Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Dialog
fatum 5 | , S. 18
Inhalt

vom wahren glauben oder vom schuldigen sprechen

Die neuzeitliche Gesellschaft lebt in einer eigentümlichen Beziehung zu der Wahrheit bzw. den mannigfaltigen Wahrheiten, die so unerlässlich sind für ihr Funktionieren. Von ihrer Beziehung zur Wahrheit und der Art und Weise, wie sie selbst den Glauben an die Wahrheit zugleich gefährdet und reproduziert, davon soll im Folgenden die Rede sein.

Die Eigenart, sich selbst, in Abgrenzung zu Vorfahren und Zeitgenossen, als Vertreter des Rechten und Wahrhaftigen zu verstehen, ist eine menschlich-allzumenschliche Eigenschaft. So hat bereits Platon im Sophistes die Einfalt der Vorsokratiker und ihre Neigung bemängelt, die alten Mythen für bare Münze zu halten. Die griechische Antike markiert aber nun zugleich eine Phase, in der diese ursprünglich im Privaten (das Individuum, die Gruppe) konzentrierte Geisteshaltung in einen öffentlichen Raum überzugreifen beginnt. Spätestens mit dem 5. Jahrhundert, als der Begriff „modern“ aufkommt, um das neugewonnene christliche Leben (in der Wahrheit) vom heidnischen Zustand (im Falschen) der Vorfahren abzugrenzen, beginnt ein Prozess, der, sich zuspitzend von biblischer Heilsgeschichte zu säkularer bürgerlicher Geschichtsphilosophie, ganze Kollektivitäten in das Selbstverständnis der eigenen Wahrhaftigkeit überführt. Rationalität, Vernunft, Naturwahrheit und schließlich Objektivität sichern uns bis heute das Gefühl, (zumindest gedanklich) eine Welt zu vertreten, die jeweils den ihr vorangegangenen Kosmos voller – um hier den Blick von Aufklärung auf Absolutismus zu zitieren – Scheidewände, ungerechtfertigten Trennungen und absurden Verboten1, moralisch zu überbieten vermag.

Sicherlich gab und gibt es immer Zweifel an diesem Selbstbild. Das zeigt sich besonders mit Beginn der zweiten Hälfe des 20. Jahrhunderts. Das Aufkommen der modernen Friedens- und Umweltbewegung, Forschungen zum Neokolonialismus, das sich neu anhebende Raunen von der Asymmetrisierungstendenz des Kapitals, die Thematisierung von Risiken einer globalisierten Moderne sind reflexive Gesten einer hoch-medialisierten Zeit, deren Glaube an eine universelle Vernunft des westlichen Denkens und Handelns immer wieder Krisen durchläuft. Momente, in denen das antizipierte Leben in der Wahrheit durchbrochen wird von der Erkenntnis, dass die bisherige Existenzweise doch wieder (nur) ein System von Trennungen und Verboten, Einschlüssen und Ausschlüssen darstellt.

Betrachtet man sich diese vermeintlichen Krisen jedoch genauer, wird ersichtlich, dass auch hier nicht mit dem oben genannten Selbstverständnis der Partizipation in einem Projekt universeller Vernunft gebrochen wird. Ganz im Gegenteil. Auch hier und gerade dort werden Vorschläge gemacht, die keinen geringeren Anspruch hegen, als wiederum eine Wahrheit für alle zu sein. Naturschutz ist beispielsweise, so das Urteil, eben keine partikulare Wertsetzung, sondern etwas, was uns allesamt in unserem bedingten Menschsein betrifft.

Es deutet sich hier bereits an, dass das moderne Momentum weniger einen konkreten, zeitlich genau datierbaren Übertritt vom, wie man so schön sagt, Mythos zum Logos umfasst. Weder das 12. Jahrhundert, das „juristische Jahrhundert“, noch das 16. Jahrhundert, das allgemein als Kipppunkt zur Neuzeit betrachtet wird, noch das 18. Jahrhundert der Aufklärung markieren Schwellen, an denen wir kollektiv und faktisch in das Reich der Wahrheit eingetreten wären. Das charakteristisch Moderne scheint vielmehr eine eigentümliche Glaubens- und Vergessenstradition: der Glaube, dass das eigene Denken, vor dem Hintergrund seiner vorgestellten Historie, das nun endlich vernünftige und wahrhaftige sei, wie auch das Vergessen, dass dies bereits der Glaube unserer Vorgänger war.

Diese augenscheinliche Relativität historischer Wahrheit(ssetzung) wirft nun die Frage auf, wie und warum diese eigenartige und ideologisch verzerrte „Kultur der Wahrheit“ entstanden ist. Wie wir sehen werden, fußt die Antwort einerseits auf der spezifischen Wirklichkeit von Wahrheit, ihrem eigentümlichen Wert und Nutzen den sie den Subjekten bietet, die glauben sich in ihr zu bewegen und anderseits auf historischen Umständen, die eine komplexe Gefährdungslage für dieses erwünschte Leben in der Wahrheit mit sich brachten.

Athene, die unsterbliche wie unveränderliche Göttin der Vernunft, entstieg dem Mythos nach vollständig entwickelt und ausgereift dem Haupte ihres Vaters Zeus. Dieses sagenhafte Bild ist für das Denken der Wahrheit Programm: Sie kennt weder Anfang noch Ende, weder Werden noch Vergehen. Dem Göttlichen gleich ist sie grenzenlos, ihre Gültigkeit und Wirklichkeit kennt weder räumliche Grenz- noch Bedingungsformen. Entsprechend gilt für die Menschen, dass der, der sich zweifellos in Wahrheiten bewegt, sich hierin endlos aufgehoben fühlen darf: das Vergessen oder die situative Nichtexistenz der eigenen Person wie deren Umwelt, gehegt durch das unirritierte Funktionieren unserer jeweiligen Glaubenshaltungen.

Die Überlegenheit eines Geschlechts oder einer Nation können für manche Individuen lebenslange und gänzlich unhinterfragte Wahrheiten bleiben; in einem Maße, dass diese nicht einmal ahnen, dass es sich dabei um eine individuelle Wahrheit und also Glaubenslage handelt. Nur in der Irritation tritt Wahrheit zu Tage und ist dabei zugleich desillusioniert, von der Relativität infiziert, der sie gleichsam die Möglichkeit zu Name und Erkenntnis verdankt. Sie ist als umrissener Gegenstand in unserer Mitte insofern auch nie mehr als ein Index, ein Index für das verlorene oder avisierte Gefühl grenzenloser Aufgehobenheit, von zweifelloser Fraglosigkeit.

Damit ist sie, erkannt als eigentümlicher Index, zugleich aber auch schon sehr viel, mitunter ein Hinweis auf die individuelle und gesellschaftliche Wirkungsweise der Wahrheit. Der Umstand, dass wir uns seit Jahrhunderten mit ihrer Hilfe bemühen, auf Zustände von Aufgehobenheit und Zweifellosigkeit zu verweisen, ist ein Indikator für die eigenartige Wertigkeit eben dieser Zustände für uns. Wir können zwar nicht wissen, wenn wir in einer Wahrheit leben (da sie als Unirritierte für uns unsichtbar bleiben muss), wohl aber können wir andere, das heißt auch die eigene erinnerte und projizierte Vergangenheit, daraufhin beobachten, wie der Glaube, in der Wahrheit zu leben, sich in der Lebenspraxis auswirkt(e). Bei dieser Gelegenheit mag einem beispielsweise das Spielerische, das Entschlossene, das Selbstbewusste, das Engagierte des fraglos geglaubten Lebens in der Wahrheit auffallen. Und eben diese Elemente, wie der/die Grübelende und Zweifelnde wohl ahnt, sind es, die gewissermaßen die Wirklichkeit der Wahrheit fundieren und legitimieren: Sie ist in ihrer konkreten begrifflichen Form ein Instrument, um eine Situation herzustellen, in der der Erwartung nach wieder das Gefühl der grenzenlosen Aufgehobenheit walten, in der wieder zweifelsfrei und engagiert gedacht und gehandelt werden kann.

Ein buntes Kirchenfenster
Kirchenfenster in Köln, Quelle: Alexandar Vujadinovic, Creative Commons BY-SA 4.0

Damit ist nun bereits der Punkt erreicht, in dem von den historischen Umständen die Rede sein muss. Denn, vermutlich wenig überraschend, bedurfte und bedarf die westliche Kultur, spätestens seit dem Beginn der Renaissance mit ihren ökonomischen und explorativen Ambitionen, große Mengen dieses selbstbewussten und zweifellosen Handelns, um ihre zunehmend differenzierten und Entschlossenheit verlangenden Prozesse zu betreiben. Gleichzeitig und mit aller Dramatik sind es aber nun gerade diese historischen Umstände, die in wachsendem Maße tausendfach geglaubte Wahrheiten benötigen, die diese zugleich durch gesteigerte Irritationsmöglichkeiten in ungekanntem Maße riskieren. Wir fragten uns eingangs, wie es möglich sein kann, dass die Modernen trotz vermeintlich offensichtlicher Relativität jeder Wahrheits- also Glaubenshaltung den Mythos der eigenen und grenzenlosen Wahrheit immer wieder aktualisieren können. Betrachtet man sich die Unerlässlichkeit der Zweifellosigkeit für moderne Entwicklungen, lässt sich ahnen, wie zentral dieses Problem für die Ordnung der Gesellschaft gewesen sein muss und noch immer ist – ein Problem, das, wie nun angedeutet werden soll, letztlich nur unter Kontrolle zu bekommen war durch die Erfindung von Techniken, die helfen Wahrheiten zu produzieren und zu schützen (also von Irritationen frei zu halten).

Im Ausgang aus dem mittelalterlichen Raum mit seinen Demutsfiguren, seinem passiven Staunen, seiner Ordnung, seinen strickten Positionszuweisungen und konservativen Kapitalumgangsformen, betritt ein Denken und Handeln die Bühne, das sein Heil weniger in der Erfüllung gottgegebener Möglichkeiten als in der Veränderung der Möglichkeitsstruktur des Lebens selbst sieht: die ausgreifende, erobernde Geste als neuer Modus der Erzeugung von Ruhe und Erwartungssicherheit. Indizien dafür sind die relative Aufwertung der Vita activa (der praktischen Verwirklichung des Guten) gegenüber der Vita contemplativa (der Aufgabe der Wahrheitssicherung), die Emanzipation der kühnen und ordnungs-gefährdenden Neugier im Bereich von Handel, Reise und Forschung und die zunehmend formell abgesicherten, das heißt sozial belast- und verrechenbar gemachten Umgangsformen mit unsicheren Zukünften (zum Beispiel das Aufkommen der Wahrscheinlichkeitsrechnung).

Dieses Verlassen der Gleichgewichtslage versetzte die Menschen in eine Welt zwischen dem jeweils differenzlosen Bekannten und Unbekannten – in eine Welt, in der mannigfaltige Abweichungen und Probleme auftreten können, um ihrerseits, schwatzhaft wie sie sind, das Angebot zu formulieren, dass auch das Unbekannte angeeignet werden kann, wenn man nur ihrem Ruf in die Tiefen der Kausalität folge. Vom Allgemeinen des Aristoteles zum abweichenden Detail des Francis Bacon: das Umschlagen einer Heilsgeschichte. Für die Unternehmerischen, aus der Mittellage-Verstoßenen, wird im Raum des Halbbekannten das Neue, das Abweichende, das Kuriose und also auch Zweifel und Neugier zur erlösungsträchtigen Ressource, das heißt zum Baumaterial einer Welt, der man ihre Lokalisierung im Halbbekannten nicht mehr anmerken muss.

Das Ergebnis ist, vor allem im Hinblick auf die Aufgabe, den Glauben an die Wahrheit zu schützen und zu produzieren, mehr als brisant: Einerseits müssen die Modernen Umstände und Gefühlswerte (re-)produzieren, die ihnen den Glauben ermöglicht, in der Wahrheit und mit den Wahrheiten zu leben – es gilt Sicherheiten, Objekte und Wahrheiten zu produzieren, zu bereinigen und zu institutionalisieren sowie Unsicherheit und Zweifel zu isolieren, zu verpacken und zu glätten. Preise, Märkte, wissenschaftliche Tatsachen, Urteile, Gesetze, Identifikationsmodelle, Nachrichten, Konsumprodukte – wie sonst sollten Menschen, die in den Abgrund der Eigensinnigkeit, Blindheit und Gläubigkeit geblickt haben, jemals den Mut aufbringen, entschieden in das Halbbekannte aufzubrechen? Andererseits müssen sie permanent (und vornehmlich beim anderen) Wahrheiten dekonstruieren, um die Ressourcen für ihre eigene Welt zu gewinnen. Ein gewaltsames Spiel mit der Immanenz, ohne den Glauben an die Transzendenz (und vice versa) zu verlieren – was für ein Spektakel!

Die Lösung, mit der dieser spannungsreiche Widerspruch gesellschaftlich prozessierbar gemacht wird, hat historisch vor allem zwei Wege beschritten, die man vielleicht treffend unter der Bezeichnung der magisch-religiösen (Zeremonien, Riten, Kulte, symbolische Besetzungen) und der mechanischen (Organisationen, Normen, Theorien, Terminologien) Technik fassen könnte. Erinnern wir uns: Die geglaubte Wahrheit lebt davon, dass wir, die wir uns ihr verschrieben haben, weder eine zeitliche noch räumliche Bindung dieser Wahrheit (er-)kennen müssen. Sie ist nichts profan Geschaffenes, nichts Vergängliches, nichts Lokales, sondern etwas, was in der Grenzenlosigkeit gelagert ist. Ein Glück für die moderne Welt, dass diese gefühlte Grenzenlosigkeit – wie wir gleich am Beispiel von Politik, Jurisdiktion und Wissenschaft sehen werden – systematisch (magisch-religiös und mechanisch) erzeugt werden kann.

Grenzen werden sichtbar, wenn sie verletzt oder geschaffen werden (und damit wiederum andere Grenzen verletzen). Was der Wahrheit insofern nicht passieren darf, möchte sie nicht ihre Kraft der Zweifellosigkeit einbüßen, ist, dass ihre Träger mitbekommen, wie sie erzeugt wurde/wird oder wie sie in Situationen mit geglaubtem Gültigkeitsanspruch versagt. Für die Modernen, die im Zuge ihres expansiven Gebrauchs von erodierender Immersion und stabilisierender wie dynamisierender Transzendenz die Welt mit immer mehr Fakten, Dingen, Ordnungen und Prozessen vollgestellt haben, ist das ein gewichtiges Problem: nicht nur, weil sie in ihren komplexen Industrien, ihren technisierten Kriegen, ihren hochspezialisierten Arbeitsplätzen, an ihren Orten des Konsums tausendfache Gelegenheiten bekommen, der Wahrheit einzelner Entitäten beim Scheitern zuzuschauen, sondern auch, weil sie (auch weil ihnen die Wahrheiten dauernd wegbrechen) einen so großen Bedarf nach neuen wahrhaften Bausteinen für ihre Konstrukte und Prozesse haben, dass sie allzu leicht Gefahr laufen, zu bemerken, wie diese im großen Stil für sie überhaupt erst produziert werden.

Techniken, die eine Reaktion auf dieses Problem darstellen, sind die Institutionen der Politik, der Wissenschaft und der Jurisdiktion. Ihre Aufgabe war und ist es, Wahrheiten, die unerlässlich scheinen für das Funktionieren der neuzeitlichen Gesellschaft, gleichsam zu erschaffen und zu schützen, maßgeblich unterstützt durch magisch-rituelle Formen wie Talare, hochformalisierte Gerichtspraktiken, politische Choreographien der Macht, Auren und Embleme der Gelehrsamkeit. Bitte keine Missverständnisse: Da erkannte Wahrheit und Glaube ohnehin eine unverbrüchliche Einheit darstellen, geht es hier entsprechend auch nicht darum, die zeitgenössische Ordnung im negativen Sinne willkürlich zu denunzieren. Natürlich ist diese Ordnung willkürlich, eben gerade so, wie jede Ordnung dies sein muss. Ganz im Gegenteil ist die Absicht hier, die Rolle und Aufgabe dieser Institutionen hervorzuheben als unerlässliche Organisationsformen für die wahrheitsgierige und zugleich wahrheitszerstörerische Neuzeit. Eben da Wahrheit und Glaube unverbrüchliche Einheiten darstellen, ist es unvermeidbar, dass die Wahrheit des Gesetzes mit der Kelle von Macht und ökonomischem, sozialem Kapital geschöpft wird; eben da die Wahrheit des wissenschaftlichen Gegenstands nur die Worte eines irritierten Apparats und seiner Isolationsformen sind, ist es unvermeidbar, dass die Wahrheit der Wissenschaft idealiter nur den Ort ihrer Erzeugung gänzlich überzeugen kann; eben da die Wahrheit des juristischen Urteilsspruchs nie die analytische Unabschließbarkeit der Schuldfrage überwinden kann, ist es unvermeidbar, dass die Wahrheit der Jurisdiktion ewiglich die Signatur der Willkür tragen wird. Vielmehr sind es Experten wie diese, die für uns das Wissen um die Endlichkeit der eigenen Kreaturen und der Willkür ihrer Erzeugung ertragen – damit wir wiederum im Glauben der Wahrheit denken und handeln können.


  1. Jean Starobinski, 1789 – Die Embleme der Vernunft, (München: Wilhelm Fink Verlag, 1988), 34.

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