Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Logik, Moral und Welten
fatum 2 | , S. 44
Inhalt

Die unmögliche Beschreibung

Ein Versuch zur Präzision der Vieldeutigkeit

Der Blick auf weite Bereiche der zeitgenössischen Geisteswissenschaften vermittelt, provokant formuliert, ein Bild disziplinierter Sprachlosigkeit: Wir Geisteswissenschaftler haben Werkzeuge, Schablonen, kanonische Werke, Matlab, Interviewverfahren und Theorieapparate – und halten uns damit die Welt vom Leib.

Es sind nicht in erster Linie die Instrumente, die dieses Problem erzeugen – sondern vielmehr unser Unwissen über die Feinheiten der Wechselbeziehung zwischen wissenschaftlichen Entbergungsweisen und dem anvisierten Gegenstandsbereich. Als Institutionen müssen Wissenschaften zweifelsohne interne Ordnungen führen und einfordern. Unbestreitbar stellt die dadurch entstehende Adressier- und Vergleichbarkeit von Inhalten einen maßgeblichen Garanten für wissenschaftliche Qualität dar. Dies sollte jedoch nicht dazu führen, dass sich Wissenschaftler systematisch hinter legitimierten Formen verschanzen, dass sie in trivialisierender Selbstverständlichkeit nur noch Techniken für sich sprechen lassen.

Ich möchte in den folgenden Zeilen für eine Geisteswissenschaft plädieren, die sich wieder vermehrt bewusst macht, dass es je nach Gegenstandsbereich unterschiedliche Untersuchungs- und Beschreibungsweisen braucht; dass es Kontexte gibt, in denen hochformalisierte Methoden notwendige Voraussetzungen für viable Ergebnisse sind – wie es andererseits auch Einsatzbereiche gibt, in denen eben diese Methoden zu nahezu schmerzhaften phänomenalen Deformationen führen.

Jeder Akteur dem wir eine gewisse Eigensinnigkeit zurechnen wollen/müssen – im Folgenden werden auch die Wissenschaften als ein solcher Akteur behandelt – hantiert, so der vereinfachende Ausgangspunkt der kommenden Erörterung, mit Identitäten. Bevor wir die Hypothese geisteswissenschaftlicher Sprachlosigkeit differenziert entfalten können, müssen wir entsprechend einen kurzen Exkurs vorschalten: Was ist im Rahmen dieser Arbeit unter Identität zu verstehen? Wie entsteht sie, wann kann sie in die Sprache eingehen und wie entfaltet sie ihre Funktion in (später: wissenschaftlichen) Interaktionskontexten?

Der Mensch steht mit einer je eigenen Erfahrungsgeschichte, eigenen Perspektiven und Horizonten des wirksam-werden-Könnens in der Welt. Wo er situative Übereinstimmungen mit bereits ähnlich erlebten Konstellationen durchschreitet, dort erhärten sich seine Konzepte, Bilder und Schemata. Wo er sich hingegen mit dem Unerwarteten konfrontiert sieht, dort vermag sich sein subjektiver Sinn je nach Möglichkeit zu verflüssigen, zu differenzieren oder abzuschützen.

Im Zuge dieser Prozesse können sich Erfahrungen, soweit sie stabil genug sind, d.h. eine unproblematische Kontinuität1 an der Schnittstelle von externen Reizen und interner Registratur aufweisen, zu etwas verfestigen was wir schließlich als eine Identität adressieren können. Gemeinsam mit anderen Identitäten – seien sie Prozesse, Dinge oder Lebewesen – bilden diese eine Art Gerüst von semantischen Ankerpunkten; Ankerpunkten, gelagert am Nexus von subjektiver und objektiver Sphäre.

Dieses Gerüst strukturiert unsere Wahrnehmung: jede „Wahrnehmung ist Abbildung in eine Semantik“2 – nicht nur in Hinsicht auf die jeweilige Bedeutung die einzelnen Sinneseindrücken zugeordnet werden kann/muss, sondern auch hinsichtlich der Frage, was überhaupt als Erfahrung verzeichnet werden kann und was nicht.

Sprachlich thematisierbar wird diese subjektive Struktur der Wahrnehmung nur unter der Bedingung, dass sich der jeweils Handelnde und der jeweils Beobachtende aus dem sprachlosen Zustand eines distanzlosen Eingebundenseins gewissermaßen teil-verstoßen finden.

Sie sind sich nicht so fremd, dass sie keinen Platz mehr ineinander semantischen ‚Gerüst‘ finden würden – und doch zugleich so fremd, dass man dem anderen eine Bezeichnung geben muss – eine Verrechungsstelle – die den anderen in einem Möglichkeitsraum platziert.

Im Milieu dieser fremdartigen Vertrautheit können wir nun den jeweils Anderen, eine Black-Box beschriftet mit zuerkannten Geschichten, dabei betrachten, wie sie/er den Horizont der Möglichkeiten in eine individuelle Spur transformiert, die idealerweise mit unseren Erwartungen konform verläuft. Als Verstoßene können wir hierbei ebenso das harmonische, selbst-geschlossene Schwingen in Mustern der Routine verzeichnen, wie eben auch das Schillern dieser Identität, wenn sie in Situationen eintritt, die aus unserer Warte betrachtet für den Handelnden neu zu sein scheinen. Vor allem in diesen Situationen leuchtet oben genanntes „Gerüst“ der subjektiven Wahrnehmung auf, tritt es verantwortungsvoll in Szene, um sich vor eine Übersetzungssituation von Unbekanntem in Bekanntes zu beweisen.

Und so ist es schließlich auch dieses Milieu, das wohl maßgeblich die Funktionalität sprachlicher Bezeichnung fundiert. Unter anderem scheint es so, dass im berührungsvoll distanzierten Wechselspiel die jeweils ausgehärteten Muster/Identitäten unserer individuellen Semantik sich nunmehr als kontingent, als ungewiss abzeichnen können. Wenn Akteure unserer Welt sich auf eine Art und Weise über Identitäten (unserer Welt) fortsetzen, die nicht vorhergesehen war, wenn also Mustern von uns neue oder abweichende Begegnungswege aufgespielt werden sollen, dann kann Sprache helfen – zumeist weniger um eine verlorene Einheit wiederherzustellen, als vielmehr um eine entkoppelt-differenzierte Vielheit in der Einheit zu etablieren: es gibt dann mehr Durchgangswege über das scheinbar (physiologisch) Selbe. Hier kommt nun etwas ins Spiel, was später für die Diskussion der wissenschaftlichen Beschreibungsweisen essentiell werden wird: Identitäten können mit Bedeutungsdimensionen – d.h. mit Möglichkeiten der Akteurs-Fortsetzung über diese Identität – bespielt werden. Umso mehr unterschiedliche Akteurs-Zugänge zu der jeweiligen Stabilität vorliegen und je besser die Voraussetzungen dafür sind, dass jene Akteure sich über eben diese Austauschen, umso wahrscheinlicher wird diese Art der Vieldimensionalität.

Über die Zeit entstehen so (in der je individuellen Semantik) Systeme von Pfaden, differenzierte Verbindungsgeschichten einzelner Identitäten (die ihrerseits Verbindungsgeschichten darstellen), die eben diese bei ausreichender Stabilität immer weiter schärfen: Man bewegt sich mit situativ einbringbaren Mitteln von semantischem Ankerpunkt zu semantischem Ankerpunkt, welche sich bei jeder ähnlichen Begehungsbahn, bildlich gesprochen orthogonal zur Bewegungsrichtung, schärfen gegenüber der Kulisse die an ihnen vorbeigestrichen ist: Nicht wahrgenommene Anschlüsse, andere Pfadoptionen etc. Identitäten schälen sich in diesem Sinne als Adressen von Möglichkeiten – als Möglichkeitsraum – heraus.

Im Kontext dieser Definition verschiebt sich mitunter auch der Blick auf Begriffe wie Ursache und Wirkung. Wer sie im Mund führt, gibt – vollkommen unabhängig von irgendwelchen Wahrheitsansprüchen – (lediglich) eine Auskunft über einen möglichen Pfad zwischen Identitäten, der wiederum begehbar ist durch eine spezifische Identität. Das ist, vor allem im Hinblick auf oben geschilderten Sachverhalt der fremdartigen Vertrautheit menschlicher Akteure, eine famos aufregende Angelegenheit: Der/die jeweils Erklärende muss nunmehr versuchen eine kommunikative Überführungsregel zwischen Identitäten zu kreieren, wobei schlussendlich nicht die Identitäten in der Betrachtungsebene selbst ineinander übergehen sollen, sondern (und hier liegt das besondere Spannungsmoment dieser Angelegenheit) es gilt eine virtuelle, approximierte Agentenschaft des vermuteten Anderen von einer pfadverorteten Situation in die andere zu überführen; und zwar idealerweise so, dass die eigene Welt heil bleibt.

Zur Verbildlichung des Gesagten stelle man sich eine Landkarte vor. All die dort vorgefundenen Eintragungen folgen exakt den oben geschilderten Prinzipien: Erlebte problembezügliche (Ursache und Wirkung) Begehungsweisen werden für einen unterstellten Anderen (ein Schiff/Kapitänin kann/muss andere Wege nehmen als ein Fahrradfahrer) so aufbereitet, dass dieser entsprechend der eigenen Verbindungsthese von einer zur anderen Identität wechseln – von der einen in die andere Situation übergehen – kann. Eine Karte ist in diesem Sinne kulturell geronnener Erklärungserfolg. Sowohl die Annahmen über die Identität des Begehenden, wie auch die Annahmen über die Identitäten, die es zu verbinden gilt, scheinen stabil – und nur deswegen kann schließlich auch eine nachhaltige irritationslose Überführungsregel (sie wird in diesem Sinne selbst zu einer Identität) erzeugt werden.

Folgt man dem Philosophen und Kommunikationswissenschaftler Siegfried Schmidt, dann gehen Wissenschaftler mit „kommunikativ stabilisierten Beschreibungen oder Unterscheidungen, d.h. mit sozio-kulturell geprägtem Wissen über Umwelt um.“ Empirisches Forschen verortet er daran anschließend „als Herstellung logischer, pragmatischer und sozialer Stabilitäten mit denen Wissenschaftler wie mit unabhängigen Gegenständen kommunikativ umgehen.“3

Was können wir nach dem bisher Gesagten bezüglich den Bedingungen der Erzeugung und Unterhaltung der hier erwähnten wissenschaftlichen Stabilitäten (bzw. im Text: Identitäten) folgern? Wir hatten zuvor Identitäten als Möglichkeitsadresse charakterisiert. Wissenschaftliches Arbeiten strebt nun im Allgemeinen danach, einerseits die Anzahl der Möglichkeiten an Bedeutungs- d.h. Durchgangsdimensionen auf eine Einzige zu reduzieren und andererseits eben diese Durchgangsmöglichkeit hyperstabil zu platzieren und zu halten: Sie möchte im Prinzip ihre Identitäten abschaffen, sie von einer anstrengend zu thematisierenden Möglichkeit in eine reibungslose Sicherheit verwandeln. Damit dies theoretisch gelingen kann, müssten mindestens zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens muss das Ereignis langfristig stabil im „Sinn“ der Forschung ausfallen können, was maßgeblich auf eine zu notwendigen Teilen künstlich erzeugte Invarianz der ereignisspezifischen Eingangsreize verweist. Zweitens dürfen im Wahrnehmungsfeld einer Forschungsgruppe nicht viele voneinander abweichende Möglichkeitsadressen bezüglich eines Untersuchungsgegenstands anfallen.

Diese Voraussetzungen kommen den meisten Naturwissenschaften nun insofern entgegen, als dass sie einen Großteil ihrer (Forschungs-) Identitäten nur noch über hochtechnisierte und -formalisierte Praktiken erreichen kann. Sie tritt nicht mehr mit unscharfen Sinnen und assoziativen Dimensionen an die Welt heran, sondern hält gewissermaßen kleine, verrechenbare Leerstellen in den Kosmos, in dem sich nunmehr sammeln mag was passt. Dies soll nicht abwertend verstanden werden – schlussendlich halten wir alle unsere Möglichkeits- und Erwartungsfilter in den Fluss der Ereignisse, um zu sehen, was sich darin anreichert. Wichtig ist mir vielmehr die Eigenart naturwissenschaftlicher Welterzeugung herauszuarbeiten: Ihre Identitäten sind einerseits qua Erhebungsmethoden bereits (relativ) scharf umrissen und formell anschlussförmig und andererseits, aufgrund der Komplexität des Zugangs zu diesen Identitäten, nur durch wenige unterschiedliche Zugangs-/Durchgangsweisen bestimmt: Wir haben es bezüglich dieser Identitäten nicht mehr mit Räumen von Möglichkeiten, sondern mit Partikeln-mit-Möglichkeit zu tun. Gehen wir auf das Kartenbeispiel zurück, dann können wir erkennen, warum es unter diesen Bedingungen möglich sein kann, stabile und präzise formelle Überführungsregeln zu schreiben. Die Wissenschaftlerin, die den Kollegen den Weg von einem Datenpunkt zum nächsten weisen möchte, kann sich darauf verlassen, dass diese die nahezu gleiche Zugangsgeschichte zu der jeweiligen Identität mit ihr teilen – und sie kann dabei auf ein Material zurückgreifen, dass ihr bereits durch die vorgeschaltete Möglichkeit der Beobachtung in einer invarianten, dimensionsarmen und verrechenbaren Form zubereitet wurde. In einem solchen wissenschaftlichen Kontext ist eine hochformalisierte Beschreibungssprache also nicht nur möglich, sondern auch, so meine These, äußerst wertvoll: Je härter, straffer das Resonanzfell des naturwissenschaftlichen Sinnes gespannt ist, umso besser kann es bereits kleine ein-dimensionale Abweichungen erfassen und zum Problem für ihre gesamte Epistemologie machen. (Dass in der Praxis, zur Abfederung des hier genannten Effekts, häufig mit Hilfshypothesen, Reparaturalgorithmen etc. gearbeitet wird (vgl. u. a. die Wissenschaftstheorie von Imre Lakatos) lässt m. E. diese Annahme unberührt.)

Nun ist meine Vermutung, dass diese Annahmen nicht oder nur bedingt für die Geisteswissenschaften gelten. Anders als die Naturwissenschaften müssen diese mit Identitäten hantieren, die Ursprung und Anwendungsbereich in der Vieldeutigkeit finden. Wie die Naturwissenschaften möchten auch die Geisteswissenschaften Identitäten skizzieren und Überführungsregeln schreiben, die idealerweise so stabil und irritationslos sind, dass die ursächliche Frage in Vergessenheit gerät. In Abgrenzung zu ersterer muss sie dabei jedoch mitunter Identitäten in plausible Geschichten integrieren, die sich durch beachtliche Mengen an Eigensinn auszeichnen. Dabei soll nicht impliziert sein, dass beispielsweise menschliche Akteure und/oder Systeme dieser Akteure in den Möglichkeiten ihres Seins (oder Aspekten von diesem) ewiglich unbestimmbar bleiben müssen – Eigensinn meint hier schlichtweg, dass einige dieser Identitäten ihre Funktionalität in einem Kontext entfalten (und dort erzeugt werden) der durch Unwissen gezeichnet ist. Da unser Sinn nicht alle Möglichkeiten dieser oder jener Adresse bestimmen kann, werden wir im Moment der Überraschung dazu aufgefordert Eigensinn zu unterstellen. Vernunft, Gesellschaft, Regel, Symbolik, Liebe usw. sind in diesem Sinne (sprachliche) Identitäten, die es uns erlauben Ordnungen zu erstellen und zu unterhalten obwohl und gerade weil wir gewissermaßen nicht jede Trajektorie in unserem Wahrnehmungsfeld vorhersagen und bestimmen können. Zu jeder Zeit widerfahren uns Dinge von denen wir nicht genau wissen woher sie kommen und wohin sie gehen – weder haben wir in unserer alltäglichen Praxis die Ressourcen noch die Fähigkeiten um diese Durchgangsgeschichten in Gewissheiten zu verwandeln. Wenn es weiter gehen soll, wenn wir Räume konstruieren wollen in denen die Welt aus Richtungen kommt und in Richtungen geht, dann brauchen wir diese Identitäten, die das nicht vollkommen Unerwartete integrieren können; dann brauchen wir Begriffe, die mit einer Vielzahl an Bedeutungs- und Durchgangsgeschichten beschichtet werden können ohne dass dabei ihre Anschlussfähigkeit in der Kommunikation entfällt.

Wenn eine Landkarte punktförmige, ein-dimensionale Identitäten miteinander verbindet, dann müssten die Geisteswissenschaft demgegenüber Karten schaffen, in denen sie Möglichkeitsräume (z. B. den Leser, das Publikum) von Möglichkeits- zu Möglichkeitsraum führt, ohne dass in diesen Konstellationen Irritationen auftreten, die schließlich einen neuen Kartenentwurf notwendig machen würden. Selbstverständlich kann sie, in ihrer Sehnsucht nach mathematischer Präzision, diese Welten engführen, in dem sie immer kleinere (im Sinne der Anzahl der betrachteten Dimensionen der behandelten Identitäten) und immer formellere Untersuchungsvorhaben entwirft. Im Zuge dessen erstellt sie einen deskriptiven Screenshot ihrer Wirklichkeit nach dem anderen – je kleiner der Bildausschnitt, umso weniger flimmern die Ränder der somit fixierten Identitäten. Es ist jedoch ein Irrtum, wenn man hofft, dass man sich durch institutionelle Formen, durch die legitimierende und schein-objektivierende Kraft von Zahlen und Methoden von der Verantwortung für einen Inhalt freisprechen könnte: Selbstverständlich unterliegt auch diesen scheinbar geschichtslosen Bildern (Screenshots) eine Geschichte – ein semantisches Gerüst, dass Identitäten zu Identitäten verknüpft. Wer sich nicht um den vagen Sinn kümmern möchte, der riskiert, dass er eben auf dieser Ebene Kompetenzen einbüßt – und er riskiert, dass sich dann eben andere gesellschaftliche Akteure um den Sinn der Bilder kümmern, dass diese ihre je eigenen Geschichten mit nicht-widerständigen wissenschaftlichen Datenhäufchen anreichern – und dabei Sinn unterlegen, der womöglich vom Fotografen damals überhaupt nicht intendiert war.

Die Präzision der Vieldeutigkeit meint eben nicht eine vollkommene Willkür bei der Bildung der eigenen Aussagen. Sie trägt vielmehr der Tatsache Rechnung, dass die Geisteswissenschaften mit Möglichkeitsräumen hantieren müssen – und dass sie, wenn sie sich ausschließlich auf enge wie strenge Formen verlassen, entweder richtungslose Fragmente in den Diskurs werfen, und/oder, wenn sie sich dazu hinreißen lassen mit einer eindimensionalen erzeugten Welt schließlich die Wirklichkeit repräsentieren zu wollen, mit diesen Fragmenten lineare Verweise an Stellen erzeugen, wo eben diese keine Adäquatheit – wie auch keine Präzision – anbieten können. Ich plädiere entsprechend dafür, dass wir das gefasste Vage nicht per se als ein Hindernis oder als eine Schwäche von Beschreibungen klassifizieren, sondern dass wir (auch institutionell) wieder mehr mit dem Mehrdimensionalen zu arbeiten lernen. Wir müssen wieder mehr nach Außenseiten von Beschreibungen fragen; die „Wirklichkeit“ wieder verstärkt als ein emergentes Phänomen zwischen Texten und Zeilen betrachten; poetische Formen des Ausdrucks nicht als prinzipielle Schwäche von Beschreibungen aburteilen. Die Essenz dieses Aufsatzes ist damit nicht eine Ablehnung strenger quantitativer und qualitativer Methoden oder formalistischer Beschreibungssprachen im Kontext sozialer Phänomene, sondern ein Appell für eine Wissenschaft, die sich vermehrt bewusst macht, dass weite Teile ihrer Identitäten ihre Funktionalität einer gefassten Unschärfe verdanken – und dass in diesem Kontext die Entwicklung einer präzisen wie auch abgleichbaren/falsifizierbaren Aussage jeden Einzelnen in die Pflicht nimmt, eine konsistente und komplexe Adresse zu entwickeln. Eine Adresse, die wiederum nur entwickelt werden kann, wenn wir uns, jeder für sich, den Abgründen neben den Formen aussetzen.


  1. Vgl. Harrison White, Identity and Control – A Structural Theory of Social Action (Princeton, 1992), 6. (Übersetzung des Autors).
  2. Olaf Breidbach, Das Anschauliche oder über die Anschauung von Welt (Wien, 2000), 22.
  3. Siegfried J. Schmidt, Kognitive Autonomie und Soziale Orientierung (Münster, 2003), 44f.

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