Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
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fatum 1 | , S. 72
Inhalt

Internationale Perspektiven eines WTPhil-Studiums

Der Master WTPhil (Wissenschafts- und Technik-Philosophie) wird durch das Munich Cencer for Technology in Society (MCTS) durch die Technische Universität München (TUM) vom Lehrstuhl für Philosophie und Wissenschaftstheorie angeboten. Er liefert die Basis für interdisziplinäre Forschung auf Grund der Kombination von Wissenschaft, Technik, Philosophie und Gesellschaft. Der Master erlaubt eine internationale Sichtweise über verschiedenste Disziplinen und ermöglicht den Studenten die Teilnahme an Kongressen und Seminaren, um eigene Forschungsarbeiten und die berufliche Karriere auszubauen. Dieser Artikel berichtet über persönliche Erfahrungen.

Von der Disziplin zur Spezialisierung

Logik hat nicht nur in Philosophie, Mathematik und Informatik, sondern auch in anderen Disziplinen wie Wirtschaft und Recht seinen Einzug gefunden. Fragen zu Entscheidungen und der ihnen zugrundeliegenden Logik bekommen zunehmendes Gewicht. Neben einem adäquaten Verständnis der jeweiligen Randbedingungen vor deren Hintergrund man Entscheidungen fällt - sei es in einem großen Unternehmen, einer staatlichen Organisation oder einer NGO - gewinnt die Frage wie Entscheidungen zustande kommen heute zunehmend an Bedeutung. Welche Methoden kann man anwenden, um möglichst effektive Entscheidungen zu fällen und was sind die Grenzen solcher allgemeinen Strategien? Im Rahmen meiner Studien der Wissenschafts- und Technikphilosophie an der TU München hatte ich die Gelegenheit, dieser Fragestellung näher nachzugehen. In meiner Forschungsarbeit habe ich Entscheidungen in der Ökonomie und im Recht betrachtet und daraus eine neue strategische Entscheidungslogik abgeleitet. Diese Ausarbeitung beinhaltet konkrete Vorschläge zu Determinanten von Entscheidungen, Betrachtungen über Metaebenen, beteiligte Strukturen, Akteure und Entscheidungsprozesse sowie deren Vorbereitung unter dem Einsatz von ökonomischen, spieltheoretischen und systemtheoretischen Methoden und Modellen. In Zeiten verstärkter Unsicherheit gilt es über die Wirksamkeit alter Methoden nachzudenken und neue Wege zur Unterstützung von Entscheidungen anzuwenden.

Meine Untersuchungen führten zu einer Reihe von prelimnären Zwischenergebnissen. Solche Ergebnisse diskutiert man am besten mit international und überregional verteilten Spezialisten, um professionelles Feedback zum eigenen Ansatz zu erhalten. Der Austausch mit Experten kann einem darüber hinaus neue, bisher nicht betrachtete Fragestellungen eröffnen. Für den Austausch in der akademischen Welt ist ein persönliches Netzwerk hilfreich, um zu einzelnen Fragestellungen überhaupt Diskussionspartner zu finden. Doch wie baut man dieses auf?

Über die Disziplinen zum Netzwerk

Der Aufbau eines persönlichen Netzwerkes ist unumgänglich, wenn interdisziplinär gearbeitet wird. Die klassischen Formen der Kommunikation reichen von Fachzeitschriften, über Einzelvorträge, bis hin zu Fachkongressen bzw. Symposien. Für meine Forschung haben sich Fachkongresse als wichtige Plattform zum Netzwerken herausgestellt. Auswahl und Besuch der Fachkongresse sind aufwändig, gilt es doch abzuschätzen, ob durch angebotene Referate auf ebendiesen die eigenen Arbeitsschwerpunkte getroffen werden und ob das eigene Thema dazu passt. Bei privat organisierten Kongressen können zudem die Teilnahmegebühren schnell bei mehreren tausend Euro liegen. Zum Glück beschränken sich die Kosten bei universitären Veranstaltungen meist auf eine moderate Teilnahmegebühr und die Reisekosten.

Selbst in Deutschland und an der eigenen Universität boten Symposien für mich immer wieder aufs Neue spannende internationale Erfahrungen. Oftmals nehmen Fachleute – Professoren und Wissenschaftler – aus europäischen Staaten, aus Amerika und Asien an solchen Veranstaltungen teil. Nun gilt es die einzelnen Referate auch sprachlich und inhaltlich zu verstehen und sich gleichzeitig kritsche Fragen für die kurze anschließende Diskussion zu überlegen. Daraufhin hält man den eigenen Beitrag und beantwortet die meist guten und tiefgründigen Fragen aus dem Auditorium. In den kurzen Kaffeepausen gelingt es, mit den anderen Teilnehmern beispielsweise über Fragen zur eigenen Arbeit Kontakte zu knüpfen und Ideen über einen anschließenden Austausch zu finden. Ein Austausch von Visitenkarten ist schon hilfreich: Trifft man sich ein zweites Mal, dann kann sich ein Netzwerk entwickeln, eine Einladung zu einem anderen Seminar folgen.

Aus der Teilnahme am Seminar „Quantiative Gerechtigkeit, Recht und Logik im August 2013“, einem Symposium zu Ehren von Arthur Kaufmanns 90. Geburtstag an der TUM, folgte für mich beispielsweise eine Einladung zum „17. Internationalen Rechtsinformatik Symposion IRIS 2014“ in Salzburg und zum internationalen Kongress „The Square of Oppositon 2014: A General Framework for Cognition Around and Beyond the Square of Opposition“ im Vatikan 2014, sowie zu mehreren “Lectures” an der Fakultät für Mathematik und Informatik der Universität von Vilnius in Litauen. Weitere Aufforderungen zu Abstracts für die Teilnahme an internationalen Kongressen in 2015 liegen vor.

Der Kongress „The Square of Oppositon 2014“ war Teil einer zweijährigen Veranstaltungsreihe und fand, nach anderen Orten wie Beirut, dieses Mal in Rom statt. Nun ist Rom an sich bereits eine Reise wert, mit seinen vielen antiken Bauwerken, auf die man nahezu in allen Teilen der Stadt stößt. Unter einem strahlend blauen Himmel erste warme, fast schon sommerliche Tage, die Besichtigung der antiken Stätten, wie das Colloseum und das Forum Romanum oder die Gärten der Villa Borghese…. Die freie Zeit war einfach zu kurz. Der Kongress fand aber nicht in Rom, sondern im Vatikan an der Lateran-Universität des Heiligen Stuhls statt, einem eigenen Staat mitten in Italien – samt „Grenz“-Kontrollen am Eingang. Im Lateran befinden sich die repräsentativen Gebäude der Universität mit ihrem luxoriös ausgestatteten Plenarsaal. Die Eröffnungsrede von Bischof Enrico dal Covol - dem Rektor der Pontifical Lateran University - in französischer Sprache und ohne prunkvollen Ornat empfand ich als Zeichen der internationalen Ausrichtung dieser Universität und des Kongresses. Die gute römische Küche bot am Abend einen wertvollen Ausgleich zu geistigen Inhalten. Hightlight war ein gemeinsamer Empfang mit dem französischen Botschafter im Vatikan, in der Villa Bonaparte, und die angeregten Gespräche mit den Teilnehmern.

Ganz anders war das Ambiente der Fakultät für Mathematik und Informatik in Vilnius in Litauen. Auch hier war die Aufnahme herzlich, doch die am Rande der Stadt gelegenen neuen Räumlichkeiten der Fakultät waren eher nüchtern und einfach ausgestattet. Da die Studiengänge in der Ausbildungssprache Litauisch abgewickelt werden, ist im Gegensatz zur TUM eine Veranstaltung in englischer Sprache etwas Besonderes – und von größeren sprachlichen Barrieren geprägt. Beeindruckt hat mich das Interesse an meiner Forschungsarbeit in Bezug auf die mögliche Verbindung zu Informatik und Artificial Intelligence. Die Tage in Litauen machten mir deutlich, wie sehr dieses Land und die Stadt in der geografischen Mitte Europas liegen.

Besuche auf internationalen Seminaren haben mir gezeigt, dass auch in ganz anderen Teilen der Welt Menschen zu ähnlichen Themen forschen und dass man international eine besondere Kollegialität unter Wissenschaftlern finden kann. Der persönliche Kontakt hilft Barrieren abzubauen, Chancen zum persönlichen Dialog zu erkennen, aus seinem Kämmerchen herauszukommen und mehr von der Welt zu sehen und Hintergründe persönlich zu verarbeiten. All das aus eigener Hand und nicht gefiltert durch Dritte. Reisen macht zwar nicht die Welt auf einen Schlag leichter verständlich, aber es weitet den eigenen Horizont und erlaubt einem Dinge zu sehen, die einem sonst verborgen geblieben wären.


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