Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Träume und Wahrheiten
fatum 3 | , S. 15
Inhalt

Des Gedankens neue Kleider

Warum ein unachtsamer Sprachgebrauch unsere Gehirne buchstäblich zum Träumen anregt

Die Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, dass man nach der äußeren Form des Kleides, nicht auf die Form des bekleideten Gedankens schließen kann; weil die äußere Form des Kleides nach ganz anderen Zwecken gebildet ist, als danach, die Form des Körpers erkennen zu lassen.1

Ludwig Wittgenstein bedient sich im Satz 4.002 des Tractatus logico-philosophicus eines Vergleichs. Eines seiner Anliegen war es, zu zeigen, dass die logische Oberflächenstruktur der Sprache nicht mit der Struktur des durch Sprache Bezeichneten übereinstimmen muss. Als logisch sei sie hier bezeichnet, weil die grammatischen Regeln logisch darstellbar sind und gewisse Schlussfolgerungen nahelegen. Beispielsweise weisen die Sätze Was ist ein Tisch? und Was ist die Zeit? eine Ähnlichkeit im grammatischen Sinne auf. In beiden Fragesätzen gibt es ein Subjekt: Tisch beziehungsweise Zeit. Viele Leute würden allerdings bestreiten, dass Tisch und Zeit ähnliche Begriffe sind. Offenbar erzeugt die grammatische Oberflächenstruktur – vorausgesetzt man folgt dem Wink – gedankliche Verwirrung.

Nähern wir uns dieser Verwirrung an: Wir stellen uns eine Person in einem umhüllenden Kleidungsstück vor. Es ist klar, dass es sich bei Person und Kleidungsstück um zwei verschiedene Elemente handelt, die getrennt voneinander betrachtet werden können, obwohl sie in unserer gegenwärtigen Anschauung einheitlich als bekleidete Person wirken. Wir interessieren uns nun ausschließlich für die Körperformen der Person, wobei unsere Motivation rein medizinischer Art sei. Das Kleidungsstück verhüllt die Körperformen. Vieles, was wir zur Beschreibung von Personen intuitiv nutzen, hat mit äußerlichen Erscheinungen zu tun. Wollen wir etwa einem Freund Information über die Person vermitteln, sagen wir: „Sie trägt ein weites Gewand in blauer (oder irgendeiner anderen) Farbe.“ Unser Freund gewinnt daraus freilich keine gesicherte Kenntnis über Charaktereigenschaften. Sofern unsere Beschreibung aber genügend genau ausfällt, versetzen wir den Freund in die Lage, die gemeinte Person inmitten einer unübersichtlichen Menschenansammlung zu erkennen.

Ähnlich verhält es sich mit der Sprache. Es besteht eine Verbindung zwischen Sprachlauten oder Schriftzeichen und dem durch sie Bezeichneten. Wollen wir Information über das Inhaltliche weitergeben, so bedienen wir uns einer beobachtbaren Äußerlichkeit: den Lauten oder Zeichen. Damit der Transfer hiervon auf das inhaltlich Angesprochene gelingt, existieren Regularien und Konventionen: Wörterbücher, Lexika, Geschichten, alltägliche Gespräche; hierin spiegeln sich alle Regeln gleichermaßen in Anwendung wie Abweichung wider.

Wie kann es nun gelingen, von der Oberflächenbekleidung der Sprache auf charakteristische Formen des Gemeinten zu schließen? Verschiedene Optionen wären denkbar: Es würde nützen, über die Beschaffenheit des Kleidungsstückes Bescheid zu wissen. Dann könnten wir uns denken, dass direkt unter der Stoffschicht ein Leerraum kommt und anschließend erst die Körperformen beginnen. Analog bedient man sich grammatischer Gesetze, die sich die Sprachgemeinschaft gegeben und bewahrt hat. Doch selbst dieses erfahrungsbasierte Wissen über bestimmte Gesetzmäßigkeiten der Oberflächenstruktur, also der stofflichen Beschaffenheit des Gewands, reicht nicht aus. Die Person könnte ja aufgrund ihres Körperbaus trotzdem die Stoffumhüllung zur Gänze ausfüllen. Indem zwei unterschiedlich gebaute Personen dasselbe Umhüllungsgewand tragen, kaschieren sie die Art ihrer Verschiedenheit. Wessen wir uns zweifelsfrei bewusst wären, ist das Faktum der Verschiedenheit von Kleid und Person, von logischer Oberflächenstruktur der Sprache und Struktur des wirklich Gemeinten – allein schon deshalb, weil es sich sowohl beim inhaltlich Gemeinten als auch bei Sprachlauten oder Schriftzeichen der Sprache um empirisch vorkommende Objekte handelt. Es gibt einen bestimmten Zusammenhang, der darin besteht, dass das (sprachliche) Gewand überhaupt getragen wird. Zwischen den Elementen der Sprache und dem durch diese Bezeichneten besteht irgendeine nicht-beliebige Verknüpfung, ohne die es keine Bedeutung gäbe.

In der Psychologie und den Neurowissenschaften ist oft die Rede von Bedeutungszuschreibungen. Man könnte sagen: Durch unsere sprachliche Bezugnahme auf die Umwelt erhalten die verwendeten Begriffe ihre Bedeutung. Das ausgesprochene, aufgeschriebene oder imaginierte Wort wird verknüpft mit einem Gegenstand, welchen das Wort sogleich mit dem Moment der Zuschreibung bezeichnet. Mithilfe von Konventionen, wie Zeichensprachen oder grammatischen Regelwerken, wird ein gemeinsamer Bedeutungsfundus gesichert. Nicht aber konkrete Regeln und Konventionen, sondern die Tatsache, dass überhaupt Regeln für jeden Sprecher existieren, machen das Wesen der Kommunikation aus. Denn wir müssen einen Gesprächspartner nicht verstehen (wir müssen weder die Grammatik noch die Wörter seiner Sprache kennen), um ihm unterstellen zu können, dass er mit seinen Äußerungen irgendetwas meint. Etwas mit seinen Worten zu meinen, heißt hier nichts anderes, als den Worten eine Bedeutung gegeben zu haben. Die Annahme, dass kein Mensch sich dem logischen Regelfolgen entziehen kann, soll im Folgenden gestärkt werden. Das Problem des Regelfolgens stellt einen der beeindruckenden Gedankenkomplexe in Ludwig Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen dar.

In § 201 der Untersuchungen heißt es: Unser Paradox war dies: eine Regel könnte keine Handlungsweise bestimmen, da jede Handlungsweise mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei. Die Antwort war: Ist jede mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen, so auch zum Widerspruch. Und etwas später im selben Paragraphen: Darum besteht eine Neigung, zu sagen: jedes Handeln nach der Regel sei ein Deuten. Deuten aber sollte man nur nennen: einen Ausdruck der Regel durch einen anderen ersetzen.2 Regeln erscheinen als etwas Unumgängliches, wir können uns nicht außerhalb des Regelfolgens positionieren. Darum ist auch eine Positionierung außerhalb des Logischen unmöglich, vorausgesetzt man versteht darunter die Grundstrukturen alles Wirklichen. Im Tractatus logico-philosophicus heißt es dazu in Satz 5.4731: Das Einleuchten, von dem Russell so viel sprach, kann nur dadurch in der Logik entbehrlich werden, dass die Sprache selbst jeden logischen Fehler verhindert. – Dass die Logik a priori ist, besteht darin, dass nicht unlogisch gedacht werden kann.3

Wenn wir immerzu gemäß bestimmter Regeln vorgehen: Welche brauchen wir, um intuitiv und zuverlässig von der Oberflächenstruktur unserer Sprache auf die Struktur des durch sie Bezeichneten zu schließen? In ähnlicher Manier darf nach dem Spracherwerb von Kindern gefragt werden. Ganz ohne das Aufschlagen eines Wörterbuches oder Grammatik-Leitfadens – nur mithilfe von Erfahrung und Erinnerung – scheint ihnen das Aneignen von Regeln zu gelingen. Diese Fähigkeit können wir das Lernen nennen.

Bevor auf die möglichen neuronalen Grundlagen des Lernens eingegangen wird: Es ist wenig plausibel, eine unüberwindbare Kluft zwischen der Sprache und den empirisch existierenden Gegenständen, auf die sie referiert, anzunehmen. Auch die uns zur Verfügung stehenden sprachlichen Mittel weisen empirisches Dasein auf. Bedeutung kann also begriffen werden als Ergebnis der Verknüpfung vom Schriftzeichen (oder dem Laut, der Gestik, der Mimik etc.) mit dem dadurch Bezeichneten. Wittgenstein weist darauf hin, dass in der Struktur der Sprache Zusammenhänge bestehen, welche in der Struktur des Bezeichneten nicht vorkommen können und umgekehrt. Findet trotzdem eine Verknüpfung statt, ergibt das Gesagte schlichtweg keinen Sinn. Ist eine Verknüpfung einmal hergestellt, kann sie auch wieder gelöst werden; Bedeutung und damit Sinnhaftigkeit sind wandelbar.

Träumendes Pferd by Franz Marc (1913)
Träumendes Pferd, Franz Marc (1913)

Fragen wir nach der Bedeutung des Wortes Tisch, haben wir zunächst den Eindruck, problemlos einen Spezialfall wählen zu können. Die Bedeutung des Wortes müsste sich auf all diese Spezialfälle gemeinsam beziehen, auf den Prototyp des Tisches. Unser Tischverständnis, dies wird hieran deutlich, kann sich erweitern und vertiefen, ständig können im Zuge von Lernprozessen neue Spezialfälle hinzukommen. Jeder Mensch verfügt somit über ein unterschiedlich komplexes Tischverständnis. Dass uns dies bei der Kommunikation nicht behindert, liegt wohl vor allem daran, dass wir voneinander lernen, uns in ähnlichen Kulturkreisen bewegen, Tische auf dieselbe Weise täglich nutzen und so weiter. Bei anderen Begrifflichkeiten wird es schwieriger. Insbesondere psychologische Prädikate, wie glauben, denken, hoffen oder lieben, entziehen sich einer einheitlichen Prototypisierung, mehr noch: es entsteht der Eindruck, dass – wenn eine Typisierung möglich wäre – etwas von ihrer Bedeutung abhandenkommen würde.

Die Bedeutung des Wortes Bedeutung erschließt sich ebenfalls nicht dadurch, dass ein Spezialfall verallgemeinert wird. Sobald wir wissen, was es heißt und wie es sich anfühlt, einen Begriff verstanden zu haben, sobald wir also erstmalig irgendetwas gelernt haben und über das Vermögen verfügen, uns dessen bewusst werden zu können, sind wir in der Lage, die Bedeutung von Bedeutung zu verstehen. Nicht weil es uns irgendjemand erklärt hätte oder es überhaupt einer Erklärung bedürfte – sondern deshalb, weil wir im Moment des Lernens einen Schritt zurücktreten und auf uns selbst reflektieren können. Eine Vorstellung von Bedeutung zu besitzen, heißt: zu fühlen (oder auch zu wissen – aber nicht notwendigerweise), dass man in der Lage ist, zu lernen.

Einige Neurowissenschaftler würden sagen: eine Gedächtnisspur wurde im Moment der Verknüpfung in unserem Gehirn erzeugt. Ist eine Verknüpfung abgelegt, können wir auf sie zugreifen. Können wir darauf zugreifen, scheint zuverlässiges und intuitives Schließen von der Oberflächenstruktur unserer Sprache auf die Struktur des durch sie Bezeichneten leicht möglich. Wir können jetzt weiterfragen: Wo genau findet die Aneignung und Ablage der erlernten Verknüpfungen statt?

Was man sieht, ist nicht das, was wirklich da ist; es ist das, wovon ihr Gehirn glaubt, es sei da. […] Ihr Gehirn erstellt die beste Interpretation, die es mittels seiner früheren Erfahrung und der beschränkten und nicht eindeutigen Information durch die Augen erstellen kann.4

Der Neurowissenschaftler Francis Crick begeht in der eben zitierten Passage einen sogenannten mereologischen Fehlschluss. Dem Gehirn oder dem gesamten Nervensystem werden dabei psychologische Attribute zugeschrieben, wodurch der Eindruck erweckt wird, als seien nicht wir das denkende Subjekt, sondern unser Gehirn. Man könnte einwenden, es handle sich hierbei um schwach emergente Formulierungen auf verschiedenen Ebenen, die aufeinander abbildbar sind. Einerseits würde man sich so aber der Grundlage berauben, überhaupt von sprachlichen Fehlformulierungen zu sprechen. Andererseits erscheint die Annahme schlüssig, dass es sich eher um begriffliche Überbleibsel einer kartesisch-dualistischen Weltauffassung handelt. Mit dem Unterschied freilich, dass nicht dem Geist, sondern dem Gehirn psychologische Prädikate attestiert werden. Im Gegensatz zu ersterem ist letzteres jedoch kein logisch angemessenes Subjekt für psychologische Prädikate,5 wie Bennett und Hacker es auf den Punkt bringen.

Einige Menschen kennen das Gefühl, morgens aufzuwachen und sich deutlich an einen Traum zu erinnern. In der neurowissenschaftlichen Forschung hat sich die Meinung etabliert, beim Traum handle es sich – oberflächlich ausgedrückt – um unkoordiniertes Neuronenfeuern, bedingt durch die Aktivität oder Inaktivität bestimmter Gehirnareale. Der Traum diene als Trainingsprogramm, indem die ausgeführten Bewegungsmuster aus dem Wachzustand neuronal erinnert und vertieft werden (mithilfe der erneuten Aktivierung einer Gedächtnisspur). Manche identifizieren das Traumgeschehen gleich vollständig mit dem sogenannten REM-Schlaf, einer Schlafphase, die von schnellen Augenbewegungen begleitet wird (Rapid Eye Movement). Obwohl physiologisch markante Muster beobachtet werden, handelt es sich beim Traum nicht um ein physiologisches Phänomen. Ohne die stattfindenden biochemischen Prozesse wäre ein Traumerleben – und natürlich auch im Allgemeinen: das Lernen – nicht denkbar. Dies kann ein Mensch nur dann, wenn er existiert. Aus seiner Existenz folgt notwendigerweise ein ständiges Vorhandensein physiologischer Abläufe, auch während des Träumens. Trotzdem ergibt es keinen Sinn, davon zu sprechen, dass Träume sich im Gehirn abspielen oder gar das Gehirn selber träumt oder lernt. Dies bleibt demjenigen Subjekt vorbehalten, zu dem das entsprechende Gehirn gehört.

Im Traum, so ist man versucht anzunehmen, werden keine neuen Gedanken erschaffen, sondern bereits vorhandene in neue Kleider, in neue Erscheinungsbilder gehüllt: der Gedanken neue Kleider. Sprache sollte nach dem oben Gesagten nicht als eine weltferne Formulierungsmethode betrachtet werden. Sie ist in ihrer Rolle als beschreibendes Element der Weltinhalte selbst ein Element der durch sie bezeichneten Sphäre: Gedanken über die Welt sind stets Teil der Welt. Der Gedanken neue Erscheinung entspricht für sich genommen bereits einem neuen Gedanken. Neuronale Erregungsmuster sind das sprachliche Spiegelbild dessen, was allen Gedanken zugrunde liegt, selbst aber unaussprechlich bleibt.


  1. Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2006).
  2. Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1967).
  3. Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus.
  4. Francis Crick, The Astonishing Hypothesis (London: Touchstone, 1995), 30.
  5. Maxwell R. Bennett und Peter M. S. Hacker, Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften (Darmstadt: WBG, 2015), 93.

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