Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Logik, Moral und Welten
fatum 2 | , S. 14
Inhalt

Wittgenstein und die Ethik

Eine biographische Annäherung

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Dieser berühmte letzte Satz aus Ludwig Wittgensteins Hauptwerk bringt das Wesentliche seiner Philosophie auf den Punkt. Zunächst scheint es eine paradoxe Aussage zu sein. Denn wenn man tatsächlich nicht fähig ist über etwas zu sprechen, wozu benötigt man dann ein Verbot, das sowieso nicht zu brechen ist? Und wie soll man wissen was es ist, über das man schweigen soll, wenn man es eben nicht aussprechen kann?

Die erste Frage beantwortet sich mit einem Blick auf Wittgensteins kulturelle Herkunft und Biographie. Die zweite klärt sich durch eine Analyse seiner philosophischen Denkansätze. Es muss allerdings klar sein, dass diese beiden Gebiete nicht zu trennen sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Wie es die Überschrift schon suggeriert, geht es um Wittgensteins Verhältnis zur Ethik, die der gemeinsame Nenner seiner Biographie und Philosophie ist. Ich möchte seinen Bezug zur Ethik einerseits mithilfe biographisch-kultureller Aspekte darstellen und andererseits aus Wittgensteins theoretischer Sicht nachzeichnen.

Ludwig Wittgenstein wurde 1889 in Wien geboren. Als Sohn eines schwerreichen Industriellen der sogenannten „Gründerzeit“ wuchs er im gehobenen, intellektuellen Milieu dieser Kultur auf. Durch das Mäzenatentum seines Vaters kam er mit einer Vielzahl von Künstlern in Kontakt. Die Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie war in dieser Zeit eines der wichtigsten kulturellen Zentren des Vorkriegseuropas. Wien war der Angelpunkt zwischen dem 19. Jahrhundert und der anbrechenden Moderne. Auf der einen Seite präsentierte sich Wien auf der Oberfläche mit dem monarchistischen Prunk, Strauß-Walzer und der sittlichen Ordnung des vergangenen Jahrhunderts. Auf der anderen Seite erschlossen der aufkommende Expressionismus, Schönbergs Zwölftonmusik und die sich entwickelnde Psychoanalyse Alternativen zu den herkömmlichen Denk- und Sehgewohnheiten. Auf allen Ebenen wurde nach neuen Formen des Ausdrucks und der Darstellung gesucht. Denn die Kultur der alten Donaumonarchie war durchsetzt von einer moralischen Doppelbödigkeit, die sich nach Meinung vieler Künstler und Intellektueller auch in der Ästhetik wiederfand und dementsprechenden zu überwinden war.

Auch für Wittgenstein waren Ethik und Ästhetik stets verbunden, wenn nicht gar identisch. Dies wirft ein Licht auf seinen Begriff von Ethik. Wie er später in seinem Vortrag über Ethik im Anschluss an G. E. Moore formulieren wird: Die Ethik ist die allgemeinste Untersuchung dessen was gut ist.1. Sie bezeichnet bei Wittgenstein das, was dem Leben Sinn und folglich seinen Wert gibt. Wie viele seiner Wiener Zeitgenossen greift er bei dieser Idee von Ethik auf das Denken des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard zurück. Dieses hatte ein großes kritisches Potential im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts. Der schon erwähnte Angriff der Intellektuellen auf die tradierte Kultur und Doppelmoral des kaiserlichen Wiens gleicht Kierkegaards Kritik der bürgerlichen Moralvorstellungen im Kopenhagen des 19. Jahrhunderts. In Verbindung mit diesem gibt es zahlreiche Bezüge zu Arthur Schopenhauer und Leo Tolstoi, die damals ebenfalls an Popularität gewannen. Ihnen allen gemeinsam war die grundsätzliche Ablehnung jeder wissenschaftlichen oder argumentativen Begründung einer Ethik, die sich über den Einzelnen erhob. Gleichzeitig betonten sie die Funktion der Kunst als Vermittlerin von Moral. Dies fiel aufgrund der schon skizzierten gesellschaftlich-kulturellen Lage der Wiener Oberschicht natürlich auf fruchtbaren Boden. Wittgenstein war in diesem Fall keine Ausnahme. Die Auffassung, dass man weder philosophisch noch sonst auf rationaler Grundlage Ethik betreiben könne, behielt er sein Leben lang. Es war einer seiner wesentlichen Antriebe, diese Haltung logisch-philosophisch zu begründen.

Doch zunächst sollte sich der junge Wittgenstein weniger für Philosophie, sondern mehr für die Physik und das Ingenieurswesen interessieren. Zumindest studierte er dies erst 1906 in Berlin und ab 1908 in Manchester. Im Laufe seines Studiums kam er vermehrt mit der neuen formalen Logik und den Grundlagenproblemen der Mathematik in Berührung. Zwei der damals führenden Köpfe bei diesen Fragen waren der britische Philosoph Bertrand Russell und der deutsche Mathematiker Gottlob Frege. Wittgenstein besuchte beide, um sich letztlich ab 1911 bei Russell vermehrt mit dessen philosophischen Theorien zu beschäftigen. Hierdurch gewann Wittgenstein nun die entscheidenden Instrumente um seine Auffassung der Ethik zu begründen. Als Soldat im 1. Weltkrieg verfasste er schließlich sein eingangs schon zitiertes Hauptwerk: Den Tractatus logico-philosophicus.

Fakultätsbild Philosophie der Universität Wien
Fakultätsbild Philosophie der Universität Wien, Gustav Klimt (ca. 1900)

Auf den ersten Blick scheint dieses komplexe und idiosynkratrisch durchnummerierte Werk sich wenig mit Ethik, sondern mehr mit Sprachtheorie und formaler Logik zu befassen. Dies ist auch insofern richtig, als sich viele Abschnitte damit beschäftigen, die Theorien Russells und Freges weiterzuentwickeln oder zu widerlegen. Aber dies sollte nicht Wittgensteins alleiniger Anspruch bleiben, wie man an einer Tagebuchnotiz 1916 sieht: Ja, meine Arbeit hat sich ausgedehnt von den Grundlagen der Logik zum Wesen der Welt2. Die Darstellung dieses Wesens der Welt in den ersten Sätzen des Tractatus steht für Wittgenstein in einer Relation zum Wesen der Sprache. Als grundlegend sieht Wittgenstein den beschreibenden Charakter von Aussagesätzen. Diese bilden Tatsachen der Welt ab. Im Satz werden die Gegenstände durch die einfachen Namen (oder auch Urzeichen) vertreten. Nur in dieser Verbindung zur Tatsache ist der Satz ein solcher. Andernfalls ist er ein sogenanntes Satzzeichen, also ein einfaches Laut- oder Schriftzeichen ohne eine projektive Verbindung zur Welt. Die Wahrheit eines Satzes erkennt man nur durch den Vergleich mit den Tatsachen. Nur wenn das Abbild (der Satz) mit dem Abgebildeten (der Tatsache) übereinstimmt ist die Aussage korrekt. Der Satz zeigt, wie es sich verhält, wenn er wahr ist. Und er sagt, daß es sich so verhält. (TLP 4.022)

Die Unterscheidung zwischen Sagen und Zeigen ist das wesentliche Prinzip, welches auch Wittgensteins Verhältnis zur Ethik bestimmt. So schreibt er gegen Ende des Tractatus: Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen lässt. (TLP 6.421) Aussprechen lässt sie sich nicht, aber zeigen kann sie sich schon. Dies gilt auch für den Sinn der Welt [, der] außerhalb ihrer liegen [muß]. (TLP 6.41) Da man nach Wittgensteins Theorie der Sprache aber nur sinnvoll mithilfe von Tatsachen (Satzzeichen) über andere Tatsachen oder Sachverhalte reden kann, ist es nicht möglich über etwas zu sprechen was außerhalb der Tatsachen, also der Welt, liegt. Ethik und Ästhetik gehören für Wittgenstein aber zu diesem „außerhalb“ liegenden Bereich. Den vergeblichen Versuch, trotz allem darüber sprechen zu wollen, wird Wittgenstein später als Anrennen gegen die Grenzen der Sprache3 bezeichnen. Das Ergebnis ist allerdings in allen Fällen nur Unsinn – und nach Wittgenstein ist dies die Philosophie im Ganzen. Hier zeigen sich wieder Parallelen zu Kierkegaards Anrennen gegen das Paradoxon, das Wittgenstein selbst 1929 in einem Gespräch mit dem logischen Positivisten Moritz Schlick anspricht und woraus er folgert: Dieses Anrennen gegen die Grenzen der Sprache ist die Ethik.4

Die logische Analyse der Sprache mit den Konzepten der Elementarsätzen und der allgemeinen Satzform sollte dieses ausweglose Anrennen als ein solches erkenntlich machen und dadurch die philosophischen Fragen nicht beantworten, sondern auflösen. Dadurch sollte sich dann das zeigen, was man zuvor irrtümlicher Weise immer zu sagen versuchte. Dies gilt eben auch für die lebensphilosophischen Probleme: Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (TLP 6.521)

Nach dem ersten Weltkrieg zog sich Wittgenstein von der Philosophie und aus Wien zurück. Er meinte mit seinem Tractatus alle philosophischen Probleme im Wesentlichen gelöst zu haben, verschenkte sein gesamtes Vermögen und wurde für mehrere Jahre Volksschullehrer. Erst 1929 kam er wieder nach Cambridge zurück und begann seine alte Auffassung der Sprache zu revidieren und neue philosophische Methoden zu entwickeln.

Was sich nicht änderte, war der Versuch, philosophische Probleme als Produkte einer Sprachverwirrung auszuweisen. Jede Form einer philosophischen oder ethischen Theorie, die diese Scheinprobleme lösen wollte, war für Wittgenstein eine Form des Ausweichens von den eigentlichen Problemen. Mit seinen neuen Konzepten wie etwa den Sprachspielen, der Familienähnlichkeit und den Lebensformen versuchte Wittgenstein einen neuen Blick auf die Sprache und ihre äußeren Umstände zu werfen. Es bleibt hier die Frage offen, welche Konsequenzen diese neue Sicht auf das Schweigegebot des Tractatus und die Sache der Ethik hat.

Literatur

Janik, Allan und Toulmin, Stephen, Wittgensteins Wien, Wien: Carl Hanser, 1984 [1973].

McGuinnes, Brian, Wittgensteins frühe Jahre, Frankfurt: Suhrkamp, 1992.

Raatzsch, Richard, Ludwig Wittgenstein. Zur Einführung, Hamburg: Junius, 2008.

Waismann, Friedrich, Wittgenstein und der Wiener Kreis, in: Ludwig Wittgenstein Schriften, Bd. 3, Frankfurt: Suhrkamp, 1984.

Wittgenstein, Ludwig, Logisch-philosophische Abhandlung, Frankfurt: Suhrkamp, 2013 [1922].

Wittgenstein, Ludwig, Philosophische Untersuchungen, Frankfurt: Suhrkamp, 2013 [1953].

Wittgenstein, Ludwig, Vortrag über Ethik, in: Joachim Schulte [Hg.], Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften, Frankfurt: Suhrkamp, 1991 [1989].


  1. Wittgenstein Ludwig, Vortrag über Ethik (1930), in: Joachim Schulte (Hrsg.), Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften (Frankfurt: Suhrkamp 1991 [1989]), 10.
  2. McGuinnes Brian, Wittgensteins frühe Jahre (Frankfurt: Suhrkamp, 1992), 136.
  3. Waismann Friedrich, Wittgenstein und der Wiener Kreis (1929), (Frankfurt: Suhrkamp, 1984), 68.
  4. Ibid., 68.

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