Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Träume und Wahrheiten
fatum 3 | , S. 67
Inhalt

Nur ein kurzer Traum

Kurzgeschichte

Der Gang ist lang und schlecht beleuchtet. Meine Schritte klingen merkwürdig dumpf auf dem Linoleum. Nur ein kurzer Traum, hatte der Arzt gesagt, dann ist es auch schon vorbei. Reine Routine, völlig ungefährlich. Trotzdem bin ich nervös. Die Schwester geht vor mir her, aber sie ist viel zu schnell. Ich versuche mit ihr Schritt zu halten, doch ich bewege mich ungelenk und langsam, als liefe ich mit Skistiefeln durch Sand. Sie blickt sich um. Ihre Lippen sind breit und rot wie die eines Clowns. Habe ich sie vorher schon einmal gesehen? Ich kann mich nicht erinnern, weiß nicht, wo sie hergekommen ist. Hat der Arzt sie geschickt? Auf jeden Fall muss ich ihr folgen, ich kenne den Weg ja nicht. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Ob das wegen der Medikamente ist? Ich glaube, ich habe etwas zur Beruhigung bekommen, bin mir aber nicht sicher. Mein Kopf fühlt sich an wie ein gasgefüllter Ballon. Vielleicht ist das merkwürdig, aber vielleicht muss das auch so sein.

Die Neonröhren über mir surren und flackern. Das sollte mal jemand in Ordnung bringen, denke ich. Was macht denn das für einen Eindruck auf die Leute? Welche Leute?, fragt die Schwester, ohne sich umzusehen. Ich zucke zusammen. Habe ich das etwa laut gesagt? Aber sie hat natürlich recht, hier sind keine Leute, nur sie und ich. Es gibt auch keine Türen. Welchen Zweck hat dieser Gang, wenn es keine Türen gibt? Keine Türen, keine Fenster, ich komme mir vor wie in einem Tunnel. Wir laufen immer weiter. Die Schwester bewegt sich mühelos, sie scheint beinahe zu schweben. Ich komme kaum voran. Meine Beine sind so schwer, das liegt wohl daran, dass meine Füße so unglaublich groß sind. Oben schwebt mein Ballonkopf, während meine Riesenfüße mich in den Boden ziehen wollen. Der Arzt wird das in Ordnung bringen, wenn ich nur rechtzeitig den Operationssaal erreiche. Das hat er doch gesagt, oder nicht?

Die Schwester hat angehalten und redet auf mich ein, aber ich kann sie nicht verstehen. Es klingt, als würde sie in ein leeres Wasserglas sprechen. Dann holt sie eine Sanduhr aus ihrer Tasche und zeigt mit dem Finger darauf. Wir sind spät dran. Ich nicke und deute auf meine Füße. Entnervt verdreht sie die Augen, zieht dann aber ein Skalpell aus dem Ärmel und trennt meine Füße ab. Nun bin ich ein Ballon und steige nach oben. Ich mache Schwimmbewegungen mit den Armen und kämpfe mich mühsam vorwärts. Die Luft ist dickflüssig und zäh. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jetzt wirklich schneller bin.

Gleich macht der Gang eine Biegung nach links. Die Schwester ist schon voraus geeilt, sodass ich sie nicht mehr sehen kann, aber ich höre ihre Wasserglas-Stimme, die mich antreibt. Endlich biege ich auch ab und da sehe ich sie wieder. Ein schwebender, leuchtend weißer Punkt. Ich frage mich, ob sie auch keine Füße mehr hat.

Psychedelisch verfremdete Collage aus einer Straße und einem Krankenhausgang.
Abbildung: Alex Bucher, Sylvester Tremmel, Paul Zasche; Details zur Bearbeitung im Google Research Blog.

Wieder biegen wir links ab. Erst sie, dann ich. Wie ein Glühwürmchen fliegt sie vor mir her. Es ist gut, dass sie leuchtet, denn die Luft ist jetzt so dick, dass ich kaum noch etwas sehen kann. Milchig und zäh wie Froschlaich. Ich fürchte, die Orientierung zu verlieren, jedesmal, wenn sie wieder abbiegt und aus meinem Blickfeld verschwindet.

Die Abstände zwischen den Abbiegungen werden immer kürzer, und immer biegen wir nach links ab. Es scheint, als bewegten wir uns durch ein Schneckenhaus. Ich hoffe, die Schnecke bemerkt nicht, dass wir hier drin sind.

Die Schwester ruft wieder nach mir, doch ich schaffe es nicht, zu antworten. Ich komme auch immer noch kaum voran. Bin ich etwa selbst die Schnecke? Bewege ich mich deswegen so langsam? Die Glühwürmchen-Schwester ist stehen geblieben und schwirrt ungeduldig vor mir hin und her. Ich möchte ihr sagen, dass ihr ein Fehler unterlaufen ist. Ich wollte keine Schnecke werden! Sie muss die Patientenakten verwechselt haben, von solchen Dingen hört man doch immer wieder! Darf eine Krankenschwester überhaupt ein Skalpell haben? Als ich den Mund öffne, steigt nur eine schillernde Blase heraus. Ich versuche es erneut, aber es kommen bloß weitere Blasen, keine Töne. Panik steigt in mir auf. Ich spucke mehr und mehr Blasen aus. Mit jeder Luftblase, die meinen Mund verlässt, werde ich schwerer. Schließlich spüre ich, dass ich langsam in die Tiefe sinke. Über mir zerplatzen lautlos die Blasen. Ich suche nach der Schwester, aber sie scheint verschwunden zu sein. Je weiter ich sinke, desto flüssiger wird die Luft. Ich falle schneller und schneller. Um mich herum ist es jetzt dunkel und kühl. Erstaunt stelle ich fest, dass mein zusätzliches Gewicht mich nicht belastet. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass ich zunehmend die Kontrolle über meinen Körper zurückgewinne. Ich spüre meine Arme, meine Beine, ja sogar meine Füße sind wieder da. Bald falle ich nicht mehr, sondern sause wie ein Komet durch die Dunkelheit.

Plötzlich sehe ich ein helles Licht. Ich frage mich, ob das die Schwester ist und steuere darauf zu. Das Licht wird größer und leuchtet stärker, aber es blendet mich nicht. Ich höre entfernte Stimmen, undeutlich, aber vertraut. Als ich meine Arme ausstrecke, tauche ich in das Licht ein. Unsichtbare Hände ergreifen mich und legen meinen erschöpften Körper auf weiche Kissen. Eine freundliche Stimme ruft meinen Namen und ich öffne die Augen. Vor mir steht die Schwester, sie sieht ein wenig unscharf aus, aber das ist ja auch nicht verwunderlich. Sie ist nun kein Glühwürmchen mehr. So, sagt sie und lächelt, das wäre geschafft. Die Operation ist gut verlaufen, Herr Baumgartner. Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Traum.


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