Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Logik, Moral und Welten
fatum 2 | , S. 75
Inhalt

Chronos und die Schildkröte

Es ist Mittag, irgendwo in Raum und Zeit. Über eine Rennbahn schlendert eine Schildkröte, die im Wind flatternde Fahne am Ende der Bahn fest im Blick. Die Sonne steht direkt im Zenit und prallt der Schildkröte mit voller Kraft auf den Rückenpanzer. Müsste sie nicht dringend zu ihrer Verabredung, wäre die Schildkröte bei dieser Hitze auch niemals aus dem Haus gegangen und sie spielt schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken im Schatten ein Päuschen einzulegen.

1. Akt

Szene: Schildkröte in der Mittagshitze auf der Rennbahn. Plötzlich knallt es und ein sich verdattert umschauendes Männchen erscheint.

Schildkröte: Willkommen!

Verdattertes Männchen: Oha!

Schildkröte: Wie war die Reise?

Verdattertes Männchen: Ich… ähm… guten Tag! Wo bin ich denn hier gelandet?

Schildkröte: Wir sind auf der Rennbahn, es ist Mittag und heiß - schön nicht mehr allein hier entlang zu schlendern! Mein Name ist Schildkröte - hätten Sie möglicherweise auch die Freundlichkeit, sich vorzustellen?

Verdattertes Männchen: Ich… Rennbahn? Unglaublich! Wann? Wo? Oh entschuldigen Sie, mein Name ist Chronos, ich bin Erfinder! Meine Mission ist in der Zeit zu reisen! So sagen Sie mir, werte Schildkröte, wohin bin ich gereist?

Schildkröte: Die Rennbahn überdauert Zeit und Welt, doch ich kann Ihnen sagen, verehrter Herr Chronos, dass Ihre Mission erfolgreich war! Willkommen in der Zukunft!

Chronos (aufgeregt, beinah ekstatisch): Ich bin in die Zukunft gereist! Nein, Herr Schildkröte, ich wünschte, ich könnte Sie umarmen! Wenn ich das meiner lieben Frau erzähle! Sie hat immer über mich gelacht! Und nun bin ich hier! Danke, Sie glückbringender Mensch – äh… Tier…

Schildkröte: Soso, Ihrer Frau wollen Sie berichten! Wie schön. Wird Sie also auch kommen? Ich freue mich sie kennenzulernen!

Chronos: Neinneinnein, meine Frau hat für Zeitreisen nichts übrig… (verzieht gekränkt das Gesicht) Aber wenn ich nur einmal zurück sein werde!

Schildkröte: Wenn Sie nur einmal zurück gereist gewesen worden sein! Wie haben Sie sich das denn vorgestellt?

Chronos: Nun ja, ich… (blickt sich suchend um) Also… gute Frage, werte Schildkröte! Ich bin sicher, hier in der Zukunft gibt es irgendwo eine ausgefeilte Zeitreiseinfrastruktur! (schaut sich suchend um)

Schildkröte: Und deren Bauplan wollen Sie am liebsten gleich in die Vergangenheit mitnehmen, damit Sie schon vor Jahren soweit gewesen wären, zu mir auf die Rennbahn zu reisen?

Chronos (mit leuchtenden Augen): Ganz genau, das wäre hervorragend! Wie viel wir voneinander lernen hätten können! Dann hätte ich gar nicht diese doch etwas schmerzhafte laute Reise gerade eben getätigt, sondern wäre mit modernster visionärer Technologie angereist!

Schildkröte (schmunzelnd): Soso, dann hätten Sie diese Reise gar nicht getätigt? Und hätten einfach geträumt, in dieser jetzigen Zukunft die Zeitreisetechnologie für die Vergangenheit abzuschauen?

Chronos (verwirrt): Hm. Nun ja. Gute Frage. (denkt ein Weilchen nach) Und stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn ich in meine Kindheit zurückgereist wäre, und mich versehentlich vor eine Kutsche gestoßen hätte! Dann… wäre ich ja gestorben, bevor ich für meinen eigenen Tod verantwortlich gewesen wäre! (wird blass) Mir wird schwindlig werte Schildkröte… Ich…

Schildkröte: Herr Chronos, beruhigen Sie sich, niemand wird hier vor die Kutsche gestoßen! Sie..

Chronos (unterbricht die Schildkröte): Neinnein, darum geht es nicht – verstehen Sie denn nicht – in die Vergangenheit zu reisen ist ein einziger großer logischer Widerspruch! Man schriebe Geschichte, bevor Geschichte geschrieben worden wäre! Alles dreht sich in meinem Kopf – Widerspruch jagt Widerspruch! Ich werde für immer hier sein, denn ganz ungeachtet der technischen Schwierigkeiten ist es logisch völlig unmöglich, in die Vergangenheit zu reisen!

2. Akt

Szene: Schildkröte und Chronos schwindelnd in der Mittagshitze auf der Rennbahn, die Schildkröte nimmt Chronos mitfühlend an der Hand. Lärm dröhnt aus dem Hintergrund und wird immer lauter. Es knallt, und plötzlich erscheint ein in knalligem gelbgrün angestrichenes Gefährt. Ein älteres Männchen klettert hinaus.

Schildkröte: Guten Tag!

Chronos (verdattert): Oha!

Männchen: Guten Tag, verehrte Schildkröte, verehrter Chronos, welch eine Freude Sie beide hier zu sehen!

Chronos: Oha! Woher kennen Sie mich?

Männchen: Aber Chronos, erkennst Du mich nicht? Ich bin es, Chronos!

Chronos auf der Rennbahn: Oha. Oha?

Chronos aus dem gelbgrünen Gefährt: Mein lieber Chronos, sei nicht bestürzt – Du weißt doch am besten, dass Existenz vierdimensional ist! Wir treffen uns am selben Ort, auf dieser schönen sonnigen Rennbahn, doch die Zeiten aus denen wir kommen sind verschiedene! Sieh nur meine fortschrittliche Zeitmaschine! Es wird noch Jahre dauern, bis diese erfunden sein wird!

Schildkröte (amüsiert): Ein wahrer Rolls Royce unter den Zeitmaschinen!

Chronos auf der Rennbahn: Oha. Du kommst aus der Zukunft?! Nun denn, willkommen, Bruder! Freund! Ich! (runzelt verwirrt die Stirn) Aber erklär mir, lieber Chronos, wie kann es überhaupt sein, dass Du hier bist? Gerade eben habe ich mich überzeugt, dass eine Reise in die Vergangenheit unmöglich ist!

Chronos aus der Zeitmaschine (rollt mit den Augen): Chronos, Du siehst doch, die Zeitmaschine, ist das denn so schwer? Ich bin in ein paar Jahrzehnten eingestiegen und steige nun wieder aus. Aber nun hör mir zu – Deine Zukunft ist nicht rosig, mit der Welt geht es bergab! Falsche Entscheidungen wechseln sich mit unglücklichen Umständen ab, und niemand wird zum rechten Zeitpunkt eingegriffen haben. Und deshalb bin ich hier! Ich habe einen ausgefeilten Plan, der mich in die Geschichte eingreifen lässt und so alles zum Guten wenden wird! Ich werde das Unheil verhindert haben werden!

Chronos auf der Rennbahn: Du bist also wirklich in der Zeit zurück gereist? Und willst nun auch noch Geschichte umschreiben? Paradox!

Chronos aus der Zeitmaschine: Was ist daran denn paradox? Das ist das einzig Sinnvolle! Nur mit Hilfe meiner Zeitreise wird die Welt gerettet werden können, deswegen muss ich es tun!

Schildkröte: Wieso führt Können zu Müssen? Hast Du Dich schon mal gefragt, ob Du es überhaupt darfst? Ist es nicht sehr eigensinnig, den Verlauf der ganzen Welt zu verändern, nur damit es der Welt in Deiner Zeit besser geht?

Chronos aus der Zeitmaschine: Also wirklich, liebe Schildkröte, es geht doch nicht nur um mich. In 30 Jahren wird ein Experiment fürchterlich daneben gehen und alle auf der Welt haben dann darunter zu leiden. Jetzt und hier kann ich es ändern und allen das Leid ersparen!

Chronos auf der Rennbahn: Aber wenn Du dieses Experiment verhinderst, was tust Du dann als Nächstes? Ständig geht auf der Welt irgendetwas schief. Willst Du das alles verhindern? Darf ich dann gar keine Erfindungen mehr machen, die nicht funktionieren? Wie soll ich denn dann lernen? Aber zurück zur viel wichtigeren Frage: Wie konntest Du in der Zeit zurückreisen? Du musst es mir dringend erklären, sonst werde ich meiner… äh… unserer Frau nie von meinem geglückten Experiment erzählen können.

3. Akt

Szene: Schildkröte, Chronos und Chronos bemerken Flimmern in der Luft. Ein weiteres Männchen erscheint.

Schildkröte: Dieser Nachmittag wird immer interessanter! Wer sind denn Sie, werter Herr?

Männchen: Das sollte nun nicht mehr allzu schwer zu erraten sein, werte Schildkröte. Mein Name ist Chronos.

Chronos aus der Zeitmaschine: Wo kommst Du denn auf einmal her? Und wie bist Du hierher gereist?

Chronos auf der Rennbahn: Sicherlich nicht aus der Zukunft, das ist nämlich unmöglich!

Männchen: Das ist in der Tat richtig, lieber Chronos, Zeitreisen in die Vergangenheit sollten in unserem Universum nicht möglich sein. Ich komme aus einer Parallelwelt.

Schildkröte: Eine Parallelwelt? Gibt es mich etwa doppelt?

Chronos aus der Zeitmaschine: Was heißt denn „sollten nicht möglich sein“? Ich bin doch hier.

Chronos aus der Parallelwelt: Ja, und genau das ist das Problem! Es gibt Sie nicht nur doppelt, werte Schildkröte, sondern nahezu unendlich oft! Wann immer jemand in der Zeit zurückreist und irgendetwas verändert – und das passiert jedes Mal – schafft er damit eine neue Parallelwelt. Und aus jeder Parallelwelt, in der in die Vergangenheit gereist wird, entstehen wieder neue Parallelwelten. Wir verlieren völlig den Überblick.

Schildkröte: Ich würde mich gerne in einer der Parallelwelten treffen. Das würde sicher ein sehr interessantes Gespräch werden!

Chronos auf der Rennbahn: Und wieso bist Du aus einer Parallelwelt in diese Welt gekommen? Was möchtest Du hier denn erreichen?

Chronos aus der Parallelwelt: Wir müssen das Zeitreisen stoppen. Aber in meiner Welt können wir nicht in der Zeit zurück reisen, wir können nur zwischen den Welten reisen. Deswegen musste ich jemanden finden, den ich von der Notwendigkeit überzeugen kann. Und wer ist dafür besser geeignet als ich selbst?

Chronos aus der Zeitmaschine: Du meinst wohl mich? Vielleicht ist Deine Idee gar nicht so schlecht. Ich habe darüber nachgedacht, was Chronos vorhin gesagt hat. Zeitreisen ist eine großartige Möglichkeit, um alle Fehler ungeschehen zu machen und einen völlig ungestörten Fortgang der Geschichte zu garantieren. Aber mein Leben war immer am interessantesten, wenn etwas nicht nach Plan gelaufen ist.

Schildkröte: Das kann ich nur bestätigen. Meine Verabredung für heute Nachmittag wäre sicherlich nicht so spannend gewesen wie dieses Gespräch hier.

Chronos aus der Parallelwelt: Also wirst Du es tun, Chronos?

Epilog

Auf einmal sind alle Chronosse verschwunden und die Schildkröte steht wieder alleine auf der Rennbahn. Die Sonne steht direkt im Zenit und prallt der Schildkröte mit voller Kraft auf den Rückenpanzer. Die Schildkröte hält einen Moment inne, lächelt in sich hinein und macht sich wieder auf den Weg durch Raum und Zeit.


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