Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Synthese
fatum 6 | , S. 8
Inhalt

Was ist das: Synthese?

Antwort von Lisa Herzog

Es ist ein alter Traum, für politische Probleme Lösungen zu finden, die alle Seiten zufriedenstellen: Bei denen es nur Gewinner und keine Verlierer gibt, bei denen alle schlechten Vorschläge aussortiert und alle guten Vorschläge vereint werden. Der Begriff der Synthese meint Zusammensetzung und wird heute vor allem in der Naturwissenschaft verwendet. In der politischen Philosophie könnte er solche wunderbaren Lösungen beschreiben, bei denen man den Kuchen gleichzeitig aufessen und behalten kann.

Aber ist Synthese überhaupt ein sinnvoller Begriff, um über Politik nachzudenken?

Dem Klischee nach war es der deutsche Philosoph G.W.F. Hegel (1770–1831), der den Dreischritt These – Antithese – Synthese auf alle möglichen Gegenstandsbereiche anwendete, auch auf die Frage der gesellschaftlichen und politischen Ordnung. Demnach schreitet philosophisches Denken voran, indem es eine Behauptung aufstellt, dann ihre Gegenposition prüft, und abschließend die Synthese aus beiden zieht, die dann wiederum Ausgangspunkt für den nächsten solchen Dreischritt ist. Tatsächlich ist dies ein stark vereinfachtes Schema. Was Hegel mit dem Gedanken der Synthese meinte, lässt sich besser anhand seines Begriffs des Aufhebens verstehen. Aufheben hat im Deutschen eine Reihe von Bedeutungen: Auf ein höheres Niveau heben, bewahren, aber auch überwinden oder für nichtig erklären. Diese Elemente finden sich auch im Hegelschen Dreischritt: Bestimmte Positionen werden in der Synthese überwunden, wobei gleichzeitig das, was an ihnen wertvoll ist, bewahrt und auf ein höheres Niveau gehoben wird.

Um dies an einem Beispiel aus Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts zu illustrieren: Hegel unterscheidet die drei sozialen Bereiche Familie, bürgerliche Gesellschaft (gemeint ist das Wirtschaftsleben und seine Regulierung) und Staat (im Sinne des politischen Staates). Familie und bürgerliche Gesellschaft können nicht für sich alleine existieren; Vorstellungen davon, dass sie autonom wären,

müssen also überwunden werden. Die Formen des Soziallebens, die in Familie und bürgerlicher Gesellschaft stattfinden, sind aber wertvoll und dürfen vom Staat nicht vernichtet, sondern müssen bewahrt und in ihn eingebettet werden. Dadurch werden sie auf ein höheres Niveau gehoben, in dem Sinne, dass sie erst innerhalb des Staates ihr volles Potential entfalten.

Kann man politische Strukturen anhand eines derartigen Modells verstehen? Hegel ist bis heute ein umstrittener Theoretiker, der von manchen als reaktionär und von anderen als progressiv gelesen wird. Diese unterschiedlichen Deutungen lassen sich auch auf die Denkfigur der Aufhebung beziehen. Versteht man sie so, dass die bestehende soziale Wirklichkeit schon eine gelungene Synthese aus unterschiedlichen Elementen ist, und deswegen am besten bewahrt werden sollte, dann bekommt der Begriff etwas unangenehm Konservatives. Alle Fragen danach, ob die angebliche Synthese vielleicht auch schmerzhafte Kompromisse verlangt hat oder welche Interessenskonflikte weiter schwelen, werden dann im Namen der Synthese unterdrückt – es wird die Fiktion einer Einheit erzeugt, bei der es nur Gewinner und keine Verlierer gibt.

Die Alternative dazu ist, den Begriff der Aufhebung oder Synthese dynamischer zu verstehen. Politik besteht darin, immer wieder gemeinsam Lösungen zu finden, mit denen alle leben können – ohne damit die Tatsache zu leugnen, dass es in der Politik immer auch um unterschiedliche Werte und Interessen geht. Nach dieser Lesart ist eine Synthese nie ein endgültiger Schlusspunkt, sondern eine Zwischenstation in einem dynamischen Prozess. Selbst die besten Lösungen werden irgendwann von historischen Entwicklungen eingeholt, man muss auf neue Herausforderungen eingehen und neue Anpassungen vollziehen. Denn Menschen sind zeitliche Wesen, und Politik findet innerhalb geschichtlicher Abläufe statt. Manche gefundenen Synthesen müssen verteidigt werden, andere brauchen neue Antithesen. Dass man den Kuchen auf Dauer zugleich aufessen und behalten kann, ist in der Politik eine gefährliche Illusion.


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