Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Intelligenz, Formen und Künste
fatum 4 | , S. 37
Inhalt

Wabi Sabi

Ursprünge und Gegenwart japanischer Ästhetik

Die japanische Vorstellung von Schönheit kann nur verstehen, wer sich mit der Denktradition des Zen-Buddhismus auseinandersetzt. Seit dem 12. Jahrhundert in Japan vertreten, hat Zen die wichtigsten Ästhetikprinzipien des Landes geprägt und findet so mittelbar seinen Eingang in die heutige Populärkultur, die hier exemplarisch anhand von Anime, dem japanischen Zeichentrickfilm, beleuchtet wird.

Kenneth Inada, Experte auf dem Gebiet der fernöstlichen Philosophie, illustriert den Unterschied zwischen östlichem und westlichem Denken anhand einer entstehenden Welle am Strand.1 Ungesehene Kräfte formen aus der faltigen Wasseroberfläche eine einzelne Welle, die nun in Richtung Land rollt. Sie wird größer, bis sich ein weißer Kamm bildet. Auf dem Höhepunkt ihrer Kraft trifft die Welle auf das Land, kollabiert und verteilt sich als schimmernde Folie über den Sand.

In der empirisch-rationalen Tradition des Westens betrachtet der Mensch Naturphänomene und setzt diese in Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Grob vereinfacht heißt das, dass er in einer Welt lebt, die vom Anfassbaren und Beobachtbaren strukturiert wird. In unseren Theorien zwar berücksichtigt, jedoch in ihrer Komplexität stark vereinfacht, sind all die unsichtbaren Phänomene, die zur Erzeugung der Wellen führen. Inada leitet daraus ab, dass wir uns zu creatures of tangible manifestations2 reduziert haben. Wir nehmen die Welt in Dualismen aus Subjekt-Objekt-Beziehungen wahr. Das Subjekt ist im obigen Beispiel ein Beobachter, der am Strand spazieren geht. Das Objekt ist das, was vom Subjekt erfahren und gewusst wird: die Welle.

Die vom Buddhismus beeinflusste östliche Philosophie denkt in einem weitaus geringeren Maße in Dichotomien. So fordert der Zen-Buddhismus von seinen Praktizierenden einen Standpunkt, der durch die Merkmale „nicht-eins“ und „nicht-zwei“ beschrieben werden kann. Letzteres bedeutet die Abkehr vom dualistischen Denken, unter anderem vom abstrakten Konzept des „Ichs“, was eine Opposition zur Umwelt schaffen würde.3 Diese Entfremdung soll vom Zen-Schüler durch Meditation und einen gesunden Lebensstil überkommen werden. In der westlichen Rezeption werden buddhistische Lehren aber oft in ein Weltbild eingepasst, das die Entwicklung des Menschen als eine Bewegung hin zu einem vollendeten Zustand interpretiert. Deshalb ist es kein Wunder, dass man in den Buchhandlungen Werke mit Titeln wie Karmic Management: Erfolg durch Spiritualität oder Die Weisheit des Diamanten: Buddhistische Prinzipien für beruflichen Erfolg und privates Glück findet. Anders als in der westlichen Tradition, die in wünschenswerten Endzuständen denkt, soll das Ablassen von egoistischen Zwängen und Ängsten gerade nicht auf einen metaphorischen Thron gehoben werden. In dem Moment, in dem der Mensch seinen Bewusstseinszustand als den einzig richtigen betrachtet, verengt sich sein Blick zu einer partiellen Perspektive auf die Realität, die der Zen-Buddhismus vermeiden will. Die Beschreibung „nicht-eins“ weist darauf hin, dass kein einzelner, mit Worten definierbarer Zustand existiert, den man erreichen kann. Perfektion bedeutet vor diesem Hintergrund, dass der Praktizierende eine innere Oszillation zwischen „nicht-zwei“ und „-eins“, zwischen Dualismus und Anti-Dualismus, durchführt.4 Es ist leicht verständlich, dass diese Mentalität viele Stunden des Meditationstrainings voraussetzt. Für den japanischen Zen-Mönch des 15. Jahrhunderts bedeutete das die ernste Herausforderung, während des Meditierens nicht einzuschlafen.

Die Teezeremonie, die vom Gelehrten Shukō im Jahr 1488 formalisiert wurde, sollte Abhilfe schaffen.5 Durch die belebende Wirkung des Tees können Mönche länger meditieren. Shukō stellt sich bewusst gegen den zu seiner Zeit vorherrschenden Prunk, der das Teetrinken der Kriegsherren auszeichnet, und fordert in seinen Schriften, dass die Teezeremonie zu einem besseren Selbstverständnis und Frieden zwischen den Teilnehmern führen soll.6,7 Etwa 100 Jahre später, um das Jahr 1580, fordert der Mönch und Teemeister Sen no Rikyuū eine noch striktere Abkehr vom Luxus:

In the small [tea] room, it is desirable for every utensil to be less than adequate. There are those who dislike a piece when it is even slightly damaged; such an attitude shows a complete lack of comprehension.8

Die Tradition des Tees bildet fortan den Schauplatz für die Enstehung des Prinzips, welches bis heute repräsentativ für japanische Ästhetik ist: wabi sabi.

Der Begriff umfasst schlichte Schönheit, die dabei hilft, einen an die Vergänglichkeit, Unfertigkeit und Imperfektion der Realität zu erinnern. Er weist, fernab von der Ästhetik der griechischen Tradition, welche auf Symmetrie und Formvollendung Wert legt, auf die Faszination des Alltäglichen, des Simplen und des Von-der-Zeit-Gezeichneten hin. Ein alter Tempel, der mit moosüberwachsenem Dach inmitten eines schlichten Gartens thront, entspricht diesem Ästhetikprinzip. Ein Holztisch, dessen Herkunft in seiner rustikal bearbeiteten, von Kerben und Maserungen gezeichneten Oberfläche sichtbar wird, findet ebenfalls das Gefallen des geschulten Auges. Zur Teezeremonie werden Tassen aus Keramik verwendet, die mit ihrer erdfarbenen Schlichtheit und ihren ungeglätteten Kanten den Eindruck erwecken, sie seien vor ihrer Vollendung aus dem Schaffensprozess entwendet worden. Schüsseln, die nach einem Riss sichtbare Reparaturspuren aufweisen, steigern ihren ästhetischen Wert noch. Doch wie entscheidet sich, wann ein Objekt das Prädikat wabi sabi verdient und wann es sich um schlecht produzierte Billigprodukte handelt? Immerhin darf ein Ästhetikprinzip nicht allzu leicht zu realisieren sein. Um die Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die Bedeutung der Wörter, die den Begriff ausmachen.

Beide Worte änderten im Laufe der Zeit ihre Bedeutungen. Wabi handelt ursprünglich vom Elend, alleine in der Natur überleben zu müssen und von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Sabi hat zunächst eine ähnlich negative Konnotation, denn es beschreibt den frostigen, verwelkten Zustand eines Objekts, um das man sich lange nicht gekümmert hat.9 Dann, im 13. und 14. Jahrhundert, ändern sich beide Bedeutungen. Wabi wird fortan verwendet, um die hoffnungsvoll-schmerzhafte Melancholie zu beschreiben, die das Warten auf eine geliebte Person begleitet.10 Sabi steht zunehmend für die Erhabenheit, die abgenutzte Gegenstände dadurch bekommen, dass sie unter der angesetzten Patina eine zeitlose Schönheit erkennen lassen.11 Das Kunstobjekt soll allein durch seinen Zustand eine Geschichte erzählen davon, dass es nicht immer existiert hat und eines Tages aufhören wird zu existieren.

Ein Objekt oder eine Szenerie verdient das Prädikat wabi sabi also nur, wenn es in uns eine wohltuende Melancholie über die Vergänglichkeit der Dinge hervorrufen kann. Dazu gut geeignet sind Gegenstände, die in einem in Anbetracht der vergangenen Zeit höchst gepflegten Zustand sind. Gebrauchsspuren in der Keramik beispielsweise sollen den Eindruck erwecken, dass sie nur durch einen geduldigen, gewissenhaften und respektvollen Umgang mit dem Objekt überhaupt die Zeit hatten, die Teeschüssel zu überziehen. Es reicht nicht, aus einer Porzellantasse ein Stück Material zu schlagen oder diese mutwillig zu zerkratzen. Ein von Hand gekerbter Spanholztisch ist noch keine Kunst. Die Folgen verstrichener Zeit müssen entweder direkt zu sehen sein (wie im Falle des moosüberwachsenen Tempels) oder durch eine künstlerische Meisterleistung in das Material gearbeitet werden. Indem sich der Betrachter mit dieser materialgewordenen Endlichkeit des Seins konfrontiert, findet er zu einer neuen Wertschätzung des gegenwärtigen Moments.

Doch nicht nur Hochkultur vermag diese Reflexion auf das eigene Sein in Gang zu setzen. Die japanische Populärkultur bezieht ihre Einflüsse zwar auch aus dem Westen, doch sind die Prinzipien traditioneller Ästhetik mindestens genauso wichtig. Besonders Anime, der japanische Zeichentrickfilm, spricht alle Altersgruppen an und erfreut sich in den USA und Europa seit Ende der 1990er-Jahre großer Beliebtheit. Die Japanische Außenhandelsorganisation (Jetro) schätzt den US-Markt für Anime-DVDs und -Videos in einem Report auf etwa 200 Millionen US-Dollar für das Jahr 2010. Anfang der 2000er-Jahre war diese Zahl sogar noch mehr als doppelt so hoch, bei 415 Millionen US-Dollar.12 In etwa diese Zeit fällt auch die deutsche Erstausstrahlung der Serie Cowboy Bebop, welche seitdem zu den meistgefeierten japanischen Serien aller Zeiten gehört und entscheidend zur Popularisierung des Genres im Westen beigetragen hat.13 Zwar vereint die Serie eine Vielzahl von Einflüssen in sich – der Protagonist Spike Spiegel wird mitunter als Mix aus Bruce Lee, Clint Eastwood’s Stranger, and an L.A. noir detective all rolled into one14 beschrieben – doch bietet die Thematik einen für japanische Ästhetikprinzipien typischen Hintergrund.

A German Gateway in Wrought Iron – Transportation Building
Sakura at Rikugien Park in Tokyo
Quelle: Tadashi Okoshi, Creative Commons Attribution 2.0

Die Story spielt im Jahre 2071, in einer dystopischen Welt, in der die Menschheit das Sonnensystem kolonisiert hat, und vielerorts Gesetz und Ordnung so abwesend sind wie im Wilden Westen. Spike Spiegel und seine Crew, bestehend aus dem ehemaligen Polizisten Jet, der dauernd gelangweilten Betrügerin Faye, dem hochintelligenten Welsh Corgi Ein und einem rothaarigen Mädchen namens Edward, manövrieren sich mit ihrem Raumschiff Bebop durch die Galaxis, um als Kopfgeldjäger zu arbeiten.

Den Rahmen der 26 Episoden umfassenden Serie bilden die Hintergrundgeschichten der Charaktere, wobei erwartungsgemäß die von Spike Spiegel die wichtigste ist. Spike ist ein ehemaliges Mitglied des „Red-Dragon-Syndikats“. Er verliebt sich in Julia, die Freundin seines Kameraden und Mitstreiters. Als Spike zusammen mit Julia fliehen will, taucht sie nicht am vereinbarten Treffpunkt auf und bricht ihm das Herz. Die Ästhetik dieser Szene liegt in der gekonnten Umsetzung des Wabi-sabi-Prinzips. Im Hintergrund singt ein Mädchenchor, während Spike im Regen wartend an einer Hauswand steht, Zigarette im Mund und Rosen in der Hand. Der Himmel ist von dunklen Wolken verhangen, sodass das blaugraue Licht dem Straßenzug eine homogene Eintönigkeit überzieht. Abwechselnd damit werden Szenen aus Julias und Spikes gemeinsamer Vergangenheit gezeigt, die in einen wärmeren Sepia-Ton getaucht sind. Den Zuschauer überkommt das Gefühl von Melancholie, weil ihm die Unwiederbringlichkeit der Vergangenheit vor Augen geführt wird. Die blaugrauen Ausschnitte repräsentieren dabei das wabi – die Melancholie der Einsamkeit. Die sepia-gefärbten Szenen tragen die Eigenschaften des sabi-Prinzips in sich. Spikes Beziehung zu Julia ist endgültig vergangen. Es zieht einem die Brust zusammen, weil man spürt, dass sie die einzige Person war, die dem Einzelgänger je etwas bedeutet hat. Hier wird deutlich, dass der Protagonist nichts tun kann, um ein glückliches Ende herbeizuführen. Der Liebe seines Lebens beraubt und auf der Flucht vor seinen ehemaligen Kollegen, führt Spike fortan ein rastloses Leben auf der Bebop. In der Tretmühle des Kopfgeldjägergeschäfts kann er so viel Erfolg haben, wie er will – seine Geliebte gewinnt er nicht zurück. Das ist es, was jegliche Bemühungen in seinen Händen zu Staub zerfallen lässt. Darin wird der buddhistische Einfluss sichtbar, der es über den „Umweg“ der Ästhetikprinzipien in die japanische Popkultur geschafft hat: Der besondere ästhetische Reiz der Serie liegt nicht darin, Spike Spiegel beim Scheitern zuzuschauen. Vielmehr hilft sie einem dabei, mit den unmöglichen Kämpfen im eigenen Leben zurechtzukommen. Allen voran mit der eigenen Sterblichkeit.

Besonders deutlich spricht Spike diese existenzielle Komponente, kurz vor dem alles entscheidenden Kampf mit seinem ältesten Widersacher, in einem Dialog mit Faye aus:

Faye: Why do you have to go? Where are you going? What are you going to do? Just throw your life away, like it was nothing?

Spike: I’m not going there to die. I’m going to find out if I’m really alive.15

Der Protagonist bemerkt bereits zu diesem Zeitpunkt, dass all seine Bemühungen vergeblich waren. Dass er bei dem Versuch, die Verantwortlichen für den Verlust Julias zu besiegen, sehr wahrscheinlich sterben wird, ängstigt ihn nicht. Er hat akzeptiert, dass das Leben ein Strom aus Momenten ist, in denen der Mensch wie in einem reißenden Fluss zwar seine Position durch Anstrengung verändern kann, die Destination des Todes aber trotzdem unausweichlich ist.


Die Ästhetikprinzipien wabi und sabi bieten einen Schlüssel zur japanischen Kultur, mit dem gerade auch die japanische Popkultur besser verstanden werden kann. Cowboy Bebop ist nur ein Beispiel unter vielen, bei dem die Melancholie zum Stilmittel erhoben wird, wabi sabi seine Anwendung findet, und der Zuschauer in letzter Instanz mit einigen der ältesten Lehren des Zen-Buddhismus konfrontiert wird.

Oft verzweifeln wir an unserer eigenen Imperfektion, fühlen uns inadäquat und machtlos in Anbetracht unserer eigenen Vergänglichkeit. Nichts ist von Dauer. Unsere Existenz gleicht der einer Kirschblüte: der Höhepunkt ihrer Schönheit leitet im selben Moment ihren Niedergang ein. Unsere Bemühungen, uns am Leben zu halten, müssen fruchtlos bleiben. Wabi sabi lehrt uns, die Schönheit dieser fragilen Realität schätzen zu lernen. Es legt uns nahe, nicht das Außerordentliche, Pompöse oder Perfekte zu suchen, sondern das Abgenutzte, Fehlerhafte und Bescheidene. In Zeiten, in denen vom Individuum Verantwortung für die eigene Glückseligkeit, Proaktivität und Selbstoptimierung gefordert werden, mahnt uns wabi sabi an, mit unseren Schwächen und Fehlern Frieden zu schließen.


  1. Kenneth Inada, The Buddhist Aesthetic nature: A challenge to rationalism and empiricism in Asian Philosophy (1994), 139.
  2. Ibid.
  3. Shigenori Nagatomo, Japanese Zen Buddhist Philosophy in Edward N. Zalta (ed.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2016 Edition), http://plato.stanford.edu/archives/spr2016/entries/japanese-zen (aufgerufen: 27. April 2016).
  4. Ibid.
  5. The School of Life, Wabi Sabi, https://www.youtube.com/watch?v=QmHLYhxYVjA (aufgerufen: 28. April 2016).
  6. Ibid.
  7. The Urasenke Foundation, History, http://www.urasenke.org/tradition (aufgerufen: 28. April 2016).
  8. Dennis Hirota, Wind in the Pines: Classic Writings of the Way of Tea as a Buddhist Path, (Fremont: Asian Humanities Press, 1995).
  9. Ibid.
  10. Robyn Lawrence, The Wabi-Sabi House: The Japanese Art of Imperfect Beauty (Clarkson Potter, 2004), http://nobleharbor.com/tea/chado/WhatIsWabi-Sabi.htm (aufgerufen: 28. April 2016).
  11. The School of Life (a.a.O.).
  12. Anime News Network, America’s 2009 Anime Market Pegged at US$2.741 Billion, https://www.animenewsnetwork.com/news/2011-04-15/america-2009-anime-market-pegged-at-us$2.741-billion (aufgerufen: 29. April 2016).
  13. Alex Suskind, Asteroid Blues: The lasting Legacy of Cowboy Bebop, in The Atlantic, http://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2014/12/asteroid-blues-the-lasting-legacy-of-cowboy-bebop/383817 (aufgerufen: 15. April 2016).
  14. Ibid.
  15. Cowboy Bebop, Episode 26, Die letzte Mission, Hajime Yatate, 1999.

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