Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
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fatum 1 | , S. 32
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In Medias Res

Imaging spaces of migration and tourism in the Mediterranean

Das Projekt wurde als Sound-Installation und Zeichnungs-Performance im Rahmen der Prüfung zur Erlangung des akademischen Grades „Master in Architecture“, Akademie der bildenden Künste Wien (2013) präsentiert.

Mit der Auflösung der Grenzen durch die Schengen-Abkommen gibt es innerhalb der EU größere Bewegungsfreiheit. Gleichzeitig hat die neue Außengrenze der EU zur Mittelmeerregion einen Raum der Trennung und Ausgrenzung erzeugt. Das Mittelmeer, ein Raum zwischen zwei Kontinenten, prägt eine Übergangszone in der Menschen versuchen von ihrer Realität zu entkommen – angezogen von einer Utopie, einer idealisierten Vorstellung eines besseren Lebens an einem anderen Ort.

Für mein Projekt habe ich zwei zunächst entgegengesetzt wirkende Menschen interviewt: Ahmed, der aus Marokko durch die Türkei in die EU gereist ist und jetzt in Athen lebt, und Giorgos, der in Athen lebt und seinen Urlaub in Marokko verbracht hat. Ich habe beide zu ihren Reiseerfahrungen befragt und bin auf ihren Spuren die jeweiligen Routen nachgereist. So habe ich in Guelmim in Marokko etwa die Familie von Ahmed besucht und in Istanbul habe ich das Hotel Oesbekler aufgesucht, wo viele illegale Migranten in Kontakt mit Schmugglern treten. Die Städte wo Giorgos auf Urlaub war habe ich unter anderem mit Hilfe seiner auf der Reise aufgenommenen Dias entdeckt.

Die Gegenüberstellung der zwei parallelen Reisen entwirft eine Narration von Phänomenen wie Migration und Tourismus, die verschiedene Maßstäbe von Räumen definieren. Man stößt auf Transiträume des Reisens wie z. B. Wartehallen in Flughäfen. Man erreicht temporäre Residenzen wie Hotelzimmer, Grenzübergänge, transnationale Räume und Transportmittel. Auch kognitive Räume des Reisens wie die imaginäre Erwartung oder die Erinnerung kommen im Vergleich beider Reisen zum Vorschein.

Nach räumlichen Gesichtspunkten habe ich die Interviews von Ahmed und Giorgos betrachtet, um einen Begriff der Reise zu entwerfen. Die Abfolgen der Orte, welche speziell die Routen definieren, und die verborgenen Räume, die erst nach und nach sichtbar werden, deuten sowohl auf eine räumliche als auch auf eine soziale Dimension hin. Interessanterweise haben beide Reisenden oft ähnliche und sogar identische Orte erlebt. Was sich unterscheidet, ist ihre Raumwahrnehmung. Diese Wahrnehmung ist generell stark abhängig vom Subjekt und seiner komplexen Existenz, wie sie in einer Gesellschaft geprägt wird.

Wenn man von wahren Geschichten ausgeht, reduziert man den Menschen nicht auf Statistiken, trockene Fakten oder Berichte. Mit dieser Methode wollte ich die Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen. Gleichzeitig erzwingt der performative Charakter der in situ Recherche eine direkte Auseinandersetzung und Involvierung mit dem Thema und seinen sozialen Facetten – ohne die Distanz einer Büroarbeit.

Eine Audio-Installation von Kollagen aus den Interviews, organisiert in räumlichen Kapiteln, war der Kern meiner Arbeit. Im Zeitalter der raschen Bild-Produktion und Wiedergabe tappen visuelle Darstellungsarten allzu oft in die Falle der Dramatisierung. Konsum und Überfluss von visuellen Informationen erlauben dem Betrachter selten, in einem Reflexions- und Selbstreflexionsprozess teilzunehmen. Das kognitive Mapping mit akustischen Mitteln zielt auf die Befreiung von visuellen Informationen: Es ermöglicht den Zuhörer, sich von kollektiven Vorurteilen und Klischees zu befreien und befähigt ihn, Räume in der eigenen Phantasie zu rekonstruieren. Losgelöst vom Eurozentrismus und dem westlichen Imaginären eröffnen sich damit neue Perspektiven auf das Verhältnis von Ort und Identität.


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