Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Dialog
fatum 5 | , S. 31
Inhalt

Sprache als Fenster in die Vergangenheit

Eine mündliche Überlieferung aus Indonesien

Abgeschieden liegt das Dorf Bakan in einem Talkessel auf der ostindonesischen Insel Lembata. Bis heute gibt es dort keinen Mobilfunkempfang. Einige wenige Dorfbewohner kennen noch die Geschichten um den Ursprung des Dorfes. Sie wurden mündlich überliefert. Eine dieser Geschichten wird hier in Originalsprache wiedergegeben. Es handelt sich um einen Auszug der Ursprungsgeschichte Bakans mit anschließender Übersetzung. Anschließend wird diese Geschichte kommentiert. Die Sprache Bakans ist eine Varietät des Lamaholot, einer Kette aus ineinander übergehenden Dialekten dieser austronesischen Sprache. Der Sprachraum erstreckt sich über den Osten der Insel Flores, über die Inseln Solor und Adonara und über große Teile Lembatas (siehe Karte). Die Geschichte wurde im August 2015 im Rahmen meiner Doktorarbeit vor Ort aufgenommen und anschließend mit Hilfe von Muttersprachlern transkribiert und übersetzt. Mein besonderer Dank gilt hierbei Yosef Sole Blikon, dem Erzähler der Geschichte, und Wilhelmus Weka Wuwur, der beim Transkribieren und Übersetzen half.

Karte der Provinz Nusa Tenggara Timur mit Lamaholot.
Karte der Provinz Nusa Tenggara Timur, Bild: Hannah Fricke

Die Ursprungsgeschichte des Dorfes Bakan auf der Insel Lembata (Auszug)

Ke lêworu re bo najan Lêwu Baka. Dori nakete da Lewajija da pakên. Na ma Baka, Baka bo lêwu kaka. Baka alapi bo da ma lêwu nêdêk, êna nêdêk. Pa krêkak nakete na nubu di krêkak Baka ke da ma: Tite lêwo re bo najan Bakan. Kalau ma tite artikan ke Indonesia, bisa dua (tiga): rata, kaka, nama rumput menurut bahasa Bakan itu.

Diana dawanga, pa tunen diro rai, da diro rai, atadikêja diro rai. Da gikêl gewak diro rai. Ara da spati (têlu) nakete ro da opuja alap ro tune en. Blikon en, bo Lamak di opuja Blikon, Kresaja di opuja Blikon, Ata Ujaja di opuja Blikon. Ke da guti bine la Blikon en. Bo Blikon wo da gêsak de la doa.

Ara da diro, dia dawa diro koda, diro koda. Pa terjadi ma no tunen tu re bo, da be, da be lêwu we, da piara manuk, witi rai; ara baen tu re bo, da dêngêr ara wêli wolo pap me, ju uak me bo, no manusa gokok. Pa da ma: Manusa gokok wêli, pa witeru we na memek be. Manuku gokok no witeru memek na pa ma: Me me, oni ia tala tala wani ia. Adikêja wêli pap da dêngêr pa: Te bo, witeru memek bêli bo sama na gêmadi tite. Pa da ma: Narmoi, no adikêja wêli Bo Slama. Wo ata kari pana alap. Dane yang da kari june Awo Lolon aka. Dane, karena no snênêru, pa lojoru gewi, ke da kari pana na ju aka. Aka, diana wêli Bo Slama. Ara dawa ta da detêna ma re di nora lêwu si. Pa nau, bo duan kedak ke manuku gokok, witeru mêkêt pa da meneki, da meneki pa ata pa mene galêwi da da ma: Mio bo mio suku an? Da ma: Kame Ata Wuwur. Pa no tu tali bo Ata Uja Bat Koti. Dane Ata Uja Bat Koti bo. Blikon da ma: E, kame bla ro kura. Ke mene ma talimi bla, we kam raingmi. Ke Ata Uja Bat Koti da tali Blikon da raingi. Bo Ata Wuwur dane di rai ke dane da meaj en.

Ke suku kari pana oli, da oli re bo ua jua. Bo suku yang lêwu alap be bo ua pat. Ke kame re sebenarnya, kam alsi Lembata. Ara suku spati nakete ro takam kari pana lane doa oli si. Karena kame bene yang dari kari pana oli ro bo Ata Wuwura no Ata Uja Bat Koti. Bo Kresaja, Blikoni, Lamaki no Ata Uja Wai Lolo wo bo asli bene Baka. Lêwu alap bene ke kam takam kari pana lane imêng gesak si. Kame bo asalmi bo lodo ju êna or gewi.

Erzählung der Ursprungsgeschichte von Bakan. (Originalton mit Untertiteln in Indonesisch und Englisch.)

Übersetzung

Also dieses Dorf heißt Bakan. So wie es von den Menschen aus Lewaji (ein Nachbardorf, Anmerkung der Autorin) genannt wurde. Sie nannten es Bakan, das heißt ältere Brüder. Die Bewohner Bakans selbst nannten den Ort Talkessel. Und die Sträucher die dort wuchsen, das waren Bakan-Sträucher, so sagten sie: Unser Dorf hier soll Bakan heißen. Wenn wir den Namen also übersetzen, gibt es drei Bedeutungsmöglichkeiten: Talkessel, ältere Brüder oder der Name eines Strauches in der Sprache von Bakan.

Sie lebten dort, Jahre vergingen und die Dorfbewohner wurden zahlreicher. Sie bekamen mehr und mehr Nachkommen. Aber drei (der vier, Anmerkung der Autorin) Clans hatten nur einen gemeinsamen frauengebenden Clan, den Blikon-Clan. Die Lamak heirateten die Frauen der Blikon, die Kresaj auch, auch die Ata Uja heirateten die Frauen der Blikon. Die Mitglieder des Blikon-Clans hingegen mussten ihre Frauen woanders suchen.

Dann, sie lebten dort länger und länger, geschah es in einem Jahr, hier im Dorf hielten die Menschen Hühner und viele Ziegen, aber eines Morgens hörten sie von der anderen Seite des Hügels Hähne krähen. Sie sagten: Hähne krähen dort, die Ziege hier meckert. Der Hahn krähte und die Ziege meckerte und sagte: Ihr von dort, kommt herüber. Die Menschen auf der anderen Seite hörten das und sagten: Na so was! Die Ziege auf der anderen Seite meckert, so als ob sie uns ruft. Und sie (im Dorf, Anmerkung der Autorin) sagten: Stimmt, dort sind Menschen in Bo Slama. Das sind die Menschen, die geflohen sind. Die, die von der Insel Awo Lolon geflohen sind. Die weggelaufen sind, weil sie auf der Insel waren und das Meer plötzlich anstieg, also sind sie hier herauf gerannt. Sie kamen her und blieben in Bo Slama. Aber sie wissen nicht, dass hier auch ein Dorf ist. Dann krähte mitten im tiefen Wald der Hahn, die Ziege antwortete, und sie gingen hin. Die Menschen dort fragten: Welchem Clan gehört ihr an? Sie sagten: Wir sind Ata Wuwur. Und dann waren da noch die Ata Uja Bat Koti. Und das sind Ata Uja Bat Koti. Die Angehörigen des Blikon-Clans sagten: Hey, wir sind hier noch zu wenige. Kommt und schließt euch uns an, damit wir zahlreicher werden. So schlossen sich die Ata Uja Bat Koti dem Blikon-Clan an. Die Ata Wuwur hingegen waren schon zahlreich genug, so blieben sie unter sich.

Somit gibt es zwei zugewanderte Clans. Die einheimischen Clans hingegen sind vier. Wir (die einheimischen Clans, Anmerkung der Autorin) hier also stammen von Lembata. Wir kamen nicht aus der Ferne. Denn die Zugewanderten sind die Ata Wuwur und die Ata Uja Bat Koti. Die Kresaj, Blikon, Lamak und Ata Uja Wai Lolo kommen aus Bakan. Wir kommen hier aus dem Dorf, wir sind also nicht von einem anderen Ort hierher geflohen. Wir sind hier einheimisch, wir sind der Erde entsprungen.

Blick auf das Dorf Bakan aus erhöhter Perspektive mit Pflanzen im Vordergrund.
Blick auf das indonesische Dorf Bakan, Bild: Hannah Fricke

Die Mischbevölkerung der Lamaholot

Diese Geschichte verdeutlicht, dass die Bevölkerung des Dorfes aus einer Mischung aus Einheimischen und Zuwanderern besteht. Geschichten wie diese findet man über den gesamten Lamaholot-Kulturraum hinweg. Es gibt also eine Teilung der Bevölkerung in Einheimische, der Erde Entsprungene und Zugewanderte, die vor Naturkatastrophen von anderen Inseln geflohen sind. Obwohl von unterschiedlicher Herkunft, leben die Menschen heute zusammen und haben eine mehr oder weniger einheitliche Kultur und Sprache. Es gibt dennoch auch Unterschiede zwischen den Sprachen einzelner Lamaholot-Gruppen. Diese Grenzen ziehen sich aber nicht entlang der Linien zwischen einheimischen und zugewanderten Clans, sondern sind eher auf die geographische Isolation einzelner Gruppen in unzugänglichen Berggebieten während der letzten Jahrhunderte zurückzuführen. Auch Feindschaften zwischen verschiedenen Gruppen mögen zur heutigen Diversifizierung der Sprache beigetragen haben.

Wie viel historisch Wahres steckt nun aber in den mündlichen Überlieferungen der Lamaholot? Die ganze Region ist vulkanisch aktiv – bis heute – und Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche und Tsunamis sind nicht unwahrscheinlich. Es sind auch einige solcher Katastrophen aus der nicht allzu fernen Vergangenheit dokumentiert. Demnach ist es sehr wahrscheinlich, dass Menschen immer wieder seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, von Inseln fliehen mussten, die dem Untergang geweiht waren. Dies führte also zu einer ständigen Bewegung und wohl auch Durchmischung der Bevölkerung.

Interessant ist es hierbei im Fall von Lamaholot, dass die Sprache selbst auch gemischt zu sein scheint. Sie ist nicht in allen Aspekten typisch austronesisch, wie sie es nach ihrer genealogischen Familienzugehörigkeit sein sollte. Gemeint sind hier insbesondere strukturelle Aspekte, denn das Grundvokabular ist zu weiten Teilen austronesisch, was auch zur Klassifizierung dieser Sprache geführt hat. Nun muss man wissen, dass die austronesische Sprachfamilie erst seit einigen Jahrtausenden in der Region vertreten ist. Die Austronesier haben eine beeindruckende Völkerwanderung aus dem vorsinitischen Taiwan über die heutigen Philippinen, Indonesien, bis hin nach Madagaskar im Westen und dem gesamten Pazifik im Osten hinter sich.1 Diese Strecken wurden in wenigen Jahrtausenden zurückgelegt und heutzutage ist beinahe das gesamte Gebiet, mit Ausnahme weiter Teile der Insel Neuguineas und einiger kleinerer Inseln im Osten Indonesiens, von Sprechern austronesischer Sprachen bevölkert. Das heißt aber nicht, dass diese Menschen alle auch direkte Nachkommen der Austronesier aus Taiwan sind. In Wahrheit finden wir eine genetisch sehr gemischte Bevölkerung. Das liegt daran, dass es vor den austronesischen Einwanderen schon Menschen in der Region gab, die seit zehntausenden von Jahren dort lebten. Diese aber mischten sich mit den zuwandernden Austronesiern und nahmen in vielen Fällen deren Sprache an, was wiederum zum Aussterben vieler einheimischer Sprachen führte. Allerdings hinterließen die nicht-austronesischen Sprachen Spuren in den heutigen austronesischen Sprachen der Region, wie dem Lamaholot. Ein Beispiel hierfür ist der sogenannte „umgekehrte Genitiv“. Austronesische Sprachen haben typischerweise eine Genitivkonstruktion, die den Besitzer dem Nomen nachstellt. Im Indonesischen, einer typisch austronesischen Sprache, finden wir beispielsweise rumah saya, wörtlich: Haus ich, mit der Bedeutung „mein Haus“. In der Lamaholot-Varietät von Bakan hingegen heißt es goe unan, wörtlich: mein Haus. Diese Reihenfolge von Besitzer vor dem Besitztum ist ungewöhnlich für austronesische Sprachen, allerdings ist sie in den verbliebenen nicht-austronesischen Sprachen der Region die übliche Satzstellung. Dieser nicht-austronesische strukturelle Aspekt des Lamaholots und weitere dieser Art lassen einen nicht-austronesischen Einfluss auf die Sprache in der Vergangenheit vermuten. Wie also könnte die Geschichte der Lamaholot ausgesehen haben?

Ein Baum der Art Ficus, mit langen herunterhängenden Lianen.
Ein Ficus in der indonesischen Provinz, Bild: Hannah Fricke

Die Geschichte der Lamaholot

Über die frühe Geschichte des Ostens Indonesiens ist wenig bekannt. Historische Aufzeichnungen beginnen mit der Kolonialzeit um 1500. Archäologische Untersuchungen sind selten und beschäftigen sich oft mit Zeiten, die für diesen Fall zu weit zurückliegen. Der im Falle Lamaholot interessante Zeitraum ist in etwa von 2000 v. Chr. bis 1000 n. Chr. In diesem Zeitraum fand vermutlich die Begegnung von Austronesiern und nicht-austronesischen Völkern in dieser Region statt. Was bleibt sind also mündliche Überlieferungen und die Sprache als ein Fenster in die Vergangenheit. Die Ursprungsgeschichten deuten auf eine Mischbevölkerung hin, die Sprache der Lamaholot selbst zeigt ebenfalls gemischte Merkmale. Was können wir also hieraus schließen? Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass hier unterschiedliche Völker aufeinander stießen und sich vermischten, obwohl der Lamaholot-Kulturraum heute sprachlich und kulturell relativ einheitlich ist. Demnach ist davon auszugehen, dass sich bei dieser Durchmischung eine der Sprachen durchsetzte und die Sprache oder die Sprachen der anderen Gruppen schluckte. Dies nennt man Sprachwechsel (auf Englisch language shift). Eine Gruppe von Menschen wechselt ihre Sprache innerhalb von wenigen Generationen. Meist geschieht dies aus sozio-ökonomischen Gründen. Die Sprache, zu der gewechselt wird, hat einen höheren Status, ist die Sprache in der Handel getrieben wird oder die Sprache, die für Fortschritt steht. Da die heutige Sprache Lamaholot eine austronesische Sprache ist, können wir vermuten, dass die Sprecher nicht-austronesischer Sprachen der Region die neue austronesische Sprache annahmen. Da sie diese aber relativ schnell und ungesteuert lernten, wurden Merkmale aus ihrer Muttersprache in die neue Sprache übertragen. So wie man das vom Fremdsprachen lernen kennt, insbesondere vom ungesteuerten Fremdsprachenerwerb. Ein Beispiel hierfür ist der erwähnte umgekehrte Genitiv. Diese muttersprachlichen Merkmale in der neuen Sprache setzten sich dann nach und nach als Standard durch. Die Vermutung, dass sich die unaustronesischen Merkmale durchsetzten, setzt voraus, dass die Muttersprachler der austronesischen Sprache entweder nicht sehr zahlreich waren oder wenig in direktem Kontakt zu den einheimischen Gruppen standen. Eine Frage bleibt, warum nun die Sprache der Zuwanderer die überlebende Sprache war und nicht die Sprache oder Sprachen der Einheimischen, vor allem wenn man annimmt, dass die Zahl der Zuwanderer gering war. Hierüber lässt sich im Moment nur spekulieren. Sicher ist aber, dass es in irgendeiner Weise vorteilhaft gewesen sein muss, die austronesische Sprache zu sprechen. Vielleicht wurde die neue Sprache zu einer Verkehrssprache in der Region, die Kommunikation und somit auch Handel zwischen Sprechern verschiedener nicht-austronesischer Sprachen ermöglichte.

Waren nun also die Zuwanderer in der oben wiedergegebenen Ursprungsgeschichte die Austronesier und die Einheimischen Sprecher nicht-austronesischer Sprachen? Mit Sicherheit können wir das nicht sagen. Es könnte genauso gut sein, dass es sich bei der mündlichen Überlieferung um eine erneute Bevölkerungsdurchmischung handelt, die zu einem Zeitpunkt stattfand, als der Sprachwandel von nicht-austronesisch zu austronesisch schon abgeschlossen war. Dennoch können wir sagen, dass beides hier, sowohl die mündliche Überlieferung als auch die Sprachstruktur, auf den gemischten Charakter der Lamaholot-Bevölkerung hinweisen, und somit auf eine von Völkerwanderung und Flucht geprägte Geschichte.


  1. Robert Blust, The Austronesian Languages (Canberra: Pacific Linguistics, 2009).

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