Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Dialog
fatum 5 | , S. 42
Inhalt

Der perfekte Dialog

Ein typischer Dialog mit einem Känguru:
A: Ist dir klar, dass die meisten Krisentheorien des Kapitalismus, die den baldigen Zusammenbruch vorhersagen, daran kranken, dass sie unterschätzen, wie viele einst wertfreie Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens noch der kapitalistischen Verwertungskette anheim fallen können, um solchermaßen die Krisentendenzen durch eine quasi erneute Akkumulation abzuschwächen?
B: Brauchst du Geld fürs Klo?
A: Ich sehe, wir verstehen uns.1

Die Vorstellung eines guten Dialogs entspringt einem Austausch von Ideen, Informationen oder Meinungen, verziert mit Nettigkeiten oder Gemeinheiten. Mehr oder weniger zweckgebunden pendelt er zwischen Small Talk und Streitgespräch hin und her, wobei unser Interesse auf Letzterem liegt. Dieses Essay soll eine Hommage an den Dialog sein.

Monologe sind gut – Dialoge sind besser

Der gute Dialog wird jedoch zunehmend unterschätzt: Liebesbriefe als besonders innige Form des Dialogs zum Beispiel zeigen das ganze Ausmaß des Dilemmas. Irgendwie geht – dank der Digitalisierung – ein Kulturgut unter. Schreibt man sich heute noch Liebesbriefe? In absoluten Ausnahmefällen, ansonsten bleibt man lieber unverbindlich: eine Whatsapp- oder Facebook-Nachricht mit Smiley reicht. Bevor man gedanklich oder emotional zu sehr einsteigt, klickt man einfach „Gefällt mir“. Dieses lauwarme Oberflächennetzwerken ist das Gegenteil des guten Dialogs, und es fühlt sich seicht an, weit weg von der ergreifenden Innigkeit eines handgeschriebenen Textes.

Andererseits wurde wohl noch nie so viel über Kommunikation und das ganze Chi-Chi drum herum geschrieben und postuliert. Eine Schwemme an Ratgebern für jeden Anlass hat jedoch wenig bewirkt bisher. Warum tun wir uns so schwer mit dieser Form der Kommunikation? Dazu einige Anfangshypothesen: Zum einen gibt es kaum noch jemand, der zuhören will, und da niemand widerspricht, erscheint der Monolog viel einfacher. Und wenn Austausch von Ideen und Informationen nüchtern und nett klingt, so muss man sich auch eingestehen, dass die Funktion viel zu oft lediglich im brutalen Überzeugen liegt. Der andere soll sich meiner Meinung anschließen. Und schon haben wir wieder einen Monolog. Der Dialog wird quasi zur absoluten Ausnahmeform. Den wenigsten ist wohl die eigene Rolle im Dialog bewusst – man plaudert eben drauf los. Trotz dieser beneidenswerten Natürlichkeit werde ich in diesem Beitrag versuchen, den perfekten Dialog zu konstruieren und damit den Verlust eines hohen Kulturgutes ein bisschen aufzuhalten.

Zwei kämpfende Kängurus.
Kängurus im „Dialog“, Quelle: Petr Kratochvil, Public Domain

Der Dialog ist eine Idealform der Kommunikation. Solche idealen Formen gibt es jedoch fast nur in der Theorie. Dabei ist es vermeintlich ganz einfach: Zwei (oder mehr) Personen treffen sich und reden oder schreiben. Fertig ist der Dialog. Und da geht es aber schon los.

Person A will reden, Person B jedoch eigentlich nicht. Ist es dann noch ein Dialog? Oder schon ein Monolog? Wobei ein Monolog ja eine Art Selbstgespräch ist, das davon lebt, Zuhörer zu haben.

Im Alltag reden wir oft von Dialogen und meinen doch Monologe oder Formen davon. Gehen wir im Rahmen dieses Artikels davon aus, dass es drei Dialogformen gibt. Den reinen Dialog – also die höchste Form, die man als reinste und ehrlichste Form der Kommunikation immer anstreben sollte (Warum? Dialoge haben etwas Verbindendes, Monologe hingegen trennen in Redner und Zuhörer), den Monolog und das Schweigen. Nach dem Kommunikationsforscher Paul Watzlawick können wir nicht nicht kommunizieren.

Nicht umsonst haben berühmte Philosophen versucht, ihre Ideen in Dialogform zu vermitteln (Platon). Wir sollten den Dialog ehren und pflegen – vielleicht sogar mal üben. Sonst stirbt er aus. Es gibt heute schon viel zu viele Versuche und Vorformen des Dialogs, die sich dann jedoch – bei genauer Betrachtung – als Monolog oder gar als Schweigen entpuppen. Kann es gute Dialoge geben? Sicher, jeder hatte schon einmal dieses euphorische Glücksgefühl, wenn man in einem wahnsinnigen Gespräch versunken ist oder mit erhitztem Gemüt etwas ausdiskutiert. Was ist das Geheimnis?

Ein guter Dialog ist wie ein Schwebezustand, den man immer wieder befeuern muss, damit er auch in der Schwebe bleibt. Die große Gefahr des Dialogs besteht darin, dass er kippt, also den Schwebezustand in Richtung Monolog verlässt. Aber wir wollen schweben. Wir wollen Gedanken entwickeln. Wir wollen um Ideen streiten, ohne zu beleidigen. Wir wollen abwägen, wir wollen inspirieren und inspiriert werden. Gefühlt lebt ein guter Dialog zum einen davon, dass die Teilnehmer etwa gleiche Anteile am Gespräch haben, und zum anderen, dass Fragen und Antworten ausgeglichen verteilt sind. Darüber hinaus müssen die Gesprächspartner den Dialog wollen. Nichts ist einfacher, als einen beginnenden Dialog zu zerstören:

Aber gehen wir davon aus, der Wille ist da. Was braucht es noch? Willige Gesprächspartner.


Dr. House: Von Sex würde ich für eine Weile die Finger lassen.
Patientin: Wie lange?
Dr. House: Aus evolutionärer Sicht würde ich sagen: für immer.6


Die Dialogpartner

Kommunikationsforscher wie Gregory Bateson2 sprechen von Objekt- und Beziehungsebene. Betrachten wir zunächst die Beziehungsebene: hier entscheidet sich erst einmal, ob wir überhaupt in so etwas wie einen Dialog kommen. Um es an der Stelle abzukürzen*, gehen wir davon aus, dass beide oben erwähnte Personen A und B aufgeschlossen sind. Nach dem Transaktionsmodell3kann man nun die Beziehungsebene analysieren.

Die Theorie beruht auf drei verschiedenen, sogenannten „Ich-Zuständen“. Eric Berne fand heraus, dass wir in der Kommunikation mit anderen zwischen verschiedenen Zuständen wechseln. Erkennbar ist das zum Beispiel an Wortwahl, Tonfall und auch am Inhalt dessen, was wir sagen sowie an unserer Mimik, Gestik und Körpersprache (was sich beim geschriebenen Dialog ungleich schwieriger darstellt und zu Missverständnissen führen kann).

Die drei Ich-Zustände sind: Das Eltern-Ich. Nach Eric Berne trägt jeder in seinem Inneren seine Eltern mit sich herum. In der Kommunikation äußert sich das dann zum Beispiel darin, dass wir unseren Gesprächspartner bevormunden, ihm sagen, was er tun soll, sein Verhalten missbilligen, uns fürsorglich und bemutternd geben.

Das Erwachsenen-Ich: Unser Erwachsenen-Ich ist reif und kann Situationen weitestgehend sachlich und objektiv sehen. Kommunizieren wir in unserem Erwachsenen-Ich-Zustand, dann behandeln wir unser Gegenüber gleichwertig, respektvoll und sind sachlich-konstruktiv.

Das Kind-Ich: So wie wir unsere Eltern in uns tragen, so lebt in uns immer auch das Kind, das wir einmal waren. Wir reagieren manchmal uneinsichtig oder trotzig, sind albern oder unsicher. Aber auch positive Qualitäten wie Fantasie, Neugier und Lerneifer können zu dem Kind in uns gehören und sich in der Kommunikation zeigen.

Das Interessante ist nun, wie sich die Personen A und B in einem Dialog verhalten. Die Rolle, die man einnimmt, ergibt sich gleich zu Beginn des Gesprächs (oder sogar schon davor). Erfolgreiche Dialoge – längere Gespräche – zeichnen sich dadurch aus, dass sich sowohl A als auch B im Erwachsenen-Ich einschwingen. Schert A oder B aus, kippt der Dialog. Häufig kann man das beobachten, wenn autoritär veranlagte Personen die Meinungshoheit erobern wollen oder von politischen oder religiösen Positionen überzeugen wollen. Das Gespräch rutscht schnell in eine Eltern-Kind-Situation. Wenn Politiker beispielsweise eine verlorene Wahl rechtfertigen müssen, sprechen sie häufig davon, dass sie ihre Ideen nicht deutlich genug kommuniziert haben. Das ist typisch für Eltern-Kind-Situationen. Vielleicht hätten sie einfach besser zuhören und einen wirklichen Dialog suchen sollen (Erwachsen-Erwachsen). Auch sehr spannend: wenn A beispielsweise von Erwachsenen-Erwachsenen-Situation ausgeht (auf Augenhöhe), sich B jedoch in der Eltern-Rolle fühlt, dann wird erst auf der Beziehungsebene die Rollenverteilung ausgefochten.

Der Inhalt des Dialogs

Worüber gesprochen wird, ist letztlich egal. Ob Liebesbrief oder Fachgespräch: viel wichtiger ist bei der Objektebene, dass die Gesprächspartner ähnliches Interesse und ähnliches Vorwissen mitbringen.

Eine Illustration des sogenannten Flow-Kanals zwischen Angst und Langeweile.
Abbildung 1: Flow nach Csikszentmihalyi, Illustration: Ulf Pillkahn

Veranschaulichen lässt sich das gut an dem Flow-Modell von Csikszentmihalyi4 (Abbildung 1). Wenn sich beide Gesprächspartner mit ihren Fähigkeiten und Herausforderungen im Flow-Kanal befinden, stehen die Wahrscheinlichkeiten für mehr als zwei Sätze recht gut. Umgekehrt kann man sich gut vorstellen, dass kaum eine Dialogschnittmenge entsteht, wenn sich Justin Bieber und Steven Hawking treffen.

Die Nachricht macht den Dialog

Dialoge bestehen im Wesentlichen aus einzelnen Nachrichten, die man sich wechselseitig „sendet“. Vorausgesetzt, Person B hört zu und reagiert, baut sich so der Dialog über Nachricht für Nachricht auf. Anhand des Nachrichtenmodells von Schulz von Thun5 kann man zeigen (Abbildung 2), dass für einen guten Dialog die Nachrichten ähnlich gelagert sein sollten, allein damit sie anknüpfungsfähig bleiben. Was beispielsweise nicht funktioniert, ist, wenn Person A überwiegend die Appellseite betont (Mach dies, mach das, sei so…) und Person B wiederum hauptsächlich die Selbstkundgabe kommuniziert (Ich bin…). Die beiden reden schlicht aneinander vorbei. Mag lustig sein, wird aber sicher kein guter Dialog.

Eine Illustration des Sender-Empfänger Modells mit den vier Ebenen einer Nachricht.
Abbildung 2: Vier Seiten Modell nach Schulz von Thun, Illustration: Ulf Pillkahn

Damit haben wir die Zutaten für einen wunderbaren Dialog zusammen: wohlgesonnene Beziehung, ähnlich im Mindset** und in der Nachricht.

Der Rest ist Übung. Witz, Charme und Aufmerksamkeit, um ja keine Langeweile aufkommen zu lassen. Und Zuhören. Wenn alle auf Sendung sind, wird Zuhören zur Ausnahme. Die Argumente werden wie Raketen hochgerüstet. Statt zuzuhören, grübelt der Gesprächspartner über Gegenargumente. Dadurch entstehen multiple Monologe (zum Beispiel diese Diskussionsrunden im Fernsehen).


Cuddy: Was haben Sie ihm gespritzt?
Dr. House: Muskelblocker
Cuddy: Wozu denn das?
Dr. House: Damit das Gebrüll aufhört.
Cuddy: Er leidet also immer noch?
Dr. House: Ja, aber leiser.7


Vom Schweigen und inneren Monologen

Wenn man versucht mit Gott ins Gespräch zu kommen, könnte es schwierig werden. Er reagiert wohl nur in Ausnahmefällen und man ahnt, wenn ein Dialogteilnehmer schweigt, kommt die Sache schlecht in Gang. Laut Watzlawick kann man ja nicht nicht kommunizieren. Das würde bedeuten, entweder es gibt Gott nicht, oder er hat eben keine Lust. Die Vertreter Gottes versuchen dann die Sache mit langen Monologen wieder auszugleichen. Schweigen als Form des Dialoges hat jedoch den Charme, dass man seine Gedanken sortieren kann (sound of silence). Wenn man schweigt, kann man zuhören. Also ist Schweigen für einen guten Dialog mindestens genauso wichtig wie Reden. Und auch das kann man üben.

Vergleichsweise leicht hat man es beim Lesen: Man liest – oder man liest nicht. Anders als beim Gespräch, kann kein schwieriger Gesprächspartner mitmischen. In einem inneren Monolog widmen wir uns konzentriert dem Text. Oder auch nicht, wenn Konzentration und Aufmerksamkeit nachlassen. Die wenigsten Bücher werden zu Ende gelesen. Selbst Zeitungsartikel haben da nur eine geringe Quote. Warum nur? Nun, uns interessiert dieser ganze Mist einfach nicht. Die Abbruchschwelle ist inzwischen sehr gering und wir allein haben die Kontrolle darüber. Langweiliger Text? Buch zu, Fenster auf … Ende Monolog.

Die Chance für einen guten Dialog kommt nicht oft. Ist sie dann da, sollte man zumindest versuchen, den Ball eine Weile in der Luft zu halten. Dialoge müssen nicht perfekt sein und sie können anstrengend sein. Aber es lohnt sich. Auch der tollste Dialog geht zu Ende, der Schwebezustand weicht der Gravitation. Bedauern – beim brillanten Dialog – und Erleichterung – beim finsteren Dialog – machen sich breit. Und das vielleicht markanteste Indiz für einen guten Dialog ist die entstehende Vorfreude auf den nächsten.


  1. Dialog zwischen Känguru und Protagonist in: Mark-Uwe Kling, Das Känguru-Manifest (2011).
  2. Gregory G. Bateson, Geist und Natur. Eine notwendige Einheit (Frankfurt am Main: Surkamp, 1987).
  3. Die Theorie wurde Mitte des 20. Jahrhunderts vom amerikanischen Psychiater Eric Berne (1910–1970) begründet, und sie wird bis heute weiterentwickelt.
  4. Mihály Csikszentmihalyi, Flow: Das Geheimnis des Glücks (Stuttgart: Klett-Cotta, 2013).
  5. Nach dem Vier-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun.
  6. Kurzdialog aus der Fernsehserie Doktor House.
  7. ibid.

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Ihr Kommentar

Marion

Im Alltag reden wir oft von Dialogen und meinen doch Monologe oder Formen davon. Gehen wir im Rahmen dieses Artikels davon aus, dass es drei Dialogformen gibt. Den reinen Dialog – also die höchste Form, die man als reinste und ehrlichste Form der Kommunikation immer anstreben sollte (Warum? Dialoge haben etwas Verbindendes, Monologe hingegen trennen in Redner und Zuhörer), den Monolog und das Schweigen. Nach dem Kommunikationsforscher Paul Watzlawick können wir nicht nicht kommunizieren.

An diesem Punkt sollte in meinen Augen nicht nur der positive Kontext eines Dialoges betrachtet werden - denn durchaus gibt es auch Dialoge, die die Beteiligten mehr trennen, als ein Monolog das kann. 

Die Trennung, die im Monolog entstehen kann, kann nur einen bestimmten Schweregrad erreichen - aufgrund der fehlenden aktiven Beteiligung des Zuhörers.

Durch jene aber im Rahmen eines (negativen) Dialogs, kann durch Aufsummieren der Charaktere und ggf. unterschiedlichen Meinungen plus deren "Verpackung" bzw. "Empfang" durch den anderen ein stärkerer Keil zwischen die sich Unterhaltenden getrieben werden, als es durch einen Monolog je möglich wäre.

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