Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Dialog
fatum 5 | , S. 11
Inhalt

Denken als Gespräch

Der vorliegende Essay ist die Bearbeitung eines Kapitels meiner Dissertation Denken als Gespräch, Der philosophische Dialog und die Grundlagen der Dialektik*, an der Universität Innsbruck, 1961. Die Erforschung der Sprache hat aber inzwischen neue Aspekte erbracht. Die Möglichkeiten der Digitalisierung der Sprache in Computerprogrammen waren damals noch nicht so in der philosophischen Diskussion, wie es heute der Fall ist. Das Unpersönliche des automatisierten Sprechens, Schreibens und vielleicht Denkens verschärft den Gegensatz zu einer personalistischen Philosophie des Sprechens und Denkens.

Mit der Veröffentlichung meines Textes im Magazin fatum werde ich vermutlich bei Leserinnen und Lesern einigen Widerspruch provozieren. Ich sehe das allerdings von der positiven Seite, denn der Widerspruch ist ja eine Gesprächseröffnung und diese ist ganz im Sinne der vorgelegten Gedankengänge.

Im Folgenden geht es um die Frage der Dialogizität des Denkens und Sprechens. Das soll heißen: inwieweit sind Denken und Sprechen ein Ereignis der Ich-Du-Beziehung? Was bedeutet es, wenn Denken und Sprechen stets Äußerungen einer Person sind, die an eine andere Person gerichtet sind?

Nehmen wir einmal an, das konkrete Denken und Sprechen sei wesentlich an die Person gebunden, welche denkt und spricht. Dieses persönliche Subjekt bringt immer einen Entwurf des Ganzen mit, in den es das, was sich ihm in der Erkenntnis zeigt, einzuordnen versucht. Ähnliches vollzieht auch das rein logische Denken. Der Entwurf der Persönlichkeit ist vorläufig, schwebend, werdend. Das subjektive, persönliche Denken will im Gespräch bleiben weil es nur so die Beschränktheit überwinden kann, die in der Einzelerfahrung des Subjektes liegt. Das logische Denken überwindet die Beschränktheit seiner Subjektivität durch Allgemeingültigkeit und scheinbare Endgültigkeit. Diese wird in einem geschlossenen Plan des Ganzen dann erreicht, wenn die Dinge sich unter bestimmten Voraussetzungen in einen geschlossenen Begriff fügen, so z. B. im naturwissenschaftlichen Experiment. Immer jedenfalls macht das logische Denken sein Gedachtes fügsam in dem Sinn, dass es festgefügt wird.

Die Definition schneidet der werdenden Erkenntnis buchstäblich das Wort ab: was sich bis zum Zeitpunkt des Definierens dem Denken und Sprechen gezeigt hat, wird gesammelt im Begriff, was jedoch sein wird, gerät außer Sicht. Solches begriffliches Erfassen im logischen Sinn, solches Definieren ist nicht willkürlich, sondern es berücksichtigt die Gegebenheiten, nämlich das, was bereits gegeben ist. „Rück-Sicht“ ist die Charakterisierung dieses Definierens, hingegen „Vor-Schau“ die des dynamischen Entwurfs des Denkens einer Person.

Will man das Wesen der Sprache im Dialog sehen, so führt das notwendigerweise zu einer personalistischen Philosophie. Als Vertreter dieser Philosophie seien vor allem Ferdinand Ebner und Martin Buber genannt. Bei diesen Philosophen wird der Begriff der Person von der Ich-Du-Beziehung her definiert. Eine Person, die sich auf kein Du bezieht und zu der kein Du eine Beziehung aufnimmt, wird als Monade** betrachtet, die sich erst zur Persönlichkeit im menschlichen Sinn entwickeln müsste.

Die Persönlichkeit entwickelt ein eigenes Weltbild, aber sie entwickelt es nicht allein. Sie ist angewiesen auf die Welt des anderen, welche in dialektischer Weise ihrem Weltbild gleicht und doch im Widerspruch zu ihm steht. Von Anfang an ist die werdende Persönlichkeit dabei, nach der Welt des anderen Ausschau zu halten. Von Anfang ihres Werdens ist die Persönlichkeit im Gespräch mit dem Denken anderer. Gäbe es überhaupt den Menschen als geistige Persönlichkeit ohne die Sprache?

So zeigt die geistige Persönlichkeit im Denken bereits ihr dialogisches Wesen. Sie ist als denkende Person Vollzug der Ich-Du-Beziehung. Im Gespräch des Denkens tritt die Persönlichkeit in Kontakt mit der Person des Gesprächspartners, denn um das Weltbild des anderen kennen zu lernen, müssen die Gesprächspartner im anderen die Persönlichkeit erfahren. Andernfalls erfahren sie lediglich, wie der andere im Allgemeinen über etwas denkt.

In der Sprache zeigt es sich am deutlichsten, wie die Persönlichkeit ursprünglich im Ich-Du-Verhältnis gründet. Die „dritte Person“ trägt immer den Charakter des Ausgeschlossenseins aus dem Verhältnis des Sprechenden zum Angesprochenen; das Er/Sie der dritten Person bezeichnet immer einen außerhalb des personellen Sprachvollzugs platzierten, einen, der sich nicht auf derselben Ebene befindet, wie das sprechende Ich. Das Du der zweiten Person hingegen befindet sich auf dieser Ebene. Soll Sprache die Person des anderen angehen, so muss immer in der ersten Person gesprochen werden. Aber nicht allein das, es muss auch in der zweiten Person zu sprechen möglich sein. Der Sprechende kann dann keinen Monolog führen, so wenig der andere ein monologisches Gegenüber sein darf; er muss insofern bereits Du gesagt haben und sich somit ansprechbar erweisen als Hörer. Der Hörer und die Hörerin sind immer Partner, die innerlich schon Du gesagt haben, die im Augenblick vielleicht schweigen. Dieses Schweigen des anderen darf kein bloßes Nicht-Reden sein, wenn ich in der ersten Person zu ihm sprechen will. Es muss ein Schweigen sein, das bereits den Vollzug des Dialogs bedeutet. Der andere muss bereits in den Dialog eingetreten sein. Sprache als Engagement der Person ist nur möglich im Dialog. Sprache will in ihrem Wesen aber nichts anderes als das Engagement der Person. Das Wesen der Sprache ist persönlich. Die Sprache ist das, was die Person auszeichnet gegenüber dem Unpersönlichen. Daher ist ein ursprüngliches Sprechen persönliches Sprechen. Daher ist aber auch ursprüngliches Sprechen vom Wesen her ein Dialog.

Ähnliches meint wohl Ebner, wenn er von der besonderen Bewandtnis spricht, die es mit den Fürwörtern Ich und Du habe. Sie stünden, so sagt er, in der konkreten Sprache nicht stellvertretend für ein Substantiv, sondern […] ‚unmittelbar‘ für die ‚Person‘ selbst.1

Um diesen Gedanken Ebners zu verstehen, braucht man sich nur zu vergegenwärtigen, wie diese Fürwörter nicht eigentlich Bestandteile der einzelnen Sätze sind, sondern Ausdruck für Prinzipien der Sprache selbst. Die Bestandteile der Sätze erhalten ihre Bedeutung vom Textzusammenhang und vom Inhalt. Auch das persönliche Fürwort der dritten Person ist in diesem Sinne Bestandteil: es steht immer für ein Substantiv, welches in einem vorhergehenden Textzusammenhang als Subjekt auftrat (als Subjekt des Satzes aber, nicht der Sprache). Dieses Substantiv könnte ebenso gut wiederholt werden; das stellvertretende Er ist lediglich Vereinfachung und deutet allenfalls noch den Textzusammenhang an. Anders das Fürwort der ersten und zweiten Person: es erhält seine Bedeutung nicht vom Textzusammenhang, sondern vom konkreten Sprachvollzug selbst. Solange ein Text nur als Text vorliegt, das heißt weder gesprochen noch gehört, weder unterschrieben im Sinne einer Verantwortung noch gelesen wird, solange bleibt die Bedeutung des Ich und des Du im Text frei. Die Sprache birgt zwar immer die Prinzipien des Ich und des Du, denn sie wartet auf den Sprechenden und den Angesprochenen. Sie hält den Platz der Fürwörter der ersten und zweiten Person frei, solange bis die Sprache in den konkreten Vollzug tritt. Auch wenn das geschehen ist, können Ich und Du nicht durch andere Substantive ersetzt werden: das würde zur Verwirrung der Bedeutung führen, denn das Substantiv müsste mit grammatikalischer Notwendigkeit dann mit dem Verb in der dritten Person verbunden werden. Der Hörer wüsste dann nicht mehr, ob mit dem Ersatzsubstantiv der Sprechende sich selbst meint oder einen anderen Gleichnamigen.

Ein Foto in schwarz-weiß eines Zimmers mit einer Person am Fenster.
Suveraru dreaming, © 2016: Filippo Steven Ferrara – All rights reserved

Der Satz in der Anfangssprache des Kindes Paulchen hat Hunger, der anstelle des persönlichen Ich habe Hunger steht, ist daher Zeichen einer unvollkommeneren Sprechweise gegenüber der des späteren, persönlichen Stadiums. Es wäre allerdings falsch, daraus zu schließen, dass Paulchen sich ausgeschlossen vom Ich-Du-Verhältnis betrachtet. Es sei denn, man wollte für dieses Stadium der kindlichen Entwicklung überhaupt noch kein Ichbewusstsein annehmen. In jedem Fall ist der Übergang vom unpersönlichen Reden in der dritten Person zum persönlichen Ich-Sagen als Vervollkommnung des kindlichen Denkens zu betrachten. Ähnliches gilt wohl auch für Sprachen, die auf das persönliche Fürwort verzichten. Die Angewiesenheit der Sprache auf den konkreten Dialog tritt umso deutlicher in Erscheinung, wenn das Ich des Sprechenden und das Du des Angesprochenen nicht grammatikalisch, sondern einzig durch das Reden selbst bezeichnet werden können.

Was von dem Fürwort der ersten Person gesagt wurde, dass es nämlich an Aussagekraft verlöre, wenn es durch ein Substantiv (z. B. einen Namen) ersetzt würde, gilt gleichermaßen für das Fürwort der zweiten Person, Du.

Mit den Fürwörtern Ich und Du tritt die Sprache in die Deutlichkeit ihrer Prinzipien: sie ist nun erst eigentlich gesprochen und gehört. Dennoch sind diese Fürwörter im Prinzip immer schon in der Sprache da. Die Bestandteile des Satzes kommen gleichsam von außen in die Rede hinein, wie der Inhalt es erfordert. Die Pronomina Ich und Du stecken immer schon in der Rede drin. Immer ist in der konkreten Rede ein Sprechender da und ein Angesprochener – schon bevor Ich und Du im Satz vorkommen. (Mit Er/Sie verhält es sich anders.) Wenn das Ich im Satz auftaucht, so ist es immer schon vorherbestimmt. Es ist immer identisch mit dem, der spricht. Soll es anders gemeint sein, so muss das ausdrücklich hervorgehoben werden, etwa durch den Hinweis, dass ein Zitat aus der Rede des Anderen*** aufgenommen wird.

In der ursprünglichen, konkreten Sprache ist das Ich immer da. Taucht es ausdrücklich im Satz auf so soll die Subjektivität des Sprechenden hervorgehoben werden. Dieses ausdrückliche Ich als Fürwort ändert an der Quantität des Inhaltes nichts, denn es steht nicht „für“ ein anderes Substantiv, für einen Bestandteil des Satzes. Insofern ist das Fürwort der zweiten und ersten Person in ganz anderem Sinne „Für- Wort“ als das der dritten. Das Ich des Sprechenden ist vor allem Inhalt und ist der Rede innerlicher als aller Inhalt.

Im Satz Sterben ist schwer. ist das Ich des Sprechenden noch nicht enthalten. Der Satz: Ich meine: Sterben ist schwer. verändert den Satzinhalt qualitativ. Die Quantität des Inhalts, die objektiv darstellbar ist, bleibt unverändert. Der Satz, der das Ich enthält, bekommt die Qualität der sprechenden Person, deren Subjektivität betont wird. Der Satz erhält ein anderes Gewicht, wenn man darauf achtet, wer spricht. Aber gerade diese Qualität ist objektiv nicht erfassbar, sondern nur dem hörenden Du zugänglich. Wenn gar das sprechende Subjekt seine Subjektivität selbst zum Thema macht, kann von einem objektiven Inhalt kaum mehr die Rede sein. Der Satz: Ich komme bald. erhält sein Gewicht vollends allein durch das Subjekt der Rede. Alles hängt davon ab, wer spricht. Ohne diese Qualität ist das Bald-Kommen belanglos. Dieser Inhalt ist qualitativ bestimmt, weil er objektiv, seiner messbaren Quantität nach überhaupt nicht mehr erfassbar ist. Nur das angesprochene Du kann ermessen, was dieser Satz bedeutet, weil es allein im Ich-Du-Verhältnis weiß, wer der Sprechende und Kommende ist. Der Satz: Ich liebe dich. macht die Prinzipien der Sprache so sehr zum Inhalt der Aussage, dass der Satz in seiner Bedeutung vollkommen eingeengt ist auf das Hier und Jetzt der konkreten Rede innerhalb der Polarität des konkreten Ich und des konkreten Du. Diese quantitative Einengung bedeutet zugleich höchste Bereicherung der Qualität. Diese Qualität ist die Subjektivität, die in diesem Sinnzusammenhang Personalität bedeutet. In dem Maße, in dem die Subjektivität eines solchen Satzes das Ich-Du-Verhältnis offenbar macht, ist ein solcher Satz wahr. Hier gilt das Wort Kierkegaards: Die Wahrheit ist die Subjektivität.

Es zeigte sich, dass in der Sprache die Personalität durch den Gebrauch des persönlichen Fürwortes in der ersten oder zweiten Person betont werden kann; ja, dass im Ich-Du-Satz die Persönlichkeit sogar sich selbst aussprechen kann, indem sie das Ich-Du-Verhältnis ausspricht. Dabei darf nicht übersehen werden, dass das Ich-Du-Verhältnis niemals in die Sprache, in den Satz hineinkommt, so wie irgendein Inhalt. In der Selbst-Aussprache des sprechenden Subjekts offenbart die Sprache als konkreter Sprachvollzug ihr Prinzip: den Zug vom Ich zum Du – ihr dialogisches Prinzip.

Dieser sich grammatikalisch andeutende Zug der Sprache vom Ich zum Du, dieser Ich-Du-Bezug, legt zwar den Vergleich mit ähnlichen Strukturen im psychologischen (auch tierpsychologischen) oder sogar im maschinellen Bereich nahe. Ein solcher Vergleich kann aber irreführend sein, wenn nicht bedacht wird, dass mit der Ich-Du-Beziehung etwas wesentlich anderes gemeint ist als eine Subjekt-Objekt-Beziehung innerhalb eines Kausalitätszusammenhanges.

Von da aus lässt sich die Möglichkeit anvisieren, dass der Mensch wesentlich in einem derart ausgesparten Raum der zwecklosen Beziehung lebt und sein Dasein findet: es ist der Raum des personalen Seins.

So wie die Personalität im Sprechen betont werden kann, so kann sie auch zurückgehalten werden; dennoch ist sie da. Es können die Pronomina Ich und Du unterdrückt werden, so wie beispielsweise in dieser Abhandlung. Dennoch ist das Ich des Autors beständig im Sprechen da. Sonst würde der Zusammenhang der Rede verfallen; sie würde den Leser nicht mehr als Ansprechpartner finden. (Der Sachzusammenhang genügt nicht, ein Philosophieren hörenswert zu machen.) Denn auch die Hörenden, die Lesenden sind als Du stets da, wenn ihre Anrede durch das Fürwort auch unterdrückt wird, weil Schrift erst auf dem Weg ist, Sprache zu werden. Das Ziel dieses Weges sind die Lesenden in Verbindung mit dem Autor.

Ein Unterbetonen der Personalität kann angebracht, ja geboten sein. Das Man kann eine Zurückhaltung, eine abwartende Haltung des sprechenden Subjekts bedeuten. Erst wenn es dem Ich dazu dient, sich gänzlich aus der Verantwortung (die ja eine Antwort geben bedeutet) zu schleichen, tritt jener Verfall an das Man ein, von dem Heidegger spricht.

Grundsätzliche Ausschaltung der Ich-Du-Beziehung findet sich z. B. im Text einer juristischen Satzung. Hier liegt eine extreme Entfernung von der konkreten Sprache vor. Das ist vielleicht ein Grund, warum Gesetzestexte so wenig ansprechend sind, trotz der Wichtigkeit ihres Inhaltes.

Bei der Betrachtung der Bedeutung der persönlichen Fürwörter zeigte sich der Ich-Du-Charakter der Sprache. Ich und Du erwiesen sich als Prinzipien der Sprache und des dem Sprechen zugrunde liegenden Denkens. Es wäre nicht im Sinne der personalistischen Philosophie, die Ich-Du-Beziehung von Sprechenden und Angesprochenen auf eine Intentionalität der Sprache zu reduzieren, so als ob die Sprache stets ein subjektives Agens und ein Objekt, an dem gehandelt wird, bräuchte. Oder anders ausgedrückt: der Ich-Ausgang des Sprechens und das Du-Ziel sind in dieser Betrachtungsweise nicht mit Ursache und Wirkung gleichzusetzen. Das trifft zwar auf ein Sprechen als Signalisierung zu, doch beim signalisierenden Sprechen sind die Qualitäten des Senders und des Empfängers für das Gelingen des Vorgangs, der Übertragung maßgeblich, nicht aber für den Inhalt der vermittelten Botschaft. Das Ich-Du-Prinzip der Sprache hält die Plätze frei für ein nicht austauschbares Ich und für ein nicht beliebiges Du, denn das empfangende Du modifiziert im Hören den Inhalt der Sprache. In dieser Philosophie wartet gleichsam die Sprache auf Personen und auf das Gespräch zwischen ihnen.


  1. Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (Innsbruck: Brenner-Verlag, 1921), 18, http://wfe.sbg.ac.at/exist/apps/ebner-online/index.html (aufgerufen: am 9. November 2016).

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