Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Logik, Moral und Welten
fatum 2 | , S. 56
Inhalt

Welche Rolle spielt die Ethik im Alltag?

Liebe Philosophen, bitte schweigt worüber ihr nicht reden könnt…

…oder steht zur politischen Dimension eurer Gedanken! — Antwort von Max Roßmann

Immanuel Kant fasst die großen Fragen der Philosophie folgendermaßen zusammen:

  1. Was kann ich wissen?
  2. Was soll ich tun?
  3. Was darf ich hoffen?

Gerade in Zeiten großer Unsicherheit stellt sich immer häufiger die Frage „Was soll ich tun?“. Mangels großer Propheten wird die Antwort dann oft voreilig in der Philosophie gesucht, die sich das schließlich zur Aufgabe gesetzt hat. Das Fundament wird dabei sowohl fachlich als auch theoretisch nur sporadisch hinterfragt. Die anhaltende Euphorie über Ethikkommissionen und Lebenshilfen gegen Burnout lassen mich nun Kants erste Frage mit Wittgensteins bekanntestem Statement beantworten: „Liebe Philosophen, bitte schweigt worüber ihr nicht reden könnt“1! Was gut ist für die Allgemeinheit und für Jedermann könnt ihr nicht wissen. In vielen Fällen fehlt euch nicht nur das Hintergrundwissen, um praktisch nützliche Hinweise zu geben und an einem Dialog mit anderen Disziplinen und Ansichten sinnvoll teilzunehmen, sondern auch die Bescheidenheit, dies zuzugeben.

„Doch ich muss reden, auch wenn ich schweigen soll!“ entgegnet die Hamburger Indieband Tocotronic. Um das Schweigen zu brechen und Wittgensteins zweite linguistische Wende zu vollziehen, sei auf eine Verbindung von Kants ersten beiden Fragen hingewiesen. Ziel sei es, Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, indem man einen Schritt hinter die Fragen zurücktritt: „Der Philosoph behandelt eine Frage; wie eine Krankheit“.2 Um die Symptome der Krankheit zu deuten, fragt Wittgenstein nach der Bedeutung eines Satzes im sprachlichen Gebrauch. Begriffe erhalten ihre Bedeutung in ihrer eigenen Verwendungsgeschichte innerhalb verschiedener lebendiger Kulturen, Subkulturen und Traditionen. Wie wir die Frage „Bist du krank?“ verstehen, unterscheidet sich je nach dem Kontext, in dem gefragt wird. Der Kontext schafft damit auch die Verbindung zur Soziologie: Wie wir die Fragen, Antworten und Aussagen verstehen, hängt von der bis dorthin geschehenen Kommunikation ab.

Kommunikation beschränkt sich nicht nur auf Worte, sondern umfasst auch die Deutung von Betonung, Gesten, Kleidung und dem Auftreten. Wir fassen unsere Erfahrung in den Rollen, wie der eines Wissenschaftlers, Kellners, Demonstranten oder Hippies zusammen und rufen diese Schemata zur Deutung im Gesprächsverlauf ab. Entgegen aller Etikette und Höflichkeit – ist das nicht der eigentliche Grund, warum wir wissen wollen, mit wem wir es zu tun haben? In Gesprächen mit Studenten interessiert uns das Studienfach, bei Rentnern das Hobby und wenn mal jemand arbeitet, die Branche, die Firma oder sogar das Gehalt. Bemühungen diesen Fragen unbeschadet auszuweichen sind nahezu unmöglich. Bei einer Frage zu vegetarischer Ernährung kategorisieren wir die Antwort eines Hippies anders als die einer Wurstfachverkäuferin oder Ökotrophologin. Einem Philosophen wird in industriellen Kontexten zugeschrieben, dass er sich nur mit Unsinn beschäftige und später mal Taxi fahre. In anderen Kontexten nimmt man an, dass er auf Grund unbeschreiblicher Weisheit Antworten kenne zu Fragen, von denen er keine Ahnung hat.

Die Aussagen von Experten beruhen häufig auf Spekulation, Halbwissen und Gerüchten, behauptet Paul Feyerabend – seines Zeichens Experte für die Anarchie in der Wissenschaft. Konkrete und aktuelle Fragen betreffen meist gemäß ihrer Natur einen Forschungsstand, der noch nicht durch das Peer Review einer Scientific Community abgesichert ist. Eine bessere und unabhängige Wahrheit scheint es nicht zu geben. Fakten und Annahmen werden interpretiert. Selten sind sich die Experten einig. Trotzdem wird ihnen vertraut. Mit ein paar Fachbegriffen und Hang zum Schauspiel übt sich schnell was Thomas Mann als wichtigste Lehre seiner kurzen Universitätslaufbahn bezeichnete: Fachwissen gekonnt vortäuschen. So wird ein Jeder zum Experten oder Philosophen.

Pragmatisch betrachtet macht eine gute Theorie etwas Brauchbares sichtbar. Sie zeigt ähnlich einer Brille Klarheit aus verschwommener Unschärfe. Sie zeigt erfolgversprechende Möglichkeiten auf, ohne Garant für eine hinter dem Licht stehende Wahrheit zu sein.

Bei Star Wars ist Macht das Medium der Jedi Ritter, in der Theorie Niklas Luhmanns das Medium der Politik. In beiden Fällen beschreibt Macht die Möglichkeit, andere zu beeinflussen. Wenn Experten und Philosophen unser Handeln durch öffentliche Statements beeinflussen, handeln sie politisch. Ihre Urteile bleiben nicht gemäß den Idealen der Wissenschaft neutral im öffentlichen Raum stehen. Die Anerkennung ihrer Ausbildung, ihres Sprachstils, ihrer Theorien sowie die rechtliche Bindung von Gutachten in Entscheidungsstrukturen geben den Experten Macht. Macht über die Zumutung von Stromtrassen, Umweltschäden und Armut sowie sexueller und religiöser Freiheiten und Belästigung. Experten schreiben diese Spielregeln mit. Sie bestimmen die Anforderungen eines Arguments nach ihren eigenen Vorstellungen von Rationalität. Der Nutzen von Fachwissen, Theorie und Forschungsmethodik soll nicht unterschlagen werden, aber Mitreden wird schnell unmöglich, wenn man nicht genau die gleichen Bücher gelesen hat wie die Experten. Hat man deshalb kein Gefühl und keine berechtigte Meinung? Auch religiöse Argumente verlieren in einer säkularen Fachsprache ihre Schlagkraft und Bedeutung. Die Gelehrten zwingen in ihrer Fachsprache schnell zu Einsicht. Ihre Werte und Moralvorstellungen spielen dabei eine große Rolle – ohne dass dies hinreichend reflektiert oder kommuniziert wird.

Gemeinschaft fordert den Willen zu Verständigung und eine verständliche Sprache, die nicht a priori andere ausschließt. Eine Sprache, die auch vor Bildern, Erzählungen und Mythen nicht zurückschreckt. Gerade in einer Demokratie genügt es nicht, blind dem besten Redner hinterherzulaufen oder vor vermeintlicher Komplexität zu resignieren. Philosophie und Wissenschaft sind politisch, wenn sie den Anspruch erheben zu wissen, was richtig ist und was richtig ist für wahr zu halten. Philosophieren, Bescheid zu wissen und zu argumentieren, ohne dabei für seine eigene Meinung einzutreten, ist ein Spiel der Geselligkeit – aber ist das all unser Anspruch? Der faktische Geltungsanspruch auf Richtigkeit hingegen ist ein politisches Statement. Er ist Angriff und macht verletzlich. Und er ist wichtig: Liebe Philosophen, bitte schweigt worüber ihr nicht reden könnt, oder steht zu der politischen Dimension eurer Gedanken. Aber schweigt nicht! Engagiert euch gegen Isolation und Intoleranz! Man sucht sich seine Einstellung und Werte nicht aus, sondern wird zunächst hineingeboren, bzw. hineinsozialisiert. Wenn „die da Oben“ im „Rauch über Frankfurt“ nicht auch das Ergebnis der Hilflosigkeit der Ärmeren gegenüber ihrer Politik sehen lernen, findet nie Austausch statt. Und auch die letzten Demonstranten müssen lernen, dass Gewalt gegen Menschen für politisch erfolgreiche Argumentationen kein akzeptierter und kein akzeptabler Sprachstil ist. Doch bereits diese sprachliche Unterscheidung in der Form „arm/reich“ anstelle von Nationen und Mentalitäten strukturiert einen Konflikt auf seine Weise. Eine Ethik im Alltag könnte diese moralische Dimension mit ihren politischen Folgen reflektieren. Philosophieren heißt sich Bewusstwerden über die Möglichkeiten, die Welt zu betrachten, und dessen Folgen.

Zwischen Determination und existenzialistischer Selbstbestimmung steht die Hoffnung: Man kann hoffen, dass Menschen die Gelegenheit bekommen, Fehler zu machen und über ihre Einstellungen und Fehler zu reflektieren; dass Menschen weiterhin im Sinne ihrer Selbstachtung versuchen sich gegenseitig und nicht nur sich selbst zu bereichern; dass ihr Einfühlungsvermögen ihnen dazu Gelegenheit gibt, den anderen seinen Bedürfnissen und Gefühlen entsprechend zu behandeln – so dass dieses Bemühen eine allgemeine Maxime werden könne und auch Herr Kant irgendwie glücklich wird. Doch „pure Vernunft darf niemals siegen“!

Literatur

Erving Goffman, Wir alle spielen Theater.

Karl Paul Feyerabend, Erkenntnis für freie Menschen.

Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation.

Michael Ende, Momo.


  1. L. Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, § 6.5.3.
  2. L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, § 255.

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