Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Intelligenz, Formen und Künste
fatum 4 | , S. 57
Inhalt

Technik und Freiheit

Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ im 21. Jahrhundert — Lektüre

Bevor Johannes Gutenberg eine Maschine erfand, die die Geschichte der Schrift auf einmalige Art und Weise verändern würde und mit der noch fünf Jahrhunderte später sein Name aufs Engste verbunden bleiben sollte, machte er eine weniger bekannte, aber vielleicht ebenso wegweisende Erfindung: Der Menschenandrang auf die Reliktensammlung Karls des Großen in Aachen wurde seinerzeit so groß, dass der einzelne Pilger die heilenden Gnadenwerkzeuge über die Menge hinweg nicht sehen konnte. Gutenberg erfand eine Spiegelkonstruktion, die durch eine geschickte Reflektion weiter hinten Stehenden ermöglichte, die Relikte zu sehen. Wo das Sehen der heiligen Objekte zuvor auf die direkte Anschauung des Originals beschränkt war, stand nun eine Verbreitung unzähliger Abbilder, die das Weitentfernte durch eine technische Konstruktion in die nächste Nähe des Gläubigen rückte.

Mitte des 15. Jahrhunderts fand hier ein Prozess statt, den der Denker und Schriftsteller Walter Benjamin in seinem Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935) als Zerstörung der Aura des Kunstwerkes bezeichnet. Als eines der einflussreichsten Essays in der Philosophie sowie in Kunst- und Techniktheorien des 20. Jahrhunderts ist das „Kunstwerkessay“ auch heute noch aktuell, Jahrzehnte nach seiner vom Faschismus bedingten Entstehung (Benjamin befand sich damals auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im Exil in Paris). In der Tat ist die These dieses kurzen Lektüreberichts, dass die Sprengkraft von Benjamins Essay heute nicht so sehr in seinem Durchdenken der Kunst wie in der technischen Bedingungen menschlicher Existenz generell liegt, aus dem dann eine Kritik* der Technik entstehen kann. Der Kern von Benjamins Überlegungen – der Zerfall des Auratischen und die technische Reproduzierbarkeit – ist heute nicht primär auf die Kunst zu beziehen (diese hat spätestens seit Andy Warhol diese Einsichten durchgearbeitet), sondern ist heute kraftvoller in Bezug auf unsere alltägliche, technisch bedingte Kondition, deren Reflektion den Einsichten Benjamins und der Kunst weiter hinterher ist.

Die Aura, so Benjamin, sei das, was ein Ding einzigartig macht und seine Echtheit verbürgt. Das auratische Ding sei so in eine Tradition, in den Prozess der historischen Überlieferung, als einmalig einbezogen. Ein Heiligenrelikt verkörpert genau diese Merkmale: es ist einzigartig, echt und durch eine Tradition verbürgt. Hier ist entscheidend, was Benjamin Kultwert nennt: die Funktion des Dings in einem rituell-religiösen Zusammenhang. Alle auratischen Objekte seien, auch wenn sie säkularisiert sind, in einen Zusammenhang eingebunden, in dem sie durch ihre Echt- und Eigentlichkeit menschliche Verhaltensweisen durch eine Trennung zwischen echt und falsch, eigen und fremd, gut und böse strukturieren. Wenn nun Gutenbergs Spiegelkonstruktion das Relikt von sich selbst entfernt, indem sie die Echt- und Eigentlichkeit des Objekts durch seine Reproduzierbarkeit ersetzt, so wird die rituelle Funktion des auratischen Dinges zerstört. Während Reformation und dann Gegenreformation um die Deutungshoheit über die christliche Tradition kämpfen, wirkt Gutenbergs kleine (und später seine große) Erfindung auf eine Multiplizierung der heiligen Objekte hin. Diese Vervielfältigung geht die Grundlage des Rituals an und zersetzt sie langsam, aber sicher.

Wie die Pilger die heiligen Objekte wahrnehmen, hängt daher mit dem technischen Stand ihrer Zeit zusammen. Benjamin schreibt: Die Art und Weise, in der die menschliche Wahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt – ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt.1 Der Stand der Technik determiniert die Konstitution des menschlichen Sensoriums, selbst wenn sie nicht benutzt wird: Nicht nur die Pilger, die Gutenbergs Spiegel benutzen, nehmen die Reliktensammlung anders wahr als zuvor. Auch die Pilger, die sich in die erste Reihe der Masse vordrängen konnten, sehen die Heiligtümer nun anders, schlichtweg, weil sie um die Hunderten sie umgebenden Abbilder wissen.

Wie steht es heute um unser Sensorium? In einem Zeitalter, in dem Forscher berichten, dass das Fotografieren des eigenen Essens den Appetit erhöht – da der heutige Mensch vor allem so das Essen tatsächlich anschaut – scheint es offenbarer denn je, dass unser Wahrnehmungsapparat durch die technischen Apparate unserer Zeit geformt wird: ein Erlebnis wird als potentieller Facebook Status wahrgenommen, ein Aperçu darauf überprüft, ob es dem Limit von 140 Zeichen auf Twitter gerecht wird, ein Gefühl mit zur Verfügung stehenden Emojis, Memes und Snapchat Effekten kategorisiert und artikuliert, d. h. sowohl beim Sender als auch beim Empfänger auf diese Art produziert. Nicht nur Benjamins Urteil, dass Wahrnehmung historisch bedingt ist, bestätigt sich, sondern auch, dass die Zerstörung der Aura weiterschreitet und sich beschleunigt: die Einmaligkeit eines Ereignisses, eines Gefühls oder eines Gedankens wird durch deren technische (Re-)Produktion immer weiter aufgehoben und in eine unbegrenzte Wiederholbarkeit ohne Original aufgelöst. Wenn Aura, so Benjamin, ein sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag2 ist, so ist das Begehren der Menschenmasse genau die Zerstörung dieser Ferne. Wir wollen alles „aus nächster Nähe“ sehen, unsere Erinnerungen, Wahrnehmungen, Wünsche und Hoffnungen heute buchstäblich in der Hand halten. Mittlerweile scheint Benjamins Aussage über den Film, dass der apparatfreie Aspekt der Realität […] hier zu ihrem Künstlichsten geworden3 ist, auch zutreffend für das Alltagsleben eines Großteils der Menschen zu sein – der reichen Menschen zumindest. Technikkritik darf nie die sozioökonomische Gewalt vergessen, die der ungleichen Verteilung der technischen „Fortschritte“ unterliegt. Nicht mehr der Widerstand der Realität, in Apparaten gefangen zu werden, definiert den Bereich, in dem Technik sich ausbreiten kann, sondern genau umgekehrt umschreibt der Widerstand der Technologie, nicht die Realität zu vermitteln, den „apparatfreien Aspekt der Realität“. Selbst Schlaf und Sex, Freund- und Elternschaft finden mittlerweile immer häufiger durch Technologie konstruiert statt. Alles ist in nächster Nähe – eine Nähe, die nur durch die Zwischenschaltung einer Maschine produziert werden kann.

Anstelle einer nostalgischen Kulturkritik, die eine Rückkehr zu einem Früher fordert, sieht Benjamin überraschenderweise genau in der Zerstörung der Aura die Möglichkeit einer Befreiung des Menschen; die Möglichkeit einer Revolution, die den Menschen aus der Knechtschaft der ersten, an das Ritual gebundenen Technik führt. Diese letztere sei gerade wegen ihrer Bindung ans Ritual immer auf eine doppelte Unterdrückung angelegt: die der Natur durch den Menschen und die des Menschen durch seinen Mitmenschen. Einmaligkeit und Echtheit – das auratische Heiligenrelikt und alle seine Abwandlungen – binden den Menschen an den Versuch der Beherrschung der Trennungen, durch die eine ritualistische Gesellschaft entsteht. An diese Stelle solle nun, so Benjamin, eine „Beschleunigung“ der Entwicklung der Technik und eine entsprechende „Anpassung“ an die Produktionskräfte treten. Benjamin schreibt: Der Ursprung der zweiten Technik ist da zu suchen, wo der Mensch zum ersten Mal und mit unbewußter List daran ging, Abstand von der Natur zu nehmen. Er liegt mit anderen Worten im Spiel.4 Die Forderung einer Rückkehr zum auratischen Modus vernichtet jeglichen Spiel-Raum, den die Zerstörung des Hier und Jetzt der Aura freigibt. Auf dem Spiel steht nicht eine Bekämpfung, sondern eine Beschleunigung der Selbstentfremdung durch Technologie. Spiel findet nur statt, wenn der Spieler im Spiel verschwindet, wenn das Selbst sich so sehr entfremdet hat, dass es nicht mehr es selbst ist. Im Film, Benjamins Hauptbeispiel der zweiten Technik, gibt es kein Original mehr: Es gibt nur noch Abzüge und deren unablässige Verbreitung, Verbesserung und Weiterverwertung. Der Mensch, wenn er sich der Filmtechnik anpasst, verliert seine Aura und den Glauben, dass es eine „authentische“, soll heißen, einmalige, originelle und echte Version von ihm gibt, die er „verwirklichen“ muss. Dies wäre kein Verlust der Singularität des einzelnen Menschen sondern nur der Verlust der Illusion, dass es „Echtheit“ als Gegensatz zu Falschheit geben könnte.

Insofern scheint die Zerstörung der Aura, wie sie die Technik heute vorantreibt, ein Schritt in die von Benjamin gedachte Richtung einer Befreiung zu sein. Doch hier zeigt sich die volle Widersprüchlichkeit unserer technischen Existenz. Neben die unwiderrufliche Zerstörung der Aura tritt eine Ablehnung einer Anpassung an genau diese Zerstörung.

Nennen wir nur zwei der wichtigsten Tendenzen der heutigen technisch-bedingten Kondition: auf der einen Seite das von Marketingabteilungen en masse produzierte Versprechen der weiterhin bestehenden Möglichkeit auratischer Dinge. Das Motto der Firma Manufactum zeigt exemplarisch diesen Angang: Es gibt sie noch, die guten Dinge. Das Versprechen, dass Tradition und Echtheit noch existieren, zeigt seine Verwandtschaft mit der anderen Seite des Versuchs der Reanimation des auratischen Modus in dem zum Manufactum-Gründer Thomas Hoof gehörigen Verlag Manuscriptum: der Verlagskatalog (inklusive des „Skandalbuchs“ Deutschland von Sinnen von Akif Pirinçci) ist gefüllt mit Bekenntnissen zu „Kulturkonservatismus“, „natürlicher Ordnung“ und einer Bekämpfung des „Kriegs gegen den Mann“. Manufactum hat sich von Manuscriptum offiziell distanziert, mit der Bemerkung, es habe mit dem Verlag „nichts zu tun“.5 Benjamins Aufsatz jedoch zwingt uns zu fragen: zeigt sich im gemeinsamen Zelebrieren der „Tradition“ und dem beiden eigenen Versuch, sich vor der Haltlosigkeit der (postnationalen, kapitalistischen) Moderne durch eine Rückkehr zum „Heimischen“ zu schützen nicht die innere Verschränkung nationalistischer Tendenzen und der Rückkehr zu den guten, auratischen Dingen? In Benjamins Essay finden wir das explizite Ziel, eine Kunsttheorie zu entwickeln, die für die Zwecke des Faschismus vollkommen unbrauchbar6 ist. Auf den Verfall der Aura mit dem Echt-Heimischen zu reagieren genügt diesem Ziel nicht: das Bestehen auf dem mit der Heimat verbundenen Einmalig-Echten scheitert daran, sich unbrauchbar zu machen.

Auf der anderen Seite ist die tatsächlich stattfindende Anpassung an die heutige Technik ebenso weit von Befreiung entfernt. Insbesondere soziale Medien und die auf den Körper rückende Technologie (wie etwa die Apple Watch, Fitbits, verschiedenste Implantate etc.) zeigen, verkürzt gesagt, den Versuch des Festhaltens an der Aura des Selbst: im Vordergrund steht die Konstruktion des Selbst als Person, um die Wahrnehmung durch den Mitmenschen vorherzubestimmen. Einmaligkeit und Echtheit des Selbst werden auch da behauptet, wo Serialität und Reproduzierbarkeit klar die Oberhand gewinnen. Die Beschleunigung der Selbstentfremdung, die zur Freisetzung eines Spiel-Raums führen könnte und eine Anpassung an die technischen Produktionskräfte jenseits jeglicher Beherrschung ermöglichen würde, wird verstellt.

Beiden die Bewegung zum Spiel-Raum hemmenden Tendenzen ist gemein, dass sie unter dem Zeichen des Kapitalismus stehen. Sowohl die Ideologie des „guten“ und „nachhaltigen“ Verbrauchertums als auch der Fetischismus der Person sind Auswüchse und Stützen eines kapitalistischen Wirtschaftssystems. Schon 1935 sah Benjamin hierin die größte Gefahr für den Erfolg der zweiten Technik: über die Situation des Films, welcher für ihn die Speerspitze der neuen nicht-auratischen Kunst ist, schreibt er: Es gilt daher vom Filmkapital im besonderen, was vom Faschismus im allgemeinen gilt: daß ein unabweisbares Bedürfnis nach neuen sozialen Verfassungen insgeheim im Interesse einer besitzenden Minderheit ausgebeutet wird. Die Enteignung des Filmkapitals ist schon darum eine dringende Forderung.7

Wenn eine Technik des Spiel-Raums die Technik des Rituals und der Beherrschung ersetzen soll, ist eine umfassende Systemkritik notwendig. Das Anpassen, von dem Benjamin spricht, ist kein Anpassen an Realzustände, sondern ein Anpassen an das befreiende Potential, das von der Wirklichkeit verfälscht und überdeckt wird. Das Denken Benjamins zielt letztlich auf ein Nein zum Nicht-Anpassen an dieses Potential, ein Nein im Dienste einer Befreiung von der Dienstbarkeit. Die neue Politik, von der er spricht, ist nicht eine Politik eines neuen Programmes oder einer neuen Agenda: Auch dies wäre eine Politik der Beherrschung und des Ziels, nicht des Spiels. Paradoxerweise ist deshalb auch das Spiel nicht programmatisch als Ziel zu erreichen: es kann immer nur aus der Gewöhnung heraus entstehen, nicht aus der gewollten Kontemplation. Hier zeigt sich dann zugleich die gesamte Kraft und Notwendigkeit sowie die Ohnmacht der Technikkritik: sie muss Herrschaft hinterfragen und deren Illusionen aufdecken. Doch spielerisch zu werden, das kann sie niemals intendieren, sondern nur aus sich heraus, über sich hinausgehend und vor ihrem Ziel zurücktretend, erreichen.


  1. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit in Gesammelte Schriften, Band VII (Frankfurt: Suhrkamp, 1989), 354.
  2. Ibid., 355.
  3. Ibid., 373.
  4. Ibid., 359.
  5. Manufactum, http://www.manufactum.de/unserem-verhaeltnis-verlag-manuscriptum-c-4112 (aufgerufen am 01. Juni 2016)
  6. Ibid., 350.
  7. Ibid., 372.

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Kommentar 1

Annette Ohme-Reinicke

...toller Aufsatz! Wäre eine Technik des Spiel-Raums nicht bereits Systemkritik?

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