Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Träume und Wahrheiten
fatum 3 | , S. 51
Inhalt

Freuds Theorie des Traumes

Man fliegt weite Strecken, jedoch ohne Flugzeug, vergisst alles Gelernte während der Prüfung, steht auf einmal in Unterwäsche in der U-Bahn oder verliert schlicht seine Zähne. Träume haben oft einen verworrenen und aufwühlenden Inhalt, der ohne jeden sinnvollen Zusammenhang scheint. Doch bis heute gibt es Strömungen, welche die Meinung vertreten, in Träumen verberge sich eine versteckte, tiefgründige Bedeutung. Ein prominenter Vertreter dieser Ansicht war Sigmund Freud (1856–1939). In der Traumdeutung, einem seiner bedeutendsten Werke, erläutert Freud auf über 600 Seiten die Struktur und Bedeutung von Träumen und zeigt Wege auf, ihren Sinn aufzudecken.

Freud geht davon aus, dass Träume sinnvolle psychische Gebilde sind.1 Um zu ihrem versteckten Inhalt zu gelangen, bedarf es zunächst der kritiklosen Selbstbeobachtung auf Seiten des Patienten, der alles mitteilen muss, was ihm in den Sinn kommt. Dies beinhaltet die Kommunikation des Trauminhaltes selbst, aber auch persönlicher Gedanken, die den Inhalt betreffen. Durch diese, dem psychischen Zustand kurz vor dem Einschlafen gleichende Verfassung, dringen auch ungewollte und unterdrückte Vorstellungen an die Oberfläche. Diese Vorstellungen sind für die Traumdeutung von großer Relevanz, da sie oft Hinweise auf die nicht unmittelbar zugängliche Bedeutung des Traums darstellen können. Der Patient soll des Weiteren zu jedem einzelnen Teil des Trauminhalts seine Hintergedanken nennen, um eine individuelle Deutung des Traumes zu ermöglichen.2

Allgemein stellt jeder Traum nach Freud eine Wunscherfüllung dar. Besonders anschaulich wird dies bei sogenannten Bequemlichkeitsträumen: Diese dienen dazu, den Schlaf fortzusetzen. Ist man beispielsweise während des Schlafens durstig, träumt man davon zu trinken. Dieser Schlafwunsch ist in jedem Traum enthalten. Freud nennt hier auch ein eigenes Beispiel: Aufgrund langer nächtlicher Arbeit sei ihm das Aufstehen besonders schwer gefallen und er habe deshalb oft im Traum bereits am Waschtisch gestanden – um seinen Schlaf verlängern zu können.3

Auch Träume, die auf den ersten Blick nicht wie Wunscherfüllungen wirken, oder welche man, z. B. aufgrund peinlichen Inhalts, nicht als Wunscherfüllung wahrhaben möchte, erweisen sich nach vollendeter Deutung als solche. Dies liegt an der Struktur von Träumen. Jeder Traum besteht aus zwei Inhaltsebenen, dem manifesten und dem latenten Trauminhalt. Ersterer umfasst den bewussten Trauminhalt, letzterer die dahinter stehenden unbewussten Traumgedanken. Zwischen ihnen wirkt eine weitere, von Freud postulierte Instanz, die Zensur. Diese lässt nur solche Inhalte aus dem latenten in den manifesten Trauminhalt eintreten, die ihren Maßstäben entsprechen. Besteht eine Abwehr* gegen einen latenten Wunsch, muss dieser erst verkleidet und unkenntlich gemacht werden, um die Zensur zu passieren und damit in den Traum gelangen zu können. Es findet eine Traumentstellung statt, wodurch der Trauminhalt absurd wirken kann. Den Traumgedanken streitet Freud dagegen jede Absurdität ab. In ihnen sieht er den wahren Sinn eines jeden Traums.

Die Arbeit, die im Traum aus dem latenten den manifesten Trauminhalt herstellt (gleich einer Übersetzung in eine andere Sprache), wird als Traumarbeit bezeichnet. Ihr Ziel ist immer die zensurfreie Darstellung.4 Sie bedient sich dabei verschiedener Techniken: Im Rahmen der Verdichtungsarbeit wird der latente Trauminhalt zusammengefasst. Dabei entstehen Mischbildungen, die sich besonders anschaulich am Beispiel von Wortneuschöpfungen zeigen, welche aus verschiedenen Wörtern zusammengesetzt sind. Auch können mehrere Personen, die durch etwas Gemeinsames verknüpft sind, als eine Person dargestellt werden. Durch diese Technik kann eine Person, die aufgrund der Zensur sonst nicht in den manifesten Trauminhalt gelangt wäre, indirekt im Traum repräsentiert werden. Eine weitere Technik ist die Verschiebungsarbeit, welche die Wichtigkeiten (Intensitäten) von Elementen verändert. Inhalte, die in den Traumgedanken wichtig sind, erscheinen durch eine Verschiebung im Trauminhalt als unwichtig. Elemente durch die sich die Wunscherfüllung im Traum ausdrückt werden dabei intensiver und lebhafter dargestellt. Eine andere Art der Verschiebung wird als Rücksicht auf Darstellbarkeit bezeichnet. Hier werden sprachliche, abstrakte und farblose Ausdrücke in bildliche und konkrete eingetauscht.5 Zudem bedient sich die Traumarbeit zur indirekten Darstellung von Inhalten verschiedenster Symbole. Dabei sind diese oft mehrdeutig und ihre Bedeutung erschließt sich erst im Zusammenhang. Freud zählt eine Reihe von Symbolen auf, die fast alle zur Darstellung von Begriffen der Sexualität dienen. Beispielsweise steht das déjà vu eines Ortes im Traum für das Genital der Mutter, weil man dort schon einmal war.6 Auch handelt laut Freud die Mehrzahl der Träume Erwachsener von sexuellem Material und bringt erotische Wünsche zum Ausdruck, da hier starke und oft unterdrückte Wünsche traumerzeugend wirken. Vor allem auffällig harmlose Träume verkörpern nach Freud durchweg grobe erotische Wünsche. Die letzte Methode der Traumarbeit ist die sekundäre Bearbeitung, die dem wachen Denken ähnelt und versucht, einen Zusammenhang im Trauminhalt herzustellen. Aufgrund intellektueller Gewohnheiten macht die sekundäre Bearbeitung jedoch Fehler, weshalb die scheinbare Klarheit im Traum lediglich auf Missverständnissen beruht.

Es gibt in der Theorie Freuds also zusammengefasst zwei psychische Mächte, die an der Traumgestaltung mitwirken: Diese, die den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten Wunsch bildet und jene, die eine Zensur an diesem ausübt und dadurch dessen Entstellung erzwingt. Letztere ist dabei die eigentliche Traumarbeit, die abgesehen von der sekundären Bearbeitung dem wachen Denken in keiner Weise gleicht.

Über den manifesten Trauminhalt, der das Ergebnis der Traumarbeit darstellt, schreibt Freud, dass in diesem Eindrücke des letzten Tages, Nebensächliches und Kindheitseindrücke dargestellt werden. Die indifferenten Inhalte erlangen durch die Verschiebung (bei der Intensitäten von intensiven Vorstellungen auf weniger intensive verschoben werden) eine ausreichende Intensität, um Zugang zum Bewusstsein zu erhalten. Über die Kindheitseindrücke schreibt Freud, dass diese auch dann im Traum auftauchen, wenn sie im Wachen nicht mehr erinnert werden können. Deshalb werden diese Elemente nach dem Erwachen nicht sofort in ihrer Herkunft erkannt. Zudem können in Träumen Kinderwünsche und gegenwärtige Wünsche erfüllt werden, die eine Verstärkung aus Kindererinnerungen beziehen.

Bei den somatischen Traumquellen handelt es sich um Reize, die aus dem Körperinneren oder von außen an die Sinnesorgane herangetragen werden, wie z. B. das Hungergefühl. Diese Reize können (wenn sie intensiv genug sind) als Traummaterial genutzt werden. In anderen Fällen versucht die Psyche sie zu unterdrücken. Auch die körperliche Gesamtstimmung hat einen Einfluss auf die Traumbildung, indem Material, das für den manifesten Trauminhalt zur Verfügung und der Gesamtstimmung nahe steht, bevorzugt wird.

Zum Affekt im Traum schreibt Freud, dass dieser während der Traumarbeit keine qualitative Veränderung erfährt; die Vorstellungen, an die der Affekt gebunden ist, dagegen schon. Deshalb kann der Affekt im Traum unpassend wirken. Gleichzeitig findet eine Affektunterdrückung von Seiten der Zensur statt.

Freud nennt in seinem Werk auch eine Reihe von typischen Träumen, die in zwei Gruppen aufgeteilt werden können. Die erste Gruppe umfasst Träume, die jedes Mal den gleichen Sinn haben (z. B. Prüfungsträume), die zweite Gruppe solche, die trotz des gleichen Inhalts je nach Person unterschiedlich gedeutet werden müssen (z. B. Träume vom Fliegen).

Im letzten Kapitel stellt Freud sein Modell der Psyche umfangreich dar und erklärt die Vorgänge des Traumes in dessen Zusammenhang.

Freuds Traumtheorie ist durch Gegenbeispiele schwer zu widerlegen, da Träume, die der Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar Ungewünschtem zum Inhalt haben7 als Gegenwunschträume in Freuds Theorie eingehen. Solche Träume erfüllen den Wunsch, die Theorie zu widerlegen. Auch sogenannte Unlustträume reiht Freud in seine Theorie ein, indem er behauptet, sie erfüllten masochistische Neigungen.

Gegen den Einwand, man könne sich doch nie sicher vollständig richtig an Träume erinnern, sagt Freud, dass die Veränderungen bei der Wiedergabe des Trauminhalts nicht willkürlich, sondern im Psychischen determiniert sind. Der Zweifel an der richtigen Wiedergabe von Träumen ist eine Folge der Traumzensur und, zusammengefasst, alles was die Fortsetzung der Traumdeutung stört ein Widerstand. Während die Zensur nämlich in der Nacht aufgrund geringerer Macht die Traumbildung ermöglichen musste, beseitigt sie alles, wenn sie tagsüber wieder zu Kraft kommt. Allerdings kann man oft alles Vergessene durch die Analyse wieder hervorbringen.

Anscheinend machte sich Freud selbst kurz vor Erscheinen seines Werkes Sorgen um die mögliche Kritik daran – im Glauben, einen Stuss produziert zu haben.8 Doch seine Theorie konnte erst ein halbes Jahrhundert später nach wissenschaftlichen Kriterien widerlegt werden. Eugene Aserinsky entdeckte die Rapid-Eye-Movement-Schlafphasen (REM-Schlaf), benannt nach den schnellen Augenbewegungen während dieser Schlafphasen. Es zeigte sich, dass Träume während des REM-Schlafes auftreten und dass ein Teil des Hirnstamms den REM-Schlaf auslöst. Dieser ist für lebensnotwendige Funktionen und nicht für Bewusstseinstätigkeiten zuständig.

Auf diesen Erkenntnissen basierend entwickelte der Neurologe Allan Hobson die Activation-Synthesis Hypothesis. Er ging davon aus, dass die Aktivierungen während des REM-Schlafes keinen tiefergehenden Sinn haben, die vordere Großhirnrinde jedoch versucht, einen Zusammenhang aus dem zusammenhanglosen Material zu schaffen. Bald stellte sich jedoch heraus, dass seine Theorie die Komplexität der Vorgänge unterschätzt. In der modernen Traumforschung besteht daher weiterhin der Disput, ob Träume eine tiefergehende Bedeutung besitzen. Forscher wie Ursula Voss bestreiten einen tieferen Sinn. Die Forscherin geht davon aus, dass die nächtliche Gehirnaktivität der von Tieren gleicht (was aufgrund der Lokalisation im Hirnstamm durchaus plausibel ist). Die Gegenposition, u.a. vertreten durch George Domhoff, geht zwar immer noch von einem tieferen Sinn aus, jedoch bestreitet auch Domhoff das Zutreffen von Freuds Theorie.9 Schließlich konnte gezeigt werden, wie sehr die nächtliche Gehirnaktivität der Aktivität tagsüber ähnelt.

Eine besonders interessante Art von Träumen sind die sogenannten luziden Träume in denen der Proband merkt, dass er träumt und seine Träume bis zu einem gewissen Grad bewusst beeinflussen kann. Mittels elektrischer Impulse schaffte es Voss, solche Träume auszulösen. Ließen sich luzide Träume gezielt einsetzen, könnte dies u.a. in Bezug auf traumatisierte Menschen von großer Bedeutung sein, da diese in Alpträumen die traumatische Situation immer wieder erleben.

Dass einem während des Traums bewusst wird, dass man träumt, ist laut Freud ein Zeichen für eine Entwertung des Inhalts. Freud berücksichtigte jedoch nicht, dass Menschen bewusst in ihre Träume eingreifen und sie manipulieren können. Wie Freud diese Träume in seine Theorie eingebaut hätte, bleibt wohl eine offene Frage.

Auch sprechen neuere wissenschaftliche Kriterien gegen Freuds Auffassung von Träumen und man kann sie daher als überholt ansehen. Jedoch darf dabei nicht vergessen werden, welche wichtigen Impulse er für die weitere Entwicklung der Psychotherapie geliefert hat.


  1. Vgl. Sigmund Freud, Die Traumdeutung (Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2015), 19.
  2. Vgl. ibid., 115–119.
  3. Vgl. ibid., 137–139.
  4. Vgl. ibid., 147–158
  5. Vgl. ibid., 342.
  6. Vgl. ibid., 399.
  7. Ibid., 170.
  8. Vgl. Frank Thadeusz, Im Reiche der Träume, Der Spiegel, 2/2015, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-131147838.html (aufgerufen: 11. November 2015).
  9. Vgl. ibid.

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