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fatum 1 | , S. 14
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Bilder von Mensch und Maschine

Neil Harbisson ist seit 2004 der erste offiziell anerkannte Cyborg. Der britische Künstler konnte, bedingt durch eine Farbenblindheit, von Geburt an lediglich Kontraste wahrnehmen. Diese Einschränkung hat er überwunden durch ein Implantat, das Farben in Töne, auch außerhalb des sichtbaren Spektrums, übersetzt und so für ihn wahrnehmbar macht. Nach über 10 Jahren nimmt er das Implantat nach eigener Aussage als Teil seines Körpers wahr.

Was ist noch Maschine und was bereits Mensch? Ist der Träger eines Cochlea-Implantats oder eines Herzschrittmachers ebenfalls ein Cyborg? Wie viel Menschlichkeit steckt in autonomen humanoiden Robotern?

Fragen wie diese zeigen, dass die Unterscheidung von Mensch und Maschine weitreichende Konsequenzen hat. Menschen- und Maschinenbild stehen dabei in engem Wechselspiel miteinander. Im Folgenden soll deshalb zunächst die historische Entwicklung des Maschinenbegriffs und dessen Einfluss auf das Menschenbild näher beleuchtet werden.

Abschließend werden Veränderungen dieses Verhältnisses durch neue technische Entwicklungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts skizziert.

Zedlers Universallexikon von 1907 definiert die Maschine als ein künstliches Werck, welches man zu seinem Vortheil gebrauchen kann. In Ritters Historischem Wörterbuch der Philosophie von 1980 sind darüber hinaus drei Merkmale entscheidend: die Kunst der Erfindung und eines Erfinders, das Funktionieren des erfundenen Gebildes und ein zu erreichender Effekt.

Mensch und Uhrwerk

In der Antike wurde der Begriff der Maschine zunächst vor allem für Theater- und Kriegswerkzeug verwendet, die Bewegung und mögliche Täuschungseffekte standen dabei im Fokus. Erst mit der Erfindung der Uhr im Mittelalter wurde diese zur Metapher für die Maschine. Da die Sterne die Grundlage für die Zeitrechnung bildeten, sind Uhr und Kosmos seit der Entwicklung mechanischer Uhren begrifflich eng verbunden. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts führte dies zur metaphorischen Gleichsetzung von Uhr und Welt und Übertragung der Metapher auf die Astronomie. Die Beschreibung der Himmelskörper ließ sich durch Analogien zur Mechanik erreichen, auf belebte Materie ließ sie sich aber nicht übertragen. Die Seele wurde in der mittelalterlich-aristotelischen Philosophie als organisierende Kraft des Lebens aufgefasst, die eine Selbstbewegung belebter Materie ermöglichte, ohne von außen angestoßen zu werden.

René Descartes (1596–1650) ermöglichte die Übertragung der Metapher auf Mensch und Tier, indem er zwischen der res extensa, der ausgedehnten Materie, und der res cogitans, dem Mentalen, unterschied. Die Materie ließ sich damit als von der Seele unabhängige Einheit mit geometrischen und mechanischen Mitteln beschreiben. So konnten die mechanischen Erklärungen der Astronomie zu einer mechanischen Auffassung jeglicher Materie ausgeweitet werden, die die Grundlage der mathematischen Naturwissenschaften bildete. Die Verbindung mit Descartes’ analytischer Methode, die ein System zunächst in seine Einzelteile zerlegt und dann die Funktion durch die Gesetze der Geometrie und Mechanik erklärt, ermöglichte die Anatomie des menschlichen Körpers mit mathematischen Mitteln zu beschreiben.

Die Trennung in res extensa, den Leib, und res cogitans, die Seele, führte allerdings zu der Frage, wie Körper und Geist in Verbindung stehen und wie der Geist die Kontrolle über den Körper ausübt. Descartes konnte das Leib-Seele-Problem nicht restlos lösen, er verortete die unsterbliche Seele des Menschen in seinem Gehirn und weichte die strikte Trennung von Leib und Seele durch Zwischeninstanzen auf, über die diese in Verbindung standen.

Der französische Arzt und Philosoph Julien Jean Offray de la Mettrie (1709–1751) radikalisierte das Menschenbild in seinem Werk L’Homme Machine von 1748, indem er den menschlichen Organismus gänzlich als mechanische Maschine beschrieb. Damit forderte La Mettrie zunächst eine wissenschaftliche Medizin, die sich auf Methode und Theorie anstatt auf Spekulationen stützen sollte. Der konsequente Verzicht auf eine Seele hatte allerdings weitere Konsequenzen. Mentale und emotionale Regungen sah La Mettrie als Folge der Physiologie des Menschen, d. h. der Zustände der Maschine. Nicht nur die Tätigkeiten und das Denken, auch moralische Entscheidungen, Schuldgefühle und das Gewissen wurden damit vom Materiellen bestimmt. Dies stand in direktem Widerspruch zur Aufklärungsphilosophie, für die Vernunft, Moral und der freie Wille eine entscheidende Rolle spielten.

Mensch und Industriemaschine

Im Zuge der industriellen Revolution veränderte sich die Bedeutung des Maschinenbegriffs eingangs des 19. Jahrhunderts. Nun trat der Werkzeugcharakter in den Vordergrund, die Uhr wurde als Modell von der Industriemaschine in Form von Spinnerei-, Web- und Dampfmaschinen abgelöst. Der Fokus verlagerte sich auf die Ersetzung von Handarbeit, Umgestaltung der Produktion und damit einhergehende Abhängigkeit von der Maschine. Karl Marx (1818–1883) entwickelte den Gedanken der Ersetzbarkeit des Menschen bzw. menschlicher Arbeit durch die Maschine. Im Bezug auf das Menschenbild sah u. a. Ernst Kapp (1808–1896) in Technik und Maschinen einen Organersatz bzw. eine Organerweiterung: Maschinen potenzieren und erweitern demnach lediglich die beim Menschen grundsätzlich ebenfalls vorhandenen Fähigkeiten.

Der Einfluss des veränderten Maschinenbegriffs lässt sich auch in der Kunst und Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder finden. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhältnis von Mensch und Maschine, wie in Franz Kafkas Strafkolonie (1913), in dem die Maschine als Tötungsinstrument auftritt und in einer makabren Selbstzerstörung von Mensch und Maschine gipfelt oder in Charlie Chaplins Modern Times (1936), das die Unterordnung des Menschen unter die Anforderungen des industriell-maschinellen Produktionsprozesses zeigt. Die Rückwirkung auf die Anthropologie lässt sich beispielsweise bei Fritz Kahn und seiner Illustration Der Mensch als Industriepalast (1927) finden, die Gehirn und Organe des Körpers durch den Organisationsprozess einer modernen Industrieanlage abbildet.

Mensch, Kybernetik und künstliche Intelligenz

In der Mitte des 20. Jahrhunderts erfuhr der Maschinenbegriff durch das Aufkommen der Kybernetik und deren Anwendung in Maschinen eine Erweiterung. Die Kybernetik (Kunst des Steuerns) erweiterte die Möglichkeiten der Interaktion von Maschinen mit ihrer Umwelt durch den rückgekoppelten Regelungskreis. Als Modell diente zwar nach wie vor die Industriemaschine mit ihrem Verarbeitungscharakter, im Gegensatz zu den determinierten und statisch auf eine Anwendung begrenzten Maschinen der industriellen Revolution waren kybernetische Maschinen aber in der Lage, adaptiv auf ihre Umwelt zu reagieren. Da Input, inputverarbeitendes System und Output über Rückkopplungen verfügten, boten sie erstmals die Möglichkeit, sich ihren Umweltbedingungen und -anforderungen anzupassen und ihre Funktionsweise dadurch zu optimieren.

Die aufkommende Computertechnik erweiterte die Regelungsmaschine hin zu einer informationsverarbeitenden Maschine. Sie machte durch Austausch von Information mit der Umwelt und deren Verarbeitung erstmals Tätigkeiten im Bereich der menschlichen Fähigkeiten, wie Verständnis von Schrift und Sprache, Lernfähigkeit und mathematische Arbeit denkbar.

Zeitstrahl mit verschiedenen (mechanischen) Erfindungen des Menschen.
Illustration: Alexander Bucher

In der künstlichen Intelligenz (KI)-Forschung wirken seit den 1950er-Jahren zudem umgekehrt Erkenntnisse aus der Physiologie und Neurologie auf die Gestaltung informationsverarbeitender Maschinen zurück. Die Entwicklung neuronaler Netze nahm ihren Anfang in der aussagenlogischen Beschreibung einzelner Neuronen durch Warren S. McCulloch und Walter Pitts (1943) und der Beschreibung von deren Lernfähigkeit durch Donald O. Hebb (1948). Die Verknüpfung in künstlichen neuronalen Netzen gab Maschinen die Fähigkeit zur Abstraktion, Mustererkennung und Verallgemeinerung und wird unter dem Stichwort Machine Learning bis in die Gegenwart weiterentwickelt. Weitere Übertragungen von Mechanismen der menschlichen Physiologie auf Maschinen können u. a. in der Computer Vision beobachtet werden, deren grundlegende Mechanismen sich an der Informationsverarbeitung in den Augen und der Weiterleitung zum Gehirn orientieren. Des Weiteren basieren Methoden des Reinforcement Learnings in der KI und Robotik auf Arbeiten des behavioristischen Forschungsprogramms in der Psychologie.

Die Vorstellung von modernen Maschinen als informationsverarbeitenden Systemen hatte, analog zu La Mettries L’homme Machine, eine starke Rückwirkung auf das Verständnis und die Erklärung der kognitiven Fähigkeiten des Menschen. So setzte Norbert Wiener, der Begründer der modernen Regelungs- und Nachrichtentechnik, in Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine (1948) Organismus und Maschine hinsichtlich ihrer Funktionsweise gleich. Karl Steinbuch entwickelte in Automat und Mensch (1971) eine kybernetische Anthropologie, mit der zur Erklärung geistiger Funktionen [keine] Voraussetzungen gemacht werden müssen, welche über die Physik hinausgehen. Später erklärte Valentino Braitenberg in Vehicles - Experiments in Synthetic Psychology (1984) einfache Verhaltensmuster anhand rückgekoppelter Regelungskreise.

Mensch und Maschine im 21. Jahrhundert

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts vollzieht sich erneut ein Begriffswandel, der sich in verschiedene Richtungen ausdifferenziert und die Grenzen zwischen Mensch und Maschine zunehmend verwischt. Im Anschluss an die Arbeits- und Industriemaschine im 19. Jahrhundert und die Erweiterung zur informationsverarbeitenden Maschine im 20. Jahrhundert stellen autonome Roboter einen Strang der Maschinenmetapher im 21. Jahrhundert dar. In Übereinstimmung mit den eingangs erwähnten Definitionen handelt es sich um künstliche Gebilde, denen durch einen Erfinder eine Funktion übertragen wird. Roboter handeln allerdings zunehmend eigenständig und interagieren und kooperieren dabei mit Menschen. Die zunehmende Autonomie schafft die Notwendigkeit zu verallgemeinerten Handlungsanweisungen, die eine Bewertung von Handlungsoptionen in unbekannten Situationen ermöglichen. Neben einer physischen Angleichung in Form von humanoiden Roboter kommt es zu einer am Menschen orientierten kognitiv-moralischen Anpassung durch die Entwicklung von Roboterethiken.

Eine weitere Veränderung im Verhältnis von Mensch und Maschine entsteht durch die dezentrale Verteilung und Durchdringung des Alltags mit Kommunikationstechnik. Smartphones und Wearables, wie Datenbrillen und SmartWatches, führen zunehmend zu einer Verflechtung von Mensch und informationsverarbeitender Maschine, deren Akteure nicht eigenständig handlungsfähig, sondern voneinander abhängig sind. Fortschritte in der Implantats- und Sensortechnologie ermöglichen darüber hinaus eine physische Verschmelzung von Mensch und Technik, die mit den ersten selbsternannten Cyborgs bereits Einzug in die Realität hält. Diese eingangs erwähnte Erweiterung und Überwindung der natürlichen körperlichen und kognitiven Fähigkeiten des Menschen stellt neue Anforderungen an den Mensch- und den Maschinenbegriff: Zusammenschlüsse von Mensch und Technik könnten die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine zunehmend auflösen.


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