denken und mit ihnen umgehen, stark verändern werden.


  1. René Descartes, Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen (Berlin: CreateSpace Independent Publishing Platform, 2013).
  2. Irene Pepperberg, Alex und Ich (München: mvg Verlag, 2009).
  3. Nathan Emery, Nicola Clayton, The Mentality of Crows: Convergent Evolution of Intelligence in Corvids and Apes in Science (2004), 1903–1907.
  4. Brendan Borrell, Are Octopuses smart? in Scientific American (2009), http://www.scientificamerican.com/article/are-octopuses-smart/ (aufgerufen: 02. März 2016).
  5. Toshitaka N. Suzuki et al., Experimental evidence for compositional syntax in bird calls in Nature Communications (2016), http://www.nature.com/ncomms/2016/160308/ncomms10986/full/ncomms10986.html (aufgerufen: 10. März 2016).
  6. Charles Siebert, What does a parrot know about PTSD? in New York Times Magazine (2016), http://www.nytimes.com/2016/01/31/magazine/what-does-a-parrot-know-about-ptsd.html (aufgerufen: 27. Februar 2016).

Neue Wege der Tierethik, Teil II
Die Fortsetzungsfolge „Neue Wege der Tierethik“ verfolgt einen inklusiven Ansatz. Sie lässt Personen unterschiedlicher (Fach-) Hintergründe mit verschiedenen Perspektiven auf Tiere zu Wort kommen und schlaglichtartig einzelne kontroverse Aspekte und Ansätze aus dem Bereich der Tier­ethik beleuchten. Themenvorschläge, Anregungen und Kritik sind jederzeit erwünscht.


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