Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Träume und Wahrheiten
fatum 3 | , S. 22
Inhalt

Der klägliche Intellekt

Nietzsche als Erkenntnistheoretiker und die Konsequenzen für seine Philosophie

Bücher, Aufsätze, Vorlesungen und Vorträge gibt es zu Nietzsche wie Sand am Meer. Die meisten fokussieren sich hierbei auf die klassischen Nietzsche-Motive und -Schlagworte, wie beispielsweise „Tod Gottes“, „Nihilismus“, „Übermensch“ und „amor fati“. Übersehen wird jedoch oft, dass für ein Verständnis dieser Konzepte Nietzsches Position als Erkenntnistheoretiker maßgeblich ist.

Nietzsche vertritt die Position, dass unser menschliches Denken nicht der objektive Erkenntnisapparat ist, für den wir es gemeinhin halten. Unser Intellekt ist nur eine der vielen sonderbaren Erscheinungen, welche die Natur im Laufe der Evolution hervorgebracht hat: Man müsse sich vor Augen führen wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt1. Und weiter: Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben. Denn es gibt für jenen Intellekt keine weitere Mission, die über das Menschenleben hinausführt.2

Mit seiner Kritik des menschlichen Intellekts steht Nietzsche den Ansichten der klassischen griechischen Philosophie nach Platon und Sokrates diametral entgegen. Für Sokrates und Platon herrscht eine Übereinstimmung zwischen der Art, wie wir Menschen die Dinge erfassen und der tatsächlichen Beschaffenheit der Welt. Im Akt der Erkenntnis kann man Teilnahme an Wahrheiten haben welche über das menschliche Denken hinausgehen. Der Satz des Pythagoras beispielsweise galt schon bevor ihn Pythagoras entdeckt hat und wird auch noch gelten, wenn es gar keinen Menschen mehr gibt. Wir können diesen Satz jedoch nachvollziehen und damit teilhaben an der Logik der Welt. Diese Logik existiert unabhängig von uns, wir können sie aber mit unserem Denken ergründen und verstehen, da unser Denken und die Welt gleich strukturiert sind.

Für Nietzsche ist unser Denken nicht dazu geeignet, die Welt so zu erfassen wie sie ist. Unser Verstand hat keine Sonderstellung innerhalb der Natur inne, sondern ist eben nur ein Menschenverstand. Diese Kritik an der menschlichen Erkenntnisfähigkeit haben jedoch auch schon viele andere Philosophen vorgebracht, beispielsweise Immanuel Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft. Heinrich von Kleist fasste im Jahr 1801 den Inhalt von Kants Werk sehr anschaulich in einem Brief an Wilhelmine von Zenge zusammen: Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört.3

Diese Argumentation nach Kant ist anschaulich und eingängig, dennoch können hier Zweifel angebracht werden. Wenn wir Menschen es zustande bringen, ein bemanntes Raumschiff zum Mond zu schießen und die Besatzung anschließend wieder heil auf die Erde zu bringen, wenn wir es schaffen Energie mittels Kernspaltung zu gewinnen, wie weit können dann unsere Hypothesen über die Welt und die Beschaffenheit der wirklichen Welt auseinanderliegen? Wir können mit unseren Sinnen nur einen Teil der Welt wahrnehmen. Dies scheint jedoch oft bereits zu genügen, um korrekte Schlüsse über Naturphänomene zu ziehen und zum Beispiel physikalische, biologische und chemische Effekte technisch verwertbar zu machen. Durch Technik und Wissenschaft haben wir unseren Wahrnehmungsbereich erheblich erweitert. Vieles, was sich unseren primären Sinnen entzieht, kann mittels Technik erfahrbar gemacht werden. Man denke hierbei an die Erforschung der Zellbiologie. Zu Beginn hatte man nur spekulative Theorien darüber, was sich auf Zellebene abspielt. Mit der Entwicklung von hochauflösenden Mikroskopen wurden diese Mechanismen sichtbar und konnten somit entschlüsselt werden.

Nietzsches Werk hätte nicht die geballte Wirkmächtigkeit auf Generationen an nachfolgenden Künstlern und Philosophen gehabt, wenn sein Denken an diesem Punkt der Erkenntniskritik Halt gemacht hätte. Für Nietzsche ist nämlich nicht nur der religiöse Glaube ein unzulässiger Ausweg aus dem Nihilismus, sondern auch der Glaube an Wissenschaft und Wahrheit. Als deren vorderste Repräsentanten und Pioniere sieht Nietzsche Platon und Sokrates. Platon unterstellt laut Nietzsche der Welt eine Art heilige Ordnung in Form der Ideenlehre, welche die täglichen Erscheinungen in einem stimmigen Ganzen erscheinen lassen möchte:

Doch man wird es begriffen haben, worauf ich hinaus will, nämlich dass es immer noch ein metaphysischer Glaube ist, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht, – dass auch wir Erkennenden von heut, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch unser Feuer noch von dem Brande nehmen, den ein Jahrtausender alter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Plato’s war, dass Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit göttlich ist…4

Nietzsche sieht hier also einen Grundirrtum, der ebenso der Religion als auch der Wissenschaft zugrunde liegt. Das Wesen der Natur ist für Nietzsche eben nicht etwas Geordnetes, das erkannt werden kann. Nietzsche hält sich mit seiner Analyse der Welt sehr nah an dem, was er bei seinem großen philosophischen Vorbild aus seiner Jugend, Arthur Schopenhauer, gelernt hat, nämlich, dass das Wesen der Welt nicht eine heilige logische Ordnung ist, sondern dass es von Chaos und dunklem vitalen Trieb bestimmt ist. Die Welt ist im Wesentlichen – um mit den Begriffen Schopenhauers zu sprechen – Wille.5 Wenn wir der Welt einen Sinn oder unserer Existenz einen Sinn unterstellen, dann laut Nietzsche deshalb, weil wir nach Sinn suchen. Wenn wir den Dingen eine Ordnung unterstellen, dann weil wir in diesen Kategorien denken. Dies ist für Nietzsche eine unzulängliche Projektion unserer Wünsche auf das Wesen der Welt. Wir erliegen diesem Trugschluss laut Nietzsche, weil wir unseren Intellekt als viel zu hoch einschätzen: Sonder menschlich ist er [der Intellekt], und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm drehten.6 Für Nietzsche entsteht das entscheidende Problem nicht durch die mögliche Differenz zwischen den logischen Schlüssen der Menschen über das Wesen der Dinge und die tatsächliche Beschaffenheit dieser, sondern deswegen, weil uns die Welt in viel elementarerer Weise unverständlich und verschlossen bleibt. Die elementarste Kategorie, in der wir Menschen nach Nietzsche denken, ist die des Sinns. Bei allen unseren Entscheidungen versuchen wir die Optionen zu wählen, die uns am sinnvollsten erscheinen. Wenn etwas für uns keinen Sinn ergibt, dann tun wir es nicht. Das menschliche Bewusstsein ist ein sinnsuchendes. Der Welt wohnt allerdings laut Nietzsche kein Sinn inne. Abgesehen vom Zufall gibt es kein höheres Gesetz, welches Dinge in die Wege leitet und Bedeutung verleiht.

Dieser Gedanke vollkommener Zufälligkeit und Bedeutungslosigkeit lässt sich als sinnsuchendes Wesen nur schwer aushalten. Nahezu alle menschlichen Kulturen vor dem 19. Jahrhundert haben daher nach Nietzsche eine Form von Religion hervorgebracht, welche vor der Bedeutungslosigkeit schützt. Dieses elementare Bedürfnis nach Sinn hat Menschen überall Bedeutung und Zeichen in die Erscheinungen der Welt hineininterpretieren lassen. Handlungen und Rituale sollten damit eine Bedeutung und Tiefe bekommen. Fällt dieser religiöse Halt weg stellt sich daher wieder die Frage der Sinnhaftigkeit des Lebens:

Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?7

Nietzsche sieht durch die Sinnlosigkeit des Daseins das Leben in Gefahr. Denn wenn man gemeinhin die sinnlosen Dinge sein lässt und aufs Ganze gesehen das Leben keinen Sinn hat, sollte man dann das Leben sein lassen? Dieser Gedankengang endet beim Suizid. Wie Professor Lütkehaus in seinem Nietzsche-Vortrag an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Jahr 2010 gezeigt hat, kann man Nietzsches gesamte Philosophie als den Versuch beschreiben, den Nihilismus – verstanden als die Sinnlosigkeit des Daseins – zu überwinden. Alle Konstrukte Nietzsches, wie der Wille zur Macht, der Übermensch, die ewige Wiederkehr und amor fati, sind Versuche, das Leben gegen den Nihilismus zu verteidigen.

Sisyphos, seinen Felsen tragend
Sisyphos – eine Sinnfigur der Biodizee? Darstellung von Tizian (1549)

Nietzsche löst sich also bei den Konsequenzen, welche er aus dem Nihilismus zieht, deutlich von seinem geistigen Mentor Schopenhauer. Schopenhauer leitet aus der Sinnlosigkeit des Daseins eine Philosophie des Loslassens ab. Für Schopenhauer gibt es im Leben nichts zu holen. Daher solle man sich auch nicht zu viel daraus machen. Eine angenehme Zerstreuung durch Kunst lässt Schopenhauer noch gelten, abgesehen davon aber empfiehlt er sich nicht zu sehr in das Leben zu verstricken. Manchmal wird er daher auch als der Buddha aus Frankfurt apostrophiert. Nietzsche hingegen möchte das Leben um jeden Preis verteidigen. Er versucht sich an der Biodizee – der Rechtfertigung des Lebens angesichts des Leids auf der Welt. Lebens- und Todestrieb tragen im 19. Jahrhundert die Namen Nietzsche und Schopenhauer.8

Die Verteidigung des Lebens nimmt im Laufe von Nietzsches philosophischer Karriere verschiedene Formen an. Der erste große Versuch besteht darin, in der sinnleeren Natur einen sinnstiftenden Kulturbereich zu erzeugen. Hierbei denkt Nietzsche vor allem an die Erlösung durch die Musik – in seinem Falle durch die Musik Wagners. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum schreibt er in der Götzen-Dämmerung.9 Eine der eingängigsten Erörterungen aus dem 21. Jahrhundert darüber, inwiefern Kunst ein Heilmittel gegen ein Sinnvakuum sein kann, findet sich in der Beschreibung von Hanns-Josef Ortheil zum Unterschied zwischen Roman und Wirklichkeit. In einem Fernsehinterview erklärt Ortheil, wie ein Romancier beim Schreiben eine ganze Modellwelt erschafft, ähnlich wie jemand beispielsweise eine Modelleisenbahn mitsamt Landschaft zusammensetzt. Jedes Detail, jede Figur, jeder Platz ist bewusst ausgewählt und die Dinge und Figuren in einem Roman sind somit – im Gegensatz zur Realität – aus einem bestimmten Grund vorhanden und mit Bedeutung aufgeladen. Auf ähnliche Weise, nur mit noch mehr Pathos, beschreibt Nietzsche die erhoffte Wirkung der Bayreuther Festspiele 1876.

Doch die Lösung durch den Schein bleibt eine Scheinlösung und Nietzsche kehrt bitter enttäuscht von den Bayreuther Festspielen heim.10 Von dort an schlägt er andere Wege ein. Nietzsche versucht im weiteren Verlauf seines Schaffens, das Leiden nicht durch Kunst zu überdecken, sondern es in die eigene Geisteshaltung zu integrieren und sogar zu bejahen. Das Stichwort „amor fati“, als Liebe zum Schicksal, fasst diese Haltung zusammen. Der Gedanke der ewigen Wiederkehr ist ebenfalls eng damit verwandt. Statt am Dasein zu leiden, soll jeder Moment so gelebt werden, dass er einem ohne Grauen noch unendliche Male wiederkehren könnte. Wenn es keinen einzigen Moment gibt, in welchem das Leiden über den Lebenswillen triumphiert, wenn ich zu jeder Sekunde unendliche Male Wiederkehr wünsche, dann wäre das der ultimative Sieg des Lebens über den Suizid. Ist der Selbstmord die radikalste Ablehnung des gesamten Lebens, so ist der Gedanke der ewigen Wiederkehr die extremste Form der Lebensbejahung und daher auch so zentral für Nietzsches Feldzug gegen den Todestrieb.

Soweit ist das innerhalb der Logik Nietzsches ein sehr konsequenter Gedanke, doch bereits Nietzsche selbst spürt, welche Überforderung diese Aufgabe für den Menschen darstellt. Nietzsche ist sich bewusst, hierbei lediglich ein Ideal, ein Ziel formuliert zu haben, welches für einen Menschen schwer erreichbar ist. Das Wesen, welches diesem Ideal entspricht, wird daher von Nietzsche „Übermensch“ genannt.

Die einzelnen Ansätze zur Überwindung des Nihilismus und zur Rechtfertigung des Lebens auf philosophischer Ebene sind jedoch gar nicht der Grund für Nietzsches großen Einfluss in der Geistesgeschichte. Nietzsche unternimmt den ersten großen Versuch, die Absurdität der menschlichen Existenz auszuhalten. Gerade in seinen scheiternden Versuchen, die Dissonanz zwischen der Welt und dem menschlichen Bewusstsein zu überwinden, wird Nietzsche für viele seiner Anhänger zu einem tragischen Helden. Er hat sich mit der Verteidigung des Lebens gegen die Sinnlosigkeit die schwerste Aufgabe für einen Menschen der Moderne gesucht.

Nietzsches Kampfanstrengungen haben unzählige Künstler und Philosophen nach ihm inspiriert. Thomas Mann, Gottfried Benn, Milan Kundera mit seinem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, oder Albert Camus mit der Philosophie des Absurden sind nur einige wenige Beispiele. Wie man also auch zu Nietzsche steht und welche Ansichten man teilt oder nicht, eine Auseinandersetzung mit seinem Werk ist wie ein Eingangstor in die moderne Geistesgeschichte.


  1. Friedrich Nietzsche, Über Lüge und Wahrheit im außermoralischen Sinn (Kindle Edition: EDITION NATIONAL, 2010), 1.
  2. Ibid.
  3. Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke und Briefe, Band 4 (Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 1987), 205.
  4. Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (fünftes Buch) (Köln: Anaconda, 2009), Aphorismus 344.
  5. Rüdiger Safranski, Nietzsche – Biographie seines Denkens (Frankfurt am Main, 2002).
  6. Friedrich Nietzsche, Über Lüge und Wahrheit im außermoralischen Sinn, 1.
  7. Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (drittes Buch) (Köln: Anaconda, 2009), Aphorismus 125.
  8. Ibid.
  9. Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert (Berlin: Insel Verlag, 1984), Aphorismus 33.
  10. Rüdiger Safranski.

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Kommentar 1

Matthias Wolf

Amor fati! Wer könnte sich dem entziehen? Vor allem, wenn man diesen Artikel liest.

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