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fatum 1 | , S. 64
Inhalt

„Die fröhliche Wissenschaft“ von Friedrich Nietzsche

Lektüre

– Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt –

Der größte rebellische Jugendkult um Friedrich Nietzsche (1844–1900) endete vor genau 100 Jahren. Mit dem 1. und 2. Weltkrieg wurde er unter den Schlagwörtern „Wille zur Macht“ und „Übermensch“ zum Kriegsphilosophen umgedeutet. Seit jeher verführerisch an Nietzsche sind allerdings das Relativieren und überraschende Perspektivwechsel, wie er sie in der fröhlichen Wissenschaft (FW) vorführt.

Ist der Freigeist Nietzsche Philosoph oder Dichter? Nach dem Inhalt der FW beides: Der Hauptteil besteht aus fünf Teilbüchern, die in 383 Aphorismen unterteilt sind; sie reichen von wenigen Zeilen bis zu 5 Seiten; die meisten sind nicht länger als eine Seite, dabei inhaltlich abgeschlossen, was das konzentrierte Lesen erleichtert und das Überfliegen wie Überspringen möglich macht. Schon die Erstausgabe von 1882 enthält ein Vorspiel in deutschen Reimen, nämlich 63 kurze Gedichte unter der Überschrift Scherz, List und Rache. Zur zweiten Ausgabe von 1887 kam das 5. Buch, eine Vorrede und ein „Anhang“ namens Lieder des Prinzen Vogelfrei hinzu.

Nietzsche denkt sich tanzend durch viele Themen, unter anderem Naturwissenschaften, Erkenntnistheorie, Psychologie, Kunst, Rhetorik und selbstverständlich Moral. Die FW enthält zwei Gedanken, für die Nietzsche berühmt wurde: Den von der ewigen Wiederkunft (no 341) und den von Gottes Tod (no 108, 125).

Bedeutende Kernaussage ist die Relativierung der Wahrheit, die Aufgabe der Wahrheit als Wert an sich. Worauf gründen wir überhaupt unseren Willen zur Wahrheit? Aber warum nicht täuschen? Aber warum nicht sich täuschen lassen? und woher dürfte dann die Wissenschaft ihren unbedingten Glauben, ihre Überzeugung nehmen, auf dem sie ruht, daß Wahrheit wichtiger sei als irgendein andres Ding, auch als jede andre Überzeugung? (no 344). Ist die Wissenschaft also nur Metaphysik, gekonnte Metaphysik, die ihren Glaubenscharakter kaschiert? Eine derart tiefgreifende Erschütterung macht Lust, einfache Glaubenssätze unserer Zeit aufzuspüren und zu entlarven. Bringen Facebook, WhatsApp und Tinder die Menschen einander wirklich näher? Worauf fußen „Bio“, vegetarische Ernährung oder die „moderne Medizin“?

Die FW überrascht mit Passagen über die Analyse von Frauen und die Beziehung zwischen Mann und Frau (no 60–75, 363). Ob scharfsinnig oder gänzlich unhaltbar, mag auf diesem intimen Gebiet jeder Leser für sich entscheiden. Besonders skeptisch darf man sein, wenn ein Mann ansetzt: Was das Weib unter der Liebe versteht, ist klar genug: (no 363). Derartige Verallgemeinerungen kommen gelegentlich auch bei anderen Themen vor und erscheinen vorschnell und ungenau. Jedenfalls beweist Nietzsche Scharfsinnigkeit, wenn er über die Liebenden schreibt: Die Liebe vergiebt dem Geliebten sogar die Begierde. (no 62)

Das Böse ist auch das Gute – die FW zeigt das durch einen Wechsel des Blickwinkels in nur einem Satz: Das Gift, an dem die schwächere Natur zu Grunde geht, ist für den Starken Stärkung – und er nennt es auch nicht Gift. (no 19). Doch Nietzsches Lieblingskampf ist der gegen die Heuchelei und Selbstlüge der Moral seiner Zeit. Der »Nächste« lobt die Selbstlosigkeit, weil er durch sie Vorteile hat!, und weiter: Die Motive zu dieser Moral stehen im Gegensatz zu ihrem Principe! (beide n°21). Die Schärfe seiner Attacken machte den Freigeist in der Belle Époque einst zum Verführer der Jugend.

Dem Titel entsprechend ist der Ton überwiegend heiter; als Gegensatz zum Schopenhauerischen Pessimismus, zu dessen Verneinung des Willens, ist die FW ein bejahendes Buch, eine Hinwendung zum Leben. Denken solle im Freien stattfinden, gehend, springend, steigend, tanzend (no 366). Nietzsches Sprache ist sehr bildreich – zur Tötung Gottes heißt es: Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? (no 125). Er liebt den Vergleich, die Metapher und das Gleichnis. Dadurch werden seine Texte manchmal dunkel und schwer verständlich. Der Leser muss deshalb immer auf der Hut sein und verbringt viel Zeit mit deuten und entschlüsseln. Der gelernte Professor der Philologie ruft ihm nicht ohne Grund die Tugenden des rechten Lesens in Erinnerung (no 383).

Nietzsches poetische Prosa gilt als eine der größten und vorbildlichsten, die je in deutscher Sprache geschrieben wurden. Den Reichtum an Gedanken, an ungewohnten Blickwinkeln und Pfaden des Denkens, die darin enthalten sind, genießt man am Besten nicht nur nachdenkend, sondern auch prüfend und weiterdenkend.


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