Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Intelligenz, Formen und Künste
fatum 4 | , S. 7
Inhalt

Was ist das: Intelligenz, Formen und Künste?

Natürliche und künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz (KI) beherrscht längst unser Leben, ohne dass es vielen bewusst ist. Smartphones, die mit uns sprechen, Armbanduhren, die unsere Gesundheitsdaten aufzeichnen, Arbeitsabläufe, die sich automatisch organisieren, Autos, Flugzeuge und Drohnen, die sich selbst steuern, Verkehrs- und Energiesysteme mit autonomer Logistik oder Roboter, die ferne Planeten erkunden, sind technische Beispiele einer vernetzten Welt intelligenter Systeme. Sie zeigen uns, wie unser Alltag von KI-Funktionen bestimmt ist.

Alan Turing (1912–1954) definierte ein System dann als intelligent, wenn es in seinen Antworten und Reaktionen nicht von einem Menschen zu unterscheiden ist. Diese Entscheidung sollte durch Testfragen und Testaufgaben im sogenannten Turing-Test gefällt werden. Der Nachteil dieser Definition ist, dass der Mensch zum Maßstab gemacht wird.

Aber auch biologische Organismen sind Beispiele von intelligenten Systemen, die wie der Mensch in der Evolution entstanden sind und mehr oder weniger selbstständig Probleme effizient lösen können. Gelegentlich ist die Natur Vorbild für technische Entwicklungen. Häufig finden Informatik und Ingenieurwissenschaften jedoch Lösungen, die anders und sogar besser und effizienter sind als in der Natur. Es gibt also nicht die Intelligenz, sondern Grade effizienter und automatisierter Problemlösungen, die von technischen oder natürlichen Systemen realisiert werden können.

Daher nenne ich (in einer vorläufigen Arbeitsdefinition) ein System dann intelligent, wenn es selbstständig und effizient Probleme lösen kann. Der Grad der Intelligenz hängt vom Grad der Selbstständigkeit, dem Grad der Komplexität des Problems und dem Grad der Effizienz des Problemlösungsverfahrens ab – und diese Kriterien können wir messen. Bewusstsein und Gefühle wie bei Tieren (und Menschen) gehören nicht notwendig zu Intelligenz.

Hinter dieser Definition steht die Welt lernfähiger Algorithmen, die mit exponentiell wachsender Rechenkapazität (nach dem Mooreschen Gesetz) immer leistungsfähiger werden. Sie steuern die Prozesse einer vernetzten Welt im Internet der Dinge. Ohne sie wäre die Datenflut nicht zu bewältigen, die durch Milliarden von Sensoren und vernetzten Geräten erzeugt wird. Auch Forschung und Medizin benutzen zunehmend intelligente Algorithmen, um in einer wachsenden Flut von Messdaten neue Gesetze und Erkenntnisse zu entdecken.

Kürzlich schlugen Superrechner den Menschen in Schach (Deep Blue), in einem Frage- und Antwortwettbewerb (Watson) und in Go (AlphaGo). Superrechner, die das Gehirn simulieren sollen, würden heute die Energie des Walchenseekraftwerks verbrauchen, während menschliche Gehirne nur die Energie einer Glühlampe benötigen. In der Evolution wurde Leistungssteigerung der „natürlichen Intelligenz“ durch Steigerung der Vernetzungsdichte von immer mehr Neuronen mit „langsamen“ Synapsen auf empfindlicher „Wetware“ (zelluläres Gewebe + Neurochemie) energiesparend erreicht. In der Technik wurde Leistungssteigerung der „künstlichen Intelligenz“ durch Steigerung der Rechengeschwindigkeit und Speicherkapazität auf robuster „Hardware“ (z. B. Silizium + Halbleitertechnik) mit hohem Energieaufwand erreicht. Ziel könnte eine Konvergenz der evolutionären und technischen, analogen und digitalen Strategien in neuromorphen Computern sein, die technische Effizienz mit evolutionären Vorteilen (z. B. Energiesparsamkeit) verbindet.

Seit ihrer Entstehung ist die KI-Forschung mit großen Visionen über die Zukunft der Menschheit verbunden. Löst die künstliche Intelligenz den Menschen ab? Einige sprechen bereits von einer kommenden „Superintelligenz“, die Ängste und Hoffnungen auslöst. Dieser Text ist ein Plädoyer für Technikgestaltung: KI muss sich als Dienstleistung in der Gesellschaft bewähren.

Seit meinem Studium bin ich von den Algorithmen fasziniert, die künstliche Intelligenz erst möglich machen. Man muss ihre Grundlagen kennen, um ihre Leistungen und Grenzen abschätzen zu können. Erstaunlicherweise, das halte ich für eine wesentliche philosophische Einsicht, ändern noch so schnelle Supercomputer nichts an den logisch-mathematischen Grundlagen, die von menschlicher Intelligenz bewiesen wurden. Erst auf der Grundlage dieses Wissens lassen sich auch gesellschaftliche Auswirkungen bewerten. Diese Chance menschlicher Intelligenz sollten wir nutzen!


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