Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Logik, Moral und Welten
fatum 2 | , S. 57
Inhalt

Welche Rolle spielt die Ethik im Alltag?

Die philosophische Praxis zählt

Ethische Diskurse können unseren Alltag bereichern — Antwort von Oliver Schrader

Welche Rolle spielt Ethik, als philosophische Disziplin, in unserem Alltag? Die Frage ist vage formuliert, und da eine der beliebtesten philosophischen Tätigkeiten im Unterscheiden und Klären von Begriffen besteht, sollten wir uns über wenigstens drei Aspekte verständigen.

Erstens: Was ist „Moralphilosophie“? Gerade darüber ließen sich lange Betrachtungen anstellen. Wenn wir, zweitens, von „unserem Alltag“ sprechen, scheint mir eine genaue Klärung jedoch verzichtbar und ein alltägliches Verständnis ausreichend. Es geht nicht nur um die universitäre Moralphilosophie in meinem Alltag bzw. Curriculum, sondern um etwas wie eine Summe der akademischen Beschäftigung mit allem, was Regeln und Vorschriften für das menschliche Handeln angeht, wie sie auch außerhalb der Spezialistenkreise verständlich und brauchbar ist – in Faustregeln und Entscheidungshilfen, auch in Analysen der eigentlichen Interessenskonflikte. Ob die typischen Dilemmata, mit denen sich in Seminaren die üblichen Theorien gegeneinander ausspielen lassen (wenn Verwandte gleichzeitig mit fremden Menschen in einen reißenden Fluss stürzen, wenn der Mörder meines Gastes an der Wohnungstür klingelt, wenn ich die Weiche für einen unkontrollierbaren Zug stellen kann, etc. pp.) noch zum Alltag gehören, lasse ich dahingestellt. Es bleiben genügend Entscheidungssituationen, in denen moralische Gründe „eine Rolle spielen“. Das, drittens, lässt sich nach einer beliebten Unterscheidung entweder deskriptiv oder normativ verstehen. Im ersten Fall hätten wir eine empirische Frage, die Philosophen besser nicht beantworten, die in ihrem Zugeständnis an die Aussagekraft der Wirklichkeit oft bei ihren eigenen Intuitionen Halt machen. Unabhängig davon, ob wir im Alltag tatsächlich moralische Gründe anerkennen (oder ob es sich um verkappte egoistische Motive oder Aberglauben handelt), soll die Frage also lauten: Sollte Moralphilosophie in unserem Alltag eine Rolle spielen?

Üblicherweise werden diese grundsätzliche und daneben speziellere Fragen ohne Bezug auf die Philosophie gestellt, z. B. einfach: Gibt es moralische Tatsachen, gibt es moralische Gründe, die man im Handeln berücksichtigen muss? Sodann: Darf ich verwandte, geliebte, bekannte oder mir in anderer Weise nähere Menschen gegenüber anderen bevorzugen? Darf oder soll ich unter bestimmten Umständen lügen? Inwiefern müssen wir Tiere moralisch berücksichtigen? Ein Teil der Aufmerksamkeit gilt dann den Wörtchen „dürfen“, „sollen“ und „müssen“, und es wird über Art und Grad der Verbindlichkeit diskutiert, die hinter moralischen Sätzen wie „Du sollst nicht töten!“ und „Man darf nicht lügen!“ stehen. Das Interessante dagegen an unserer Formulierung der Frage ist, dass nicht die Ergebnisse, sondern die Praxis der Philosophie in den Blick genommen wird.

Man hört ab und zu, dass Philosophie „im Lehnstuhl“ betrieben werde oder zumindest betrieben werden könne. Dabei scheint mir der größte Vorteil des Lehnstuhls die Bequemlichkeit beim Lesen zu sein, das einen großen Teil des akademischen Philosophierens ausmacht.

Zu den Klassikern der Disziplin Moralphilosophie zählen Texte der ältesten Philosophen, v. a. Platon und Aristoteles. Epikur und die nicht so eindeutig mit einer Person verbundene Lehre der Stoiker vervollständigen das Quartett der wichtigen antiken Schulen, die wir zu unseren Vorgängern zählen. So unterschiedlich die Antworten ausfielen, die die Schulen auf moralische Fragen gaben, hatten sie wenigstens eines gemeinsam: sie waren von ihrem jeweiligen Weltbild, ihrer Metaphysik abgeleitet. Wie man zu leben, wie man zu handeln hatte, ergab sich aus der Beschaffenheit der Welt, in der man lebte und handelte. Platon und die Stoiker orientierten sich am stärksten an „jenseitigen“, höheren Prinzipien, kannten ein Weltgericht (darüber Platon am Ende der „Politeia“) bzw. ein deterministisches Schicksal und entwickelten daher die „strengsten“ Moralvorstellungen: Platon ging es allein um das verabsolutierte Gute, für die Stoiker bestand die Tugend schlicht darin, sich freiwillig ins Schicksal zu fügen. Aristoteles und Epikur hatten ihre eigene Metaphysik, trauten aber ihren Sinnen mehr zu – in der Erkenntnis wie auch in der Beurteilung des Guten, das damit zu seiner richtigen auch eine angenehme Seite erhalten konnte.

Der berühmteste Lehnstuhl, nebenbei gesagt, ist vielleicht der, in dem Descartes, in einen Mantel gehüllt, am Kamin saß und zweifelte. Was Descartes zu den „Meditationes“ und nach verbreiteter Ansicht die Philosophie in die Moderne führte, fand sich in nuce schon im zuvor erschienen „Discours“, dort erweitert um einen Abschnitt zur morale. In diesem stellte Descartes vorläufige Prinzipien vor, nach denen er sich richten wollte, um im Handeln nicht unentschlossen zu bleiben, bis er zu sicheren Urteilen über die Welt gelangt sein würde.

Entgegen der oft vernommenen Warnung vor dem naturalistischen Fehlschluss, dass aus purem Sein kein Sollen gefolgert werden könne, scheint die Moralphilosophie also stark von der sog. theoretischen Philosophie abzuhängen (vielleicht sind das Wesen des Menschen und die Weltordnung, zumal unter dem Gesichtspunkt einer guten oder vernünftigen Schöpfung, mehr als pures Sein). Für diese Hypothese würde ich gerne mehr Beispiele prüfen, muss mich aber beschränken auf Verweise: da wäre etwa Kants Deduktion des kategorischen Imperativs aus der reinen Vernunft im Kontrast zum parallelen Angriff Nietzsches auf die traditionellen Vorstellungen von Wahrheit und Moral.

Dieser Schlag und der gegen die Metaphysik und später der gegen die Erkenntniskraft unserer Sprache haben uns voll getroffen. Es ist schwierig, innerhalb der heutigen Philosophie Grenzen zu ziehen und einen Stand der Technik zu bestimmen, denn die behandelten Fragen sind ganz verschieden, viele rein historisch, viele eklektisch. Aber vielleicht ist es möglich, dem jüngeren Mainstream ein Schlagwort abzulauschen: „Diskurs“.

Ein Diskurs lässt sich beschreiben als das geregelte Verhandeln von Rechtfertigungen, etwas zu behaupten oder zu tun. Was den Diskurs als Ausgangspunkt philosophischer Überlegungen attraktiv macht, ist die Beschränkung der Diskussion auf das buchstäblich Diskutierbare. Das ist für ambitionierte Philosophen nicht banal. Man kann daraus einen leistungsfähigen Wahrheitsbegriff entwickeln, der als Rechtfertigung für eine Behauptung nicht auf bestimmte (d. h. unbestimmte) Korrespondenzen zwischen einem ausgedrückten Sachverhalt und der Welt, wie sie wirklich ist, zurückgreift, sondern Sätze durch gerechtfertigte andere Sätze gerechtfertigt sieht. Indem man dabei die Probleme der normalen Erkenntnistheorie umgeht, muss man natürlich auch deren Ansprüche aufgeben.

Auch in der Moralphilosophie spielt der Diskurs eine große Rolle. Platonische, Kantische und andere Ideen sind großartig, aber basieren auf theoretischen Überzeugungen, die nicht allgemein geteilt werden. Modelle, die von Verhandlungen hinter einem Schleier des Nichtwissens oder von einem herrschaftsfreien Diskurs ausgehen, um die Spielregeln der Gesellschaft festzulegen, berufen sich dagegen nicht auf vernünftige oder gottgewollte oder dem Wesen des Menschen entsprechende Ordnungen, sondern schaffen einen Raum, in dem Menschen mit verschiedenen Weltanschauungen Platz finden und darüber, wie sie zusammenleben wollen, einen Diskurs führen. Wie dieser Raum aussieht, und ob sich die Menschen auf den Diskurs einlassen, sind (zum Teil offene) gesellschaftliche Fragen. Wenn die Moralphilosophie sich auf diese Kontingenzen einlässt – und im Moment sollte sie aufgrund ihrer eigenen Theorien bereit dazu sein, sich aus dem Elfenbeinturm herauszuwagen –, dann kann sie mit ihren modernen Ideen ebenso wie mit ihren alten den Diskurs sehr bereichern. Es ist nicht so, dass diese unzähligen Gedanken keine wertvollen Einsichten bereithielten. In diesem Sinne: Ja, die Moralphilosophie sollte eine Rolle in unserem Alltag spielen!

Literatur

Robert Brandom, Articulating Reasons.

Charles Sanders Peirce, The Fixation of Belief.

Richard Rorty, Der Spiegel der Natur.

Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität.


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