Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Träume und Wahrheiten
fatum 3 | , S. 9
Inhalt

Was ist das: Träume und Wahrheiten?

Zur Wahrheit

Wahrheit ist ein, wenn nicht das Hauptthema der Philosophie. Philosophie wird nämlich schon seit der Griechischen Antike als Erforschung der Wahrheit definiert. In Platons Dialog Gorgias (526e) erwähnt Sokrates, dass die Erforschung der Wahrheit sogar eine lebensverändernde Praxis ist, die die Grundlage des gerechten und guten Lebens bildet, die jedoch gewisse (teilweise schlimme) Konsequenzen mit sich führt. Sie impliziert, dass man Ehre, Erfolg usw. „fahren lässt“ und dass man keine Angst hat, sich gegen die Mächtigen zu stellen. Ähnlich wie Sokrates behauptet Hegel im § 19 der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, dass die Philosophen angefangen haben, über alles – Gott, Natur, Staat usw. – nachzudenken, um dadurch zu erkennen, was die Wahrheit sei. [I]ndem man sofort dachte, ergab sich, dass die höchsten Verhältnisse im Leben dadurch kompromittiert wurden, dass Staatsverfassungen dem Gedanken zum Opfer fielen, die Religion vom Gedanken angegriffen wurde, feste religiöse Vorstellungen untergraben wurden. Daher wurden Philosophen verbannt und getötet wegen Umsturzes der Religion und des Staates.

Somit sind die Macht und Wichtigkeit der Wahrheit evident. Die Frage stellt sich jedoch weiterhin: Was ist Wahrheit?

Die beste Methode, um diese Frage zu beantworten, ist es, zunächst zu fragen: „Was verstehen wir darunter, wenn wir sagen, dass etwas wahr ist?“ Es ist nämlich klar, dass das Wort wahr in unserer Sprache existiert und sich in der Sprache wie andere Prädikate verhält. Prädikate wie schön, glücklich und blau sind sprachliche Strukturen, die wir benutzen, um die Eigenschaften von etwas zu bezeichnen. Die Wahrheit ist die Seinsweise der Dinge, die wir wahr nennen, genauso wie Schönheit die Seinsweise dessen ist, was wir schön nennen. Gibt es aber die Eigenschaft wahr? Ist es möglich, sie zu definieren?

Ein Prädikat wird dadurch definiert, dass man seine Bedeutung angibt. Um z. B. die Bedeutung des Prädikats glücklich anzugeben, sagt man zunächst, dass es von Personen ausgesagt werden kann. Ich kann behaupten „Maria ist glücklich“, aber nicht „der Tisch ist glücklich“. Glücklich kann eine Eigenschaft von Personen sein, aber nicht von Gegenständen. Im nächsten Schritt spezifiziert man, wann eine Person als glücklich definiert werden kann. Man sagt z. B. „eine Person ist glücklich genau dann, wenn sie vom Zufall begünstigt wird“.

Eine Wahrheitstheorie sollte ähnlich verfahren und folgende Fragen beantworten:

  1. Welchen Dingen schreiben wir das Prädikat wahr zu?
  2. Welche Eigenschaften müssen diese Dinge besitzen, um wahr genannt zu werden?

Dadurch, dass die Wahrheitstheorie die Frage 1) beantwortet, gibt sie an, welche die Wahrheitsträger sind (die truthbearers). Wahr kann man Behauptungen, Aussagen, Überzeugungen usw. nennen, aber nicht Gegenstände oder Personen. Die Frage 2) wird beantwortet, wenn man spezifiziert, wann man wahr benutzen kann, d. h. dadurch, dass man die entsprechenden Eigenschaften angibt, die Aussagen haben müssen, um wahr genannt zu werden.

In der Geschichte der Philosophie und in der zeitgenössischen Debatte über Wahrheitstheorien sind verschiedene Vorschläge gemacht worden, um die Eigenschaften explizit zu machen, die eine Aussage haben muss, um wahr genannt zu werden. Nach der Theorie der Wahrheit als Korrespondenz etwa ist eine Aussage genau dann wahr, wenn sie mit den Fakten übereinstimmt. Wahr heißt dann soviel wie „mit den Fakten übereinstimmend“. In der Kohärenztheorie heißt wahr „mit anderen Aussagen kohärent“. In der pragmatistischen Wahrheitstheorie ist eine Aussage genau dann wahr, wenn sie nützlich ist, d. h. für unsere Erkenntnis gewinnbringend.

Es gibt auch eine Richtung in der Debatte über Wahrheit, die man Deflationismus nennt. Das Wort Deflationismus stammt vom Englischen Verb to deflate ab, was übersetzt „die Luft ablassen“ bedeutet. Der Deflationismus verneint, dass man das Prädikat wahr definieren kann, und dass es irgendeine substantielle Eigenschaft ausdrückt; „p ist wahr“ heißt für den Deflationismus einfach p. Wenn ich beispielsweise sage, dass es wahr ist, dass die Katze auf dem Sofa ist, dann sage ich einfach nur, dass die Katze auf dem Sofa ist. Das Prädikat wahr fügt somit dem Inhalt der Aussage nichts Wesentliches hinzu. Man könnte sagen, dass der Deflationismus eine Position ist, derzufolge die Luft aus der ganzen Wahrheitsproblematik abgelassen wird.


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