Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
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fatum 1 | , S. 10
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Was ist das: Philosophie?

Antwort von Prof. Dr. Ulrich Weiß

Die Frage, was Menschen tun, die „politische Philosophie“ studieren oder sie lehren, lässt sich weder einfach noch umfassend beantworten. Statt dessen einige Hinweise zu einem komplexen Feld.

Beginnen wir mit der stets sich erneuernden Herausforderung für jegliches Philosophieren: mit der Sprache. Was ist „das Politische“ bzw. „die Politik“? Während die deutsche Sprache nur einen einzigen Ausdruck kennt, haben sich im Englischen drei Wörter eingebürgert, deren unterschiedliche semantische Gehalte die begriffliche Breite von „Politik“ darstellen. „Polity“ meint den Ordnungs- und institutionellen Aspekt von Politik; „policy“ meint den inhaltlichen Aspekt: die sogenannten Politikfelder als Sachgebiete politischer Ordnung und Regelung (Wirtschaftspolitik, Sicherheitspolitik, etc.); „politics“ weist auf den Handlungs- und Prozesscharakter von Politik hin, also auf den dynamischen Aspekt. Alle drei Dimensionen sind Gegenstand der empirischen Politikwissenschaft. Deren kategoriales Framework (Grundbegriffe wie Macht, Staat, Herrschaft, Recht, Moral etc.), die logischen, methodologischen, erkenntnistheoretischen, anthropologischen, handlungstheoretischen und systemtheoretischen Grundlagen, aber auch die handlungsleitenden und politikorientierenden Leitideen - all dies ist Angelegenheit politisch-philosophischer Reflexion.

Als akademische Disziplin betrachtet, tritt letztere in zweierlei Gestalt auf, die sich oft in den Benennungen der entsprechenden Professuren zu erkennen gibt. Als Ideengeschichte beschreibt, analysiert und diskutiert die politische Philosophie die Vokabulare, Begrifflichkeiten, Theorien, in denen das Politische im Laufe der Geschichte gedacht wurde. Systematische politische Philosophie hingegen behandelt Themen, Probleme und Argumentationen (Perspektiven und Figurationen der Macht, Herrschaft und ihre Ordnungen, Staatlichkeit und ihr Verhältnis zur Gesellschaft, normative Orientierungen wie Menschenwürde, Menschenrechte, Gerechtigkeit, Verantwortung etc.) und überdenkt diese mit einem begrifflich-theoretischen und methodischen Instrumentarium. Diese beiden Teilgebiete sind mit guten Gründen analytisch nach Gegenstand und Methoden zu unterscheiden. Kein Zweifel aber, dass beide ineinander spielen, um eine fruchtbare Reflexion und eine wirklich ertragreiche intellektuelle Arbeit zustande zu bringen. Die Ideengeschichte liefert das reiche Reservoir für systematische Untersuchung und Reflexion. Im Beispiel: Um das heute vorrangige Problem der Gerechtigkeit zu diskutieren, ist man gut beraten, zur Kenntnis zu nehmen, was Aristoteles und Thomas von Aquin darüber dachten. Wenn wir auch nicht alles in die Jetztzeit übernehmen können, so werden wir doch immer wieder modellhafte Vorgaben und heuristisch wertvolle Impulse aus der Tradition des politischen Denkens gewinnen. Ideengeschichte kann ihrerseits nur dann fruchtbar betrieben werden, wenn sie ein systematisches begrifflich-theoretisches Arsenal von Methoden und Deutungsmustern einsetzen kann, das sich interdisziplinär aus allen möglichen Repositorien bedient.

Was politische „Ideen“ sind, ist keineswegs klar und eindeutig. Meist sind Begriffe und deren systematische Ordnung in Theorien gemeint. Diese müssen aber keineswegs philosophischer Art sein; sie können auch in Gestalt von politischen Ideologien bzw. Weltanschauungen auftreten (der Kommunismus des 20. Jahrhunderts liefert eines von vielen Beispielen). „Ideen“ müssen aber nicht notwendigerweise Begriffe sein. „Ideen“, das können auch Bilder und Erzählungen sein, welche als symbolische Repräsentanten von politischer Macht und Herrschaft wichtig sind. Politische Mythen (vom Ursprung der Nationen, von der Gründung von Staaten, von geschichtlichen Schlüsselereignissen, von herausragenden Einzelpersönlichkeiten und charismatischen Helden) und ihre praktisch-politischen Funktionen sind ebenfalls „Ideen“, die zu untersuchen sich schon deswegen lohnt, weil sie politisch oftmals wirksamer sind als noch so schöne begriffliche Theorien.


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