Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Träume und Wahrheiten
fatum 3 | , S. 8
Inhalt

Was ist das: Träume und Wahrheiten?

Zu Traum und Realität

Vielleicht ist der Traum das schlechthin beste Beispiel für einen Gegenstand, den es in jeder Hinsicht des Wortes nicht gibt. Der Grund dafür ist nicht nur das empirische Problem, dass Träume sich als subjektives Erleben nicht beobachten lassen (auch derzeit angesagte Kombinationen von Schlaflabormessungen und der antrainierten Fähigkeiten zur Selbstauskunft aus sogenannten luziden Zuständen heraus können wissenschaftstheoretisch nicht überzeugen). Der Grund liegt auch nicht lediglich darin, dass Träume ja gerade außerhalb derjenigen Erfahrungszonen liegen, aus welchen heraus wir den Modus einer einheitlichen, objektiv zugänglichen Realität überhaupt gewinnen und sozial kultivieren: derjenigen Zonen nämlich, die uns als Axiome für Welt dienen. Wobei wir, wenn wir „Welt“ sagen, eine Menge bereits für selbstverständlich erklären, ‒allem voran das normale erwachsene, unverrückbar gesunde Wachbewußtsein europäisch-modernen Typs, das die Existenz einer einzigen geteilten Welt namens Realität für alle gesunden Exemplare des homo sapiens für jederzeit und allerorts zweifelsfrei beweisbar hält. Eigentlich jedenfalls.

Der Grund für die epistemische Sonderstellung des Traumes (es gibt ihn nicht) lässt sich anders fassen – nein: er sollte noch anders gefasst werden. Und hier beginnt eigentlich erst die Arbeit der Wissenschaftsphilosophie. Träume sind nicht nur Gegenstände von einer schier erstaunlichen, gewissermaßen vor-ontologischen Relativität. Sondern sie sind gar keine Gegenstände. Denn noch das Konzept des Gegenständlichen, die Idee, es seien der Traum oder das Träumen zu erforschen, ist dem Reich des Nicht-Geträumten entnommen. Der Traum sei gewissermaßen als Sonder- und Grenzfall der Realität in der Art eines Schlüssels zu allen „Ausnahmen“ von normalen Bewußtseinszuständen zu studieren – hier haben wir vielmehr eine Idee des 19. Jahrhunderts vor uns, eines geradezu eskalierend wirklichkeitsversessenen Jahrhunderts.

Träumen und Wachbewußtsein sind aber nicht Zustände, sondern zwei Seiten einer Differenz, die schon als solche sich erstens nicht von selbst versteht und zweitens nicht von ihren Resultaten her, sondern als Differenz studiert werden sollte. Und zwar vergleichend: im Blick auf historisch fremde Welten und im Blick auf Kulturen – solche mit anderen Welt(en) als derjenigen der europäisch-christlich-naturalistischen Präferenz für (Außenwelt-)Realität. Ein Ergebnis liegt auf der Hand, wendet man sich der Frage nach Träumen und Wachen als Frage nach der Genese von Unterscheidungen zu: Diese Unterscheidung kann höchst unterschiedlich kultiviert werden, ist äußerst wandelbar.

Es lohnt sich daher, die Frage umzudrehen: Nicht der Traum im Wandel der Zeiten oder auch das Träumen als Grenz- oder Ausnahmezustand, sondern die Differenz(en) – Begriffe und auch Praktiken –, mittels welchen wir Realität und Wirklichkeitsverständnisse etablieren, sind das eigentlich relevante Thema. Auch die europäische Geschichte entpuppt sich auf diese Weise nicht bloß als Geschichte einer Realität, die Kehrseiten hat. Sie entpuppt sich vielmehr als eine Geschichte des Wandels und vielleicht sogar der jeweils prekären Besonderheit eines Nicht-Geträumten. Das Nicht-Geträumte ist der Sonderfall, und die Art und Weise, in welcher es sich glaubhaft zu Wachwirklichem (oder gar zu so etwas Unwahrscheinlichem wie Realität) konfiguriert, garantieren weder Psyche noch Physik noch überhaupt „Natur“.

Dass uns keine Wissenschaft erklären kann, warum wir überhaupt schlafen oder träumen, hat einen einfachen Grund: Das, wonach zu fragen wäre, liegt der Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft schon der Form nach derart weit voraus, dass Vergegenständlichungsstrategien scheitern. Selbst der Differenzbegriff (die oben verwendete Rede von der Unterscheidung) muss im Plural untergehen: Was zu studieren wäre, ist vielfältig: Modi des Differenzierens. So verweist uns das Staunen vor dem Träumen auf die Rätsel glaubwürdig weltstiftenden Wachseins: auf die Entstehungs- und Differenzierungsdynamik von Formen von – Menschen heute nutzen allerdings den Singular: der Form – Wachwirklichkeit selbst.


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