Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
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fatum 1 | , S. 66
Inhalt

The Rocket Scientist

Kurzgeschichte

Dusk ist Multiunternehmer. Er träumt nicht, sondern er macht möglich, was sich die meisten in ihren Träumen nicht vorstellen können. Sein Businessplan ist einfach. Bald ist die Konstellation der Planeten günstig, dann wird er starten und nie wieder zurückkehren. Seine Mutter Rebekka hat ihn alleine großgezogen. Ein Vater existiert nicht.

»Mr. Dusk, wir müssen abbrechen. Die Probanden werden bleibende Schäden davon tragen.« Dusk beruhigt ihn, dafür kann keiner zur Verantwortung gezogen werden. Die Jungs haben das unterschrieben. Das Experiment läuft gut und bald werden die Lorbeeren purzeln. Natürlich wird auch Mc Kruder erwähnt werden. Die einflussreichsten Journalisten werden ihn interviewen wollen. Mc Kruder macht einen auf Verantwortung und Menschenwürde, aber nicht mehr lange, der Dollar nagt an ihm. Dusk zappt am Monitor durch die Berichte. Roger scheint Probleme mit extremer Langeweile zu haben. Alex hat alle Bücher von Leonore Beadsman mehrmals gelesen, er spricht nicht mehr, aber seine Blutwerte sind in Ordnung, er macht regelmäßig die Übungen und hält die Hygienevorschriften ein. Der Sauerstoffgehalt in seinem Gehirn ist sehr gut. Mc Kruder macht sich Sorgen um Diego, der schläft zu viel. Oft bis zu 18 Stunden am Tag. Wenn er wach ist, tränen ihm die Augen, er spricht unzusammenhängend und wäscht sich nicht mehr. Vielleicht wäre es doch besser gewesen auch eine Frau mit an Bord zu nehmen, bemerkt Mc Kruder nicht zum ersten Mal. Dusk schüttelt den Kopf. Die letzte Simulation ist genau deswegen gescheitert. Da hilft auch keine Kate Bowman. Abgesehen davon, hat Mc Kruder absolut keine Ahnung, wie es sich anfühlt, mit einer Frau auf so engem Raum zusammen zu leben. Wenn man davon nur Diabetes bekommt, hat man noch Glück gehabt. Michael und Romain verhalten sich ruhig hinter der Glaswand und wirken zuversichtlich. Manchmal spielen sie Karten. Es sind keine beunruhigenden Veränderungen zu erkennen.

Schwarz-Weiß-Photo einer regennassen Straße bei Nacht.
Foto: Lisa Krammel

Mc Kruder ist ein wertvoller Mitarbeiter, mit herausragender Fachkompetenz und hohem Pflichtbewusstsein. Er überzeugt mit seiner Ideenfindung und seinem außerordentlichen Engagement. Leider denkt er zu viel. Ihm liegen die Menschen mehr am Herz als sein eigener Erfolg. Dusk sucht nach den Tabletten in seiner Aktentasche. Coffee and Cigarettes. Auch eine Sorte, die ihm seine Exfrau verboten hatte. Er beobachtet, wie sie im heißem Wasser blubbert und immer weniger wird. Durch eine große Glasscheibe kann er Roger beobachten, der an seinen nackten Zehen popelt. Wenn der Start diesmal nicht klappt, geht es erst wieder in 15 Jahren. Mc Kruder ist nicht der einzige Wissenschaftler im Labor. Aber der engagierteste. Er ist immer im Labor. Dusk meidet das Labor. Die meiste Zeit des Tages verbringt er in der Raketen-Halle. Er ist lieber allein, das hat er von seiner Mutter. Rebekka ist am liebsten monatelang durch menschenleere Berge und Täler gewandert und hat die Dörfer gemieden. Als Dusk auf die Welt gekommen ist, hat sie sich ihn vor den Bauch gebunden und ist weiter gewandert. Die Kräfte der Natur haben ihn erzogen. Das Wetter und die Sterne haben ihn gelehrt. Die Begriffe hat er erst später in seinem Physik- und Maschinenbaustudium gelernt. In den Bau der Rakete darf sich keiner einmischen. Wenn neugierige Gutachter und Inspekteure vorbeischauen, überzeugt er mit komplizierten Begriffen und Erklärungen, die keiner versteht. Die Gutachter schämen sich und die Inspektoren würden niemals zugeben, dass sie kein Wort verstanden haben. Nur Mc Kruder hat seinen eigenen Kopf. Ein Weberknecht stolziert über die Entwürfe. Dusk bewundert seine feinen langen Beine, die elegant über das Papier tänzeln. Immer wieder hält er kurz inne und tastet mit seinen Fühlern das Papier ab. Zärtlich schließt Dusk seine Hand um ihn und setzt in sanft auf dem Boden ab. Genau in dem Moment geht die Tür auf und: Mc Kruder! Vorsicht! Stopp, nicht eintreten, da …! Aber zu spät, Mc Kruder, der unerwartet die Halle betreten hat, zerquetscht das feingliedrige Wesen mit knallgrünen Sneakers, die seine hässlichen O-Beine betonen. Man sollte Mc Kruder zur Strafe einen Zehen abhacken, vielleicht würde das nebenbei seine unangenehme Haltung ausgleichen. Sie widerlicher Kerl, Sie. Sie haben brutal einen Weberknecht zermatscht!Mr. Dusk, ich … das tut mir leid, ich habe ihn nicht gesehen… ich…Ich, Ich, Ich … Sie sind nicht der Mittelpunkt des Universums. Sie sollten respektvoll mit Geschöpfen umgehen, die edler sind als Sie!

Dusk hat Respekt vor allen Wesen. Nur Menschen sind ihm suspekt. Mc Kruder verlässt den Raum, Dusk stellt die Tasse ab und dreht sich um, da war doch was. In seiner Peripherie tauchen ständig Flecken auf. Gespenster? Staubkörner auf der Linse. Manchmal täuschen ihn auch die Sinne. Er ist nicht ganz dicht. Aber die Konstellation ist günstig. Bald kann er fliegen. Sein letzter Teststart hat alle Raketenentwickler der Welt erschüttert. Dusks Raketen verglühen nicht beim Wiedereintritt in die Atmosphäre, sondern landen auf ihren sechs Beinen.

Damit hat er die Weltmarktführer-Rakete aus Europa überholt. Die Konkurrenz ist nervös. So gut und günstig wie Dusk ist noch niemand gestartet. Dusk handelt unschlagbar intuitiv. Die Menschen überzeugt er mit Penetranz und die Atmosphäre mit Intuition; die Naturgesetze sind auf seiner Seite. Nur zum Spaß beschäftigt er Hacker, die die Systeme der europäischen, russischen und chinesischen Raumfahrtbehörden durchsuchen. Vergnüglich verfolgt er die kläglichen Versuche der Konkurrenz, seine Raketen mit mathematischen Berechnungen nachzuvollziehen. Behutsam kratzt Dusk die Überreste des Weberknechts vom Beton und bettet sie in eine kleine Schatulle.

Dusk denkt darüber nach, den Weberknecht auf dem Mars zu beerdigen, als Mc Kruder schon wieder in sein Blickfeld poltert. Sie haben doch gestern gar keinen neuen Versuch gemacht, was sind das für Zahlen?Verwunderlich, wie schnell Sie einen Insektenmord verdauen. Aber machen Sie sich keine Sorgen, alles läuft nach Plan. Wir sind gut in der Zeit.Mr. Dusk, Sie haben diese Zahlen erfunden. Das Experiment hat nie stattgefunden. Mr. Dusk, wir können das in Ordnung bringen und heute noch das Experiment wiederholen. Wenn jemand von der Aufsichtsbehörde von ihren Methoden erfährt, ist es vorbei. Wer einen gut funktionierenden Instinkt hat, braucht keine Beweise. Mc Kruder, ich schätze Ihre Arbeit wirklich sehr. Bringen Sie mir bitte die Pläne von Kai Riese und ein Glas heißes Wasser. Dusk ist außer sich und keucht. Überdruss macht sich breit. Warum hat er sich diesen Mc Kruder ins Labor geholt? Mc Kruder, die aufdringliche Weberknecht-Killer-Maschine. Mr. Dusk, ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sie wirken heute extrem erschöpft, kann ich …Machen Sie sich keine Sorgen, alles ist in Ordnung. Wir sind gut in der Zeit. Überlassen Sie mir das Rechnen und bringen Sie mir bitte ein Glas heißes Wasser. Aus seinen Poren treten Schweißtropfen und schimmern auf Dusks Stirn.

Mc Kruder verlässt knallend den Raum. Er ist stinksauer, sein Chef ist doch total daneben. So eine Mission hat keine Zukunft. Mc Kruder läuft direkt zum CFO, der soll den Geldhahn abdrehen. Dusk ist zu weit gegangen. Die Rakete wird die Erde nie verlassen. Mc Kruder denkt an die Menschen und die ganzen Gelder. Seine Ausbildung war nicht leicht, seine Eltern arm. Sein Leben ein Kampf. Er verachtet Verschwendung und Größenwahn. Der CFO ist nicht da, aber seine Sekretärin hat ein offenes Ohr. Keiner kann so gut zuhören wie sie. Und sie hört sich alles an. Morgen wird sie es dem CFO weitersagen. Sofort in der früh. Sie kann die Sorgen von Mc Kruder verstehen. Sehr gut sogar. Sie streicht ihm durchs Haar. Das Problem wird umgehend beseitigt, sagt sie, und: wir liegen gut in der Zeit. Trotzdem soll Mc Kruder erstmal verreisen, der Psychopath hat überall seine Finger im Spiel. Mc Kruder rennt die vielen Stufen hinab, in Rekordzeit zum Auto. Mit dem Experiment hat er abgeschlossen.

Sonnenuntergang über Hügelsilhouetten
Foto: Lisa Krammel

Währenddessen dreht Dusk auf seinem Bürostuhl einige Runden um die Rakete. Die soll einen bedeutungsvolleren Namen bekommen als Apollo oder Ariane. Er tätschelt eines ihrer sechs Beine. Rebekka! Jeder andere Name wäre Verrat. Seine Mutter hat ihn auf die Erde gebracht und jetzt wird sie ihn wieder zurück bringen. Dusk dreht eine weitere Runde. Der Bürostuhl bleibt ständig an kleinen Alu-Schnipseln am Boden hängen. Einer müsste mal fegen. Dusk ist genervt. Das Gespräch mit Mc Kruder hat ihn beunruhigt. Wo bleibt sein heißes Wasser? Er lässt den Bürostuhl stehen, sichtlich empört. Er findet Champagner im Kühlschrank und tauft die Rakete. Rebekka, die Größte! Dusk springt mit der schaumsprühenden grünen Flasche um die Rakete und singt den Namen seiner Mama. Rebekka ist die Größte und bald fliegen wir! Die Flasche ist leer, aber Dusk hört nicht auf, sie zu schütteln. Die Sprühkraft ist gleich null. Es war die einzige Flasche. Die Baupläne sind voller Champagner. Die Flasche zerspringt an der Wand, direkt neben dem Transformator. Dusk ist außer sich. Mc Kruder kommt nicht zurück. Der Denunziant hat Kinder, Frau und Kegel eingepackt und ist unterwegs über die Grenze. Aus Angst vor der Rache des Psychopathen.

Wer seinen Stuhl nicht findet, muss auf dem Boden sitzen. Dusk sitzt seit 16 Stunden auf dem kalten Beton, als der CFO die Halle betritt. Das Projekt wird erfolglos beendet. Dusk soll verschwinden. Die Reise zum Mars wird nicht stattfinden. Nicht mit ihm. Jetzt werden die Chinesen die Ersten sein. Dusk hat das Wettrennen verloren. Mitten auf der Strecke bleibt er liegen. Er wird auf der Erde sterben. Er denkt an den zermatschten Weberknecht.

Mit einem Karton voller, von Champagner getaufter Baupläne und Festplatten, verlässt er das Gebäude. Für immer. Die Probanden werden bald frühzeitig entlassen. Er pfeffert die Kiste auf den Beifahrersitz und steigt in seinen grauen Porsche 911 Turbo. Im Radio singt Beck: You can’t write if you can’t relate. Trade the cash for the beef, for the body, for the hate. And my time is a piece of wax fallin’ on a termite. That’s chokin’ on the splinters. Er fährt auf den Highway und verlässt ihn nicht mehr. Die Neuigkeiten, die ihm sein kluges Telefon zufüttert, sind unerhört, NASA Watch fordert: Dusk muss sich zurücknehmen. Seine Ambitionen gefährden Menschen und Forschung.

Dusk ist Multiunternehmer. Er träumt nicht, sondern er macht möglich, was sich die meisten in ihren Träumen nicht vorstellen können. Sein Businessplan ist einfach. Nicht mehr lange, dann ist die Konstellation der Planeten ideal, dann wird er starten und nie wieder zurückkehren. Der Traum ist aus. Die Realität ist beschissen.


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