Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Träume und Wahrheiten
fatum 3 | , S. 71
Inhalt

Der Foundation-Zyklus

Sechstausendneunhundertfünfundsechzig Seiten einer Geschichte der Menschheit — Lektüre

Die Hauptrolle spielt ein humanoider Roboter. Mit diesem Satz habe ich schon etwas verraten, das ich selbst viele Seiten lang nicht wusste. Falls Sie Isaac Asimovs Science-Fiction-Geschichte(n) über 20.000 Jahre der Zukunft der Menschheit noch nicht gelesen haben und zudem keine weiteren inhaltlichen Vorgriffe mitbekommen wollen, so lesen Sie nach dem nächsten Satz einfach nicht weiter. Es lohnt sich.


Die Geschichte des Foundation-Zyklus wird in mehreren, aufeinander aufbauenden, individuellen Geschichten erzählt, die, in verschiedenen Bänden zusammengefasst, von der Zukunft der gesamten Menschheit, ihrer Ausbreitung und (Un-)Berechenbarkeit, ihrer Konflikte und vielem mehr berichten. Einige dieser Bände erscheinen zurzeit in Neuauflagen, andere wiederum noch(?) nicht. Für meine eigene Lektüre, welche die Rechengrundlage der oben aufgeführten Seitenzahl ist, konnte ich auf folgende Exemplare zurückgreifen (alle erschienen im Heyne Verlag):

  1. Meine Freunde, die Roboter (2004)
  2. Die Stahlhöhlen (2011)
  3. Der Aufbruch zu den Sternen (2005)
  4. Das galaktische Imperium (2005)
  5. Die frühe Foundation-Trilogie (2012)
  6. Die Rettung des Imperiums (2014)
  7. Das Foundation-Projekt (2014)
  8. Die Foundation-Trilogie (2010)
  9. Die Suche nach der Erde (2015)
  10. Die Rückkehr zur Erde (2015)

Die hier aufgeführte Reihenfolge entspricht allerdings nicht der chronologischen Abfolge der jeweiligen Erstveröffentlichung, sondern beruht auf dem inhaltlichen Verlauf der erzählten Geschichte.


Zu Beginn der Erzählung ist die Menschheit zweigeteilt. Die Erdenbewohner, deren Anzahl ein Vielfaches der heutigen ist, drängen sich in riesigen, tief in die Erde gegrabenen und überdachten Megastädten, den Stahlhöhlen, und leben in einer strengen, auf das Wohl der Gemeinschaft ausgerichteten Gesellschaftsstruktur. Der Einzelne zählt wenig, die Gemeinschaft schon mehr. Gemeinschaftsbäder, Speisesäle, Laufbänder als Transportmittel und Reproduktionspolitik gehören genauso selbstverständlich zum Alltag wie die ständige Anwesenheit anderer Menschen, die Abwesenheit des Himmels und der gemeinschaftlich empfundene Stolz, ein Bewohner des Ursprungsplaneten allen Lebens in der Galaxis zu sein. Die Spacer, Nachkommen der ersten Siedlungswelle, weitaus weniger in der Anzahl als die Erdenbewohner, organisieren sich hingegen in strikt getrennten Haushalten auf großzügigen, separaten Grundstücken der insgesamt 50 (Spacer-) Planeten. Eine Fokussierung auf das individuelle Wohl ist für die Spacerpolitik dabei genauso substanziell wie das Ausleben uneingeschränkter persönlicher Freiheiten.

Während die Robotik daher in den Spacergesellschaften immer weiter als ein Mittel zur Gewährleistung gesellschaftlicher Ideale vorangetrieben wird, dienen auf der Erde ausschließlich simple Roboter als Feldarbeits- und Industriemaschinen. Im Privaten spielen sie überhaupt keine Rolle.

Verschiedene mit Robotern zusammenhängende Mordfälle bilden nun den Auslöser weitgreifender gesellschaftlicher Prozesse, die in der Bildung radikaler Vereinigungen auf beiden Seiten, der beginnenden, unaufhaltsamen radioaktiven Verseuchung der Erde und der dadurch erzwungenen zweiten Siedlungswelle durch Erdenbewohner gipfeln.

Schließlich werden aufgrund dieser zweiten Aufbruchswelle unzählige über die gesamte Milchstraße verteilte Planeten besiedelt. Während sich die (Erden-)Menschheit ausbreitet, gehen die Spacerwelten und -gebräuche dabei beinahe verloren. Mit dieser voranschreitenden Ausbreitung der Menschheit entstehen auch neue unabhängige Machtzentren. Überall wird mit sämtlichen Mitteln selbst um den kleinsten politischen, ökonomischen oder technischen Vorteil erbarmungslos gekämpft. Erst nach Jahrtausenden entsteht ein regulierendes, friedenstiftendes Machtmonopol: Trantor, die Hauptstadtwelt des nun allumfassenden galaktischen Imperiums.

Bild der Milchstraße von außerhalb der Galaxie.
Die Milchstraße – Herrschaftsgebiet des galaktischen Imperiums Quelle: The Milky Way panorama ©ESO/S. Brunier, verfügbar unter https://www.eso.org/public/images/eso0932a

Aber: Nichts hält ewig. Zwölftausend Jahre nach der Gründung des Imperiums ist dieses nach vielem Auf und Ab unumkehrbar dem Untergang geweiht. Jedoch gelingt es einem Mathematiker, mithilfe seiner statistischen Wissenschaft, der Psychohistorik*, welche sozioökonomische Entwicklungen großer Populationen nach ihrer Wahrscheinlichkeit bewerten kann, einen Plan zu entwickeln, um das kommende Zeitalter des interplanetaren Tohuwabohus von 30.000 Jahren auf 1.000 Jahre zu verkürzen. Der Plan geht auf… fast.

Durch diesen Plan wird nämlich das galaktische Geschehen erstmals vom Handeln einzelner, kleiner Gruppierungen abhängig, den zwei Foundations; und kleine Cliquen von Entscheidungsträgern weichen entweder gerne von Plänen ab, fixieren sich auf anpassungsunfähige, versteinert konservative Auslegungen oder interpretieren sie komplett neu. Zu guter Letzt taucht kurz vor anscheinender Vollendung des Plans ein neuer Akteur auf: Das Kollektivbewusstsein Gaia. Der ursprüngliche Plan, beziehungsweise die ursprüngliche Interpretation desselben, wird schließlich verworfen, um die gesamte Galaxis und all ihre Bewohner in ein einzelnes, allumfassendes Kollektivbewusstsein Galaxia zu transformieren.

Während dieser insgesamt 20.000 jährigen Zeitspanne wurde der Lauf der Dinge glücklicherweise nicht sich selbst überlassen. Ein humanoider Roboter, gebunden an die Gesetze der Robotik, versuchte aus dem Verborgenen das Geschehen zu Gunsten der gesamten Menschenheit zu steuern.


Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Geschichtsunterricht und Ihnen wird von der Gründung Roms erzählt, von den Gottessöhnen Romulus und Remus, von der Wölfin, der Ermordung Remus durch Romulus und von vielem mehr. Währenddessen sitzen Sie auf ihrem Platz und erinnern sich. Sie erinnern sich daran, wie es damals wirklich war. An die von der Geschichte verklärten Personen, an deren Schwächen, Stärken, Zweifel und Probleme.

Das Lesen des Foundation-Zyklus erzeugt – neben vielen anderen – diese Erfahrung. Ein Beispiel: Zu Beginn ist man Zeuge, wie die natürliche Radioaktivität der Erdkruste durch einen Sabotageakt der Spacer in einen Zustand stetigen Wachstums versetzt wird. Jahrhunderte mit eigenen Geschichten vergehen und irgendwann ist man als Leser dabei, als die letzten Generationen auf Erde verweilen und die gesteigerte Radioaktivität mit Mythen und Aberglauben erklären. Spacer und die wahre Ursache sind in dieser Zeit längst vergessen. Jahrtausende später ist man wieder dabei, als die bereits tote Erde, selbst schon lange zum bloßen Mythos verkommen, neu entdeckt wird.


Nicht nur in der Erzählung ist es unmöglich, alle Handlungen und Situationen des Universums mithilfe der anfänglichen Robotergesetze (1–3) eindeutig zu bewerten. Bereits einfache Gedankenspiele, in denen mindestens ein Mensch sterben muss und ein Roboter entscheidet, wer bzw. wie viele den Tod finden werden, lassen sich mit ihnen nicht widerspruchsfrei beantworten. Der Roboter wäre in jedem Fall handlungsunfähig. Dank der Kompromisslosigkeit solcher Situationen führt aber auch die Handlungsunfähigkeit des Roboters gezwungenermaßen zu einer Auflösung der Situation, welche im Widerspruch zu den ursprünglichen Robotergesetzen (1–3) steht. Die nachträgliche Etablierung des nullten Gesetzes stellt einen Ausweg für diese Dilemmata dar. Das Problem der Unmöglichkeit ist zu einer internen Bewertungsangelegenheit des Roboters mutiert. Anstatt etwas Unmögliches zu vollbringen, muss er lediglich abwägen, welche ihm zur Verfügung stehende Handlungsalternative den minimalen Schaden an der Menschheit bedeutet.

Um allerdings einen Schaden an der Menschheit zu minimieren, muss klar sein, was die Menschheit und was Schaden an ihr eigentlich ist. Je schärfer relevante Begriffe und Konzepte dieser Problemstellung umrissen sind, desto deutlicher können auch Lösungen erkannt werden. Die Idee des Kollektivbewusstseins Galaxia erfüllt genau dies. Wenn alles menschliche Leben (ein Teil von) Galaxia ist, dann ist auch klar, was die Menschheit ist: Galaxia.


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