Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Intelligenz, Formen und Künste
fatum 4 | , S. 53
Inhalt

Mandarinen im März

Kurzgeschichte

Willst Du noch ein bisschen Obst? fragte Anna und schob ihm die Schale mit den Äpfeln und den Weintrauben hin. Hier, nimm dir! Warte, ich hab’ noch mehr. Sie öffnete den Kühlschrank, holte ein paar Mandarinen hervor und legte sie auf den Tisch. Schau, die magst du doch so gern!

Sechs Wochen zuvor war er auf dem Markt und kaufte Mandarinen. Ein kühler Wind strich über die Place de la Victoire, knapp über dem Gefrierpunkt. Es dämmerte. Nie schmeckte etwas so gut wie die erste Mandarine an jenem Morgen. Ihre Schale leuchtete orange. Alles verblasste daneben; die Menschen, der Obststand, seine Hand, alles ergraute. Das leuchtende Orange der Mandarine weckte seine Augen. Er bog die Mandarinenschale, Saftfäden spritzten heraus. Gierig sog er den Duft ein. Er zog die weißen Fäden ab und glitt mit dem Finger zwischen die Fruchtstücke. Die Mandarine war kalt, wunderbar kalt. Nie schmeckte etwas so gut wie diese Mandarine. Ihr Saft rann in jeden Winkel seines Mundes. Süß und erfrischend kühl. Er aß sogleich eine zweite. Die Mandarinen löschten den ersten Durst auf den Tag.

Er kaufte einen Becher marokkanischen Minztees; dieser herrlich süße Tee, der Finger und Seele wärmte. Er ging die Marktstände entlang. Berge von Saucissons wurden angeboten, überzogen mit Kräutern, Pfeffer, Fenchel oder Kümmel. Er ging vorbei an Oliven, Wein, Honig, Blumen, Brioche und Foie gras, die ihm ein Mädchen von etwa 15 Jahren mit schüchterner Hand pour goûter reichte. Und die Fischstände: Rotbarben lagen neben Knurrhahn, Wolfsbarsch, Sardinen und Makrelen. Hummer neben Langusten, Scampi, Garnelen, Jakobsmuscheln und Austern aus den nahegelegenen Bassins – von klein bis groß, von fines bis spéciales de claire. Er kaufte ein paar Sardinen fürs Mittagessen und am Käsestand daneben Comté, einen Chavignol affiné und ein paar junge Picodons; dann fünf, sechs weitere Mandarinen. Schließlich ein Stück Brioche. Danach ruhte er sich bei einem café aus und beobachtete ein wenig das Treiben.

Das war vor sechs Wochen, an seinem letzten Samstagmorgen in Nimerac. Nun saß er bei Anna in der Küche. Als er zurückkehrte, holte sie ihn am Flughafen ab. In seiner Wohnung angekommen, rissen sie sich die Kleider vom Leib und gingen erst zwei Tage später wieder vor die Tür. Keine schlechte Zeit. Nun ödete die Küche ihn an. Der Tisch wackelte beim Essen und die Küchenuhr tickte grässlich. Wenigstens redete Anna nicht. Das Schweigen war ihm angenehm.

Ein Semester hatte er in Nimerac verbracht, hatte dort studiert. Vereinzelt waren die Kurse interessant gewesen; er hätte öfter hingehen können. Zum Französisch-Kurs war er immer gegangen. Die Gruppenarbeiten unterschieden sich kaum von Speed-Dating. Außerdem besprachen sie dort, wo sie später vorglühten und in welchen Club sie gingen. Häufig tranken sie nach dem Kurs ein Bier im Campus-Café.

Die meisten Fernbeziehungen gingen in die Brüche, beim Skypen, beim Urlaub in der Heimat, oder bei der Liebesnacht mit einer Griechin. Das mit Anna hielt. Sie waren ja fast ein Jahr zusammen als er ging. Das warf man nicht so einfach in die Büsche.

Wie gern fuhr er in Nimerac mit dem Fahrrad durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, vorbei an den Epicerien, Fromagerien, Antiquariaten, Chocolaterien, den Fluß entlang, über die Brücke. Das war Freiheit. Gewesen.

Vor sechs Wochen torkelte er mit Marek ausgelassen durch die Innenstadt. Marek aus Pilsen. Immer wenn er ihn besuchte, bekam er an der Türschwelle ein Bier in der Hand gedrückt. Lang lebe die tschechische Gastfreundschaft! An seinem letzten Wochenende machten sie ihren Bars und Plätzen einen Abschiedsbesuch. Zuerst ein Live-Gig, dann in die Weinbar mit der hübschen Kellnerin, dann in die Hipster-Bar mit den Himbeer-Mojitos. Ach, Marek, was lachten sie zusammen, als sie herausfanden, dass mit „baguette“ nicht nur das Weißbrot gemeint war sondern „baguette magique“ auch „Zauberstab“ hieß. Wer konnte einen Zauberer ernst nehmen, der zum Zaubern ein Baguette herausholte? Stundenlang lachten sie darüber. Auf der Straße drehten sich die Menschen nach ihnen um. Es war ihnen egal. Und als sie nur noch glucksten, die Heiterkeit allmählich erlosch, entfachte der kleinste Versprecher, ein Wort oder ein Geräusch das nächste Inferno, das die Umstehenden ratlos ließ. Und die legendäre Weinprobe, bei der sie kurz vor Schluss so viele halbvolle Flaschen einsteckten wie sie tragen konnten. „Formidable“ war ihr Lied, formidable ihre Zeit. Jeder Tag war neu und anders. Jeder Tag brachte neue Augen, neue Zungen, neue Schlüsselbeine, neue Düfte, neue Nippel, neue Schamlippen. Potenziell. Jeder Blick war verheißungsvoll, jeder Sonnenuntergang und jedes Glas Wein. Es gab nie einen Grund, morgens aufzustehen, jeden Abend mehrere, um loszuziehen.

Obststand mit Kakis und Mandarinen auf dem Campo de’ Fiori
Obststand mit Kakis und Mandarinen auf dem Campo de’ Fiori
© 2016 Marco Verch

Das Surfen machte Spaß. Das erste Stehen auf dem Brett fühlte sich phantastisch an. Schließlich folgte er den Besseren über den Channel hinter die Brechungslinie. Dort warten, sanft schaukeln und ein wenig paddeln. Plötzlich brach eine Welle unerwartet früh. Sie erwischte ihn von der Seite und drückte ihn unter Wasser. Kaum tauchte er auf, brach eine zweite Welle über ihm zusammen. Bevor er das Brett an sich ziehen konnte, schlug der dritte umso heftiger ein. Sein Atem wurde knapp. Wo war die Oberfläche? Nur ein Luftzug, dann wirbelte ihn die vierte Welle unter Wasser. Als das Set vorbei war, hievte er sich ausgepumpt auf das Brett und lies sich an den Strand tragen. Spielball der Fluten sein, das war ein phantastisches Gefühl, das war Leben. Gewesen.

Nun saß er bei Anna in der WG-Küche. Sie hatten viel telefoniert und geschrieben, während er weg war. Einmal war sie ihn besuchen gekommen. Über Weihnachten war er zu Hause gewesen. Er erzählte wenig. Was hätte das für einen Zweck? Sätze wie: In Nimerac habe ich eine Russin getroffen. Sie war für ein Wochenende da, um eine indische Freundin zu besuchen, die sie in London kennengelernt hatte. Aber eigentlich studiert sie in Kalifornien. Das ging ihm seit Erasmus leicht von den Lippen. Doch was sollte Anna damit anfangen? Wer das verstehen wollte, musste es erlebt haben. Jeder Moment war groß gewesen. Ja, er hatte gelernt, für den Moment zu leben. Darin waren sie Könige geworden, er und Marek. Ein großartiger Abend in der dreckigen Wohnheims-Küche brauchte nichts als ein paar Flaschen Bier. Selbst die waren eigentlich überflüssig. Wenn mal nichts als lauwarmer Weißwein da war – das war egal.

Wie Anna mit dem Besteck lärmte, war unerträglich. Es nervte ihn, wie sie schmatzte, wie sie das Glas auf den Tisch knallen ließ, wie sie ihre Nase mit dem Handrücken abwischte, wie sie das buttrige Messer in den Honig tunkte, wie sie das Zimmer mit den Dünsten von Pomegranate-Super-Berry-Blow-Tee verpestete. Und was sie ihm nicht an sinnlosem Zeug erzählte. Wen interessierten die Beziehungsgeschichten ihrer Freundinnen und die Urlaubsfotos ihrer Eltern? Er nahm sich eine Mandarine.

Als der Sturm kam, fuhr er mit Giulia ans Meer. Er genoss die schwerelose Art der Italienerin. Alles war entspannt mit ihr. Sie kannte keinen Stress. Wann immer es ging, trank sie einen Espresso. Bevor sie aus dem Haus ging, nach dem Essen, nach der Vorlesung, wenn sie auf dem Markt ankam und bevor sie wieder heimging, wenn sie warten musste und wenn sie es eilig hatte. Erst mal einen Espresso, dann weitersehen.

Sie stiegen den Leuchtturm hinauf. Die Wolken rasten an ihren Köpfen vorbei. Der Wind zerrte an ihren Mänteln, machte ihre Ohren taub. Ihre Augen tränten. Sie lehnten sich in den Wind. Das Geländer war niedrig, der Leuchtturm schwankte. Es fühlte sich gefährlich an. Er wurde seekrank.

Auf dem Weg zum Strand hagelte ihnen der Sand in die Gesichter. Sie drückten die Augen zu Schlitzen zusammen und stiegen die letzte Düne rückwärts hinauf. Der Ozean tobte. Keine Möwe war in der Luft, kein Schiff auf dem Wasser. Kein Horizont zu erkennen. Die Überreste des „Atlantikwalls“ lagen, halb im Sand versunken, wie Bauklötze am Strand verteilt. Bauklötze auf dem Weg ins Meer. Sie flüchteten hinter einen davon. Dort war es windstill und ruhig. Sie rutschten zusammen. Sie holte eine Mandarine hervor. Warum hatte er sie nicht geküsst? Warum nicht? Ach ja, Anna.

Camembert und Mandarinen und Baguette. Das war ein Abendessen. Oder ein Frühstück. Oder ein Mitternachtssnack. Oder ein Picknick am Strand. Ideal um ein paar Gläser Wein aufzusaugen. Was lachten sie mit den Kolumbianern, als diese wieder und wieder „–w“ sagten, in dem festen Glauben einmal „–v“ und einmal „–b“ zu artikulieren. Wie regte er sich über die Portugiesen auf, die grundsätzlich zwei bis drei Stunden zu spät erschienen. Wie gern kochte er abends mit den Spaniern. Sie trafen sich nicht vor 20 Uhr, aßen nicht vor 23 Uhr und brachen nicht vor 2 Uhr Richtung Club auf. Das alles war wunderbar. Auch sein winziges Wohnheimzimmer. Eine Schuhschachtel. Der Raum war höher als breit, sodass er das Gefühl hatte, die Seitenwände kämen einander beständig näher.

Jetzt war alles so weit weg. Irgendwann würde er zurückkehren. Irgendwann. Zurück zu Minztee, Himbeer-Mojitos und Bauklötzen. Doch die anderen wären nicht mehr da, Marek wäre nicht mehr da, Giulia auch nicht. Es wäre nicht dasselbe ohne sie. Jetzt sollte er zurückfahren, jetzt sofort. Marek blieb das ganze Jahr, er könnte ihn besuchen. Ach, hätte er nur verlängert, wäre er nur ein ganzes Jahr geblieben. Warum hatte er nicht verlängert? Ach ja, Anna.

Warum hatte er die hübsche Verkäuferin in der Fromagerie nicht angesprochen? Warum nicht jene junge Dame, die sich mittags an den Nachbartisch im Café setzte und nichts als eine Karaffe Rotwein bestellte? Sie kam bestimmt nicht aus Nimerac, wahrscheinlich war sie auf einer Städtereise. Wo war ihre Begleitung? Reiste sie alleine? Er hätte sie ansprechen sollen. Sie hätten ein bisschen geplaudert und wären einander sympathisch gewesen. Bestimmt. Sie hätte bald aufbrechen müssen und ihn – halb im Scherz – gefragt: You seem like a nice guy. Why don’t you come with me? My train to Bordeaux leaves in three hours. Er wäre mit ihr gefahren und… Warum hatte er sie nicht angesprochen? Ach ja, Anna.

Die Mandarine kam aus dem Kühlschrank. Sie war wärmer als vor sechs Wochen auf dem Markt. Er schälte die Mandarine in seiner Hand. Die Schale hat weiche Stellen. Sie roch seltsam. Die Haut um das Fruchtfleisch war schrumpelig und gelblich. Es war weich und matschig, gärig war es und angefault. Vor sechs Wochen war er auf dem Markt gewesen.

Warum bist Du so still? fragte Anna. Er schleuderte die Mandarine gegen die Wand. Spritzer trafen sie im Gesicht. Der Mandarinenmatsch rutschte von der Wand und klatschte auf den Boden. Er rannte in die Nacht.


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