Gewinner der Karl Max von Bauernfeind-Medaille 2016
Dialog
fatum 5 | , S. 69
Inhalt

Europa, wir müssen reden

Kommentar

Nur wenig ist so divers wie Europa. Auf engem Raum hat sich eine ungemeine Dichte an Identität – in Form von Philosophie, Politik, Kultur etc. – gebildet. Nur wenige menschliche Gemeinschaften sind so abhängig vom Dialog wie Europa. Wann immer man aufhörte, dem Gegenüber zuzuhören und nur eine Meinung zulassen wollte, dann endete Europa in großer Zerstörung. Wenn der Dialog scheitert, scheitert Europa – unsere Geschichte spricht deutliche Worte. Ich werde in diesem Artikel zeigen, dass Europa unsere Herausforderung und zugleich unsere Chance ist, die höchste Stufe des menschlichen Dialogs – nämlich das tiefe Verstehen des Gegenübers – zu erlangen. Wenn wir die Perspektive des anderen wirklich nachvollziehen können, dann bringen wir Europa zum Erfolg. Und indem wir den anderen verstehen, bekommen wir eine neue Sicht auf uns selbst: das Bewusstsein über die Subjektivität und über die Begrenztheit der eigenen Erkenntnis. Dies kreiert wiederum Güte im Miteinander und Demut gegenüber sich selbst. Wenn Europa gelingt, dann gelingen auch wir – ganz persönlich.

Warum fällt es uns oft schwer, die Meinung unseres Gegenübers in gleicher Weise wie unsere eigene wertzuschätzen? Warum können wir uns oft nicht vorstellen, dass unsere Perspektive nur eine von vielen ist? Warum verspüren wir oft das Bedürfnis, den anderen belehren zu wollen und ihm damit den Zugang zur „richtigen“ Perspektive zu eröffnen? Vieles ist mit dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit zu begründen. Wir sehnen uns nicht nur nach physischer oder finanzieller Sicherheit, sondern auch nach einer Sicherheit der Erkenntnis und Orientierung. Orientierung finden wir, indem wir uns die Welt zurechtlegen, um uns in ihr zurechtzufinden und unseren Platz zu definieren. Es ist uns also nicht genug, das Geschehen um uns herum wahrzunehmen – wir wollen es auch beschreiben, um die Realität fassen zu können. Dafür bilden wir uns feste Gedankenstrukturen, mit denen wir Situationen, Verhaltensweisen oder Entwicklungen in Kategorien einteilen können – sowohl in unserem Nahbereich als auch in der Gesellschaft. Ich und Du, richtig und falsch, gut und böse – erst im Unterscheiden, also im Dualismus, erfahren wir uns wirklich als Person. Denn das Unterscheiden zwischen einem selbst und der Umwelt verleiht uns die ersehnte Einzigartigkeit. Wenn das Du nicht separat vom Ich wäre, dann könnte das Ich in sich zusammenfallen. Das Ich bekommt seine Wirkung erst in Relation zur Umwelt. Diese Relation nennen wir Identität. Wir sehnen uns nach Identität, um unser eigenes Dasein zu rationalisieren und dadurch in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Wir sehnen uns nach Abgrenzung zwischen dem Ich und dem Rest, weil wir uns vor der Leere fehlender Identität fürchten.

Unsere Gedankenstrukturen – genannt unsere eigene Perspektive – ist unser Hilfsmittel, um die Komplexität und das Chaos der Wirklichkeit verkraften zu können. Dieses Hilfsmittel ist tief geprägt von Abgrenzung – entweder-oderstatt sowohl als auch. Der Dualismus unseres Denkens lehrt uns, dass das Gegenteil einer Wahrheit nicht auch wahr sein kann. Wie gehen wir nun damit um, wenn die Perspektive unseres Gegenübers mit unserer eigenen Haltung im Widerspruch steht? Oft wehren wir Perspektiven ab, die unsere eigene Überzeugung herausfordern. Denn eine Wahrheit, die im Konflikt mit unseren Gedanken steht, stellt das Fundament in Frage, auf der unsere Identität fußt. Dialog bedeutet aber genau diese Bereitschaft, sich auf eine zweite Wahrheit einzulassen (dialogos = zwei Worte bzw. zwei Wahrheiten). Die Bereitschaft zum Dialog birgt immer auch das Risiko in sich, seine eigene Perspektive womöglich aufzugeben oder abzuändern. Dialog ist also der Wille, das eigene Ich immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.

Der Dialog – also der Umgang mit unterschiedlichen Wahrheiten – lässt sich in Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus untergliedern. Um den Dialog in Europa herauszuarbeiten, werde ich Parallelen zum Dialog der Religionen ziehen. Seit Jahrhunderten beschäftigen sich Theologen mit der Frage, wie man mit konkurrierenden Wahrheiten einer anderen Religion umgehen könnte. Der Exklusivismus bringt einen ausschließlichen Anspruch auf Wahrheit mit sich. Wenn die eigene Perspektive als absolut betrachtet wird, dann folgt daraus notwendigerweise, dass jegliche abweichende Perspektive eines Gegenübers falsch sein muss. Über viele Jahrhunderte hat auch das Christentum seine Gräueltaten mit dem Ausspruch Extra ecclesiam nulla salus (außerhalb der Kirche gibt es kein Heil) gerechtfertigt. Ähnlich haben sich die Ideologien des 20. Jahrhunderts durch den Anspruch auf eigene Vollkommenheit legitimiert. Aus der Vorstellung der eigenen Vollkommenheit wurde nicht selten geschlussfolgert, dass alles Fremde das Gegenteil von Vollkommenheit bedeuten müsste: Verirrung und Verblendung. Den Exklusivismus haben wir in Europa überkommen, und damit auch den jahrhundertelangen Kampf um die Hegemonie beendet.

Die Flagge der europäischen Union, blau mit gelben Sternen.
Die Flagge der Europäischen Union in Karlskrona in Schweden, Quelle: mpd01605, Creative Commons BY-SA 2.0

Mit dem II. Vatikanischen Konzil hat sich die Katholische Kirche zum Inklusivismus bekannt. Im Inklusivismus bekennen sich Religionen dazu, dass eine andere Religion auch Elemente der Wahrheit besitzen kann. Damit wird die Ausschließlichkeit des Exklusivismus verringert und dadurch die Aggressivität gegenüber Andersgläubigen. Nichtsdestotrotz wird die eigene Wahrheit als vollkommener angesehen. Die eigene Religion ist daher allen anderen überlegen. Nichts anderes erleben wir in Europa. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich gesellschaftspolitische Imperative in Europa gebildet: Globalisierung, Kosmopolitismus und Fortschritt. Auch wenn andere Gesellschaftsmodelle nicht mehr physisch unterdrückt werden, so werden sie doch als minderwertig und „politically incorrect“ behandelt. Wer heutzutage Fortschritt kritisiert, der wird als rückgewandt, ungebildet und rechtskonservativ abgestempelt. Die Überlegenheit der eigenen Position führt dazu, dass die Meinung des anderen belächelt und sein Intellekt als begrenzt betrachtet wird. In dem Selbstverständnis der eigenen Überlegenheit kann kein wirkliches Zuhören stattfinden, sondern ausschließlich ein abschätziges Verurteilen. Wir konnten es in der Eurokrise beobachten, und sehen es aktuell in den rechtskonservativen Strömungen auf dem ganzen Kontinent. Dieses gegenseitige Verurteilen ist Gift für Europa, denn es macht das Miteinander unmöglich. Auch wenn ich persönlich gänzlich hinter den Werten der Globalisierung stehe und selbst ein kosmopolitisches Leben führe, so halte ich trotzdem die oftmals übermütige Haltung der Entscheidungsträger für gefährlich. Indem die Entscheidungsträger abweichende Meinungen als borniert oder gar unzulässig verurteilen, fühlen sich anders denkende Menschen mit ihren Ängsten und Anliegen nicht Ernst genommen. Unter ihnen macht sich das Gefühl breit, dass die Entscheidungsträger nicht dazu bereit sind, sich in ihre Situation hineinzufühlen.

Genau dies ist im Falle des EU-Referendums in Großbritannien passiert. Der Inklusivismus – also die vermeintliche Überlegenheit – des pro-europäischen Establishments ist zum Stolperstein geworden. Die Problematik zeigt sich am deutlichsten in der Remain-Kampagne – also derjenigen, die öffentlich für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union geworben haben. Statt auf die Ängste der EU-Gegner einzugehen, hat die Remain-Kampagne darauf gesetzt, den Bürgern belehrend vorzurechnen, wie viel jeder Haushalt pro Jahr durch die EU finanziell spart und um wie viel Prozent die Sicherheit im Königreich durch die EU gestiegen ist. Auch wenn die Fakten objektiv stimmen mögen, so hat diese Kampagne immer wieder die gleiche Botschaft gesendet: Schaut her, wir wissen es besser als ihr. Hört uns zu und ihr werdet sehen, dass ihr falsch gelegen habt. Genau diese Aussage überzeugte die Bürger aber nicht von der EU, sondern es bestärkte viele Bürger in ihrer Wut über den Hochmut des Establishments. Der Brexit war keine Abstimmung gegen die EU per se, sondern es wurde zu einer Abstimmung gegen die Ohnmacht vieler Menschen, nicht gehört zu werden. Der Brexit ist vielmehr der Ausdruck des Bedürfnisses, mit seiner eigenen Perspektive akzeptiert zu werden. Wenn wir weiterhin in unserem überlegenen Selbstverständnis verweigern, die Perspektive von Andersdenkenden nachzuvollziehen, dann haben Trump, Le Pen und Petry beste Chancen, unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt zu zersetzen. Denn diese werben um die Unterstützung all derjenigen, die sich von den etablierten Entscheidungsträgern nicht akzeptiert fühlen. Trump und Co. sind ein Auffangbecken, in dem sich viele verurteilte Menschen wieder verstanden und angenommen fühlen.

Dies bedeutet nicht, dass jede Meinung gut geheißen werden sollte. Aber jede Meinung sollte Gehör finden können, und nicht a priori verurteilt werden. Es geht mir also nicht darum, das europäische Projekt anzuzweifeln. Ich persönlich würde für Europa meine Hand ins Feuer legen. Mir geht es viel mehr um die Meta-Ebene, wie wir in gesellschaftspolitischen Fragen miteinander umgehen. Bisher bedeutet „Dialog“ oftmals, dass Menschen sich tolerieren und nebeneinander existieren können. Denn während zwei Menschen sich unterhalten, können sie wenigstens nicht miteinander kämpfen. Solange gesprochen wird, ist es ein Zustand des Miteinanders, und nicht des Gegeneinanders. Dies hat uns den Frieden in Europa garantiert. Doch in diesem tolerierenden Dialog bewegen sich Menschen keinen Millimeter aufeinander zu. Im nächsten Schritt müssen wir das Zuhören und Hinsehen als Gesellschaft wieder lernen. Viel zu oft sehen wir nicht den Ist-Zustand, sondern wir sind verblendet von unserem eigenen Soll-Zustand. Wir sehen nicht die Menschen, wie sie sind, sondern wie wir sie uns wünschen. Um ein neues Verständnis von Dialog in unserer Gesellschaft zu erlangen, greifen wir ein weiteres Mal auf die Erfahrung des Dialogs der Religionen zurück: Im weit bekannten Gleichnis Die blinden Männer und der Elefant untersucht eine Gruppe von Blinden einen Elefanten, um zu begreifen, worum es sich bei diesem Tier handelt. Jeder untersucht einen anderen Körperteil, wie zum Beispiel den Rüssel oder einen Stoßzahn. Dann vergleichen sie ihre Erfahrungen untereinander und stellen fest, dass jede individuelle Erfahrung zu ihrer eigenen, vollständig unterschiedlichen Schlussfolgerung führt. Wir lernen daraus, dass die Realität – je nach Perspektive – sehr unterschiedlich aufgefasst werden kann. Dieser pluralistische Dialog kann auch in gesellschaftspolitischen Fragen funktionieren, wenn wir die Subjektivität unserer Perspektive bejahen. Damit verliert unsere eigene Perspektive nicht an Wert, sondern die Realität des Gegenübers wird aufgewertet. Denn solange wir den Anspruch an Überlegenheit haben, bekämpfen wir die Andersartigkeit untereinander. Wenn wir aber das entweder oderzu einem sowohl als auchumwandeln, dann können wir die Andersartigkeit umarmen. Erst durch das Aufgeben der eigenen absoluten Position wird ein wirkliches aufeinander Zugehen möglich. So können wir uns im Gespräch Stück für Stück annähern, statt uns in unsere Überzeugungen festzukrallen. Dieses Aufgeben von Überlegenheit ist für uns eine Herausforderung, weil wir damit die festen Gedankenstrukturen unserer Identität in Gefahr bringen. Aber das Überwinden von Identität ermöglicht es uns, die Perspektive des Gegenübers als Gewinn und nicht als Gefahr wahrzunehmen. Vielmehr kann das Ich das Wir in Einbindung statt in Abgrenzung erleben. Es ist also unsere Aufgabe als Segler des Lebens, ohne einen sicheren Hafen los zu segeln. Indem wir mit einem Bein in unserer gewohnten Perspektive stehen bleiben und mit dem anderen Bein neuen Grund abtasten, können wir eine Brücke zwischen dem Ich und dem Du schlagen: Indem wir beide Seiten des Ufers nachvollziehen können, werden wir uns über die geteilte Einheit unserer Perspektiven bewusst. Und genau darin finden wir unseren neuen Hafen.

Europa ist das Musterbeispiel für diverse Perspektiven auf dieselbe Wirklichkeit – insbesondere durch die vielen Sprachen und die unterschiedlichen Kulturen auf engstem geographischen Raum. Gerade deshalb kann Europa unsere Chance sein, das soeben beschriebene menschliche Miteinander zu erklimmen. Wenn wir es schaffen, die Unterschiede in Europa in einem sowohl als auch zu verinnerlichen, dann hören wir unserem Gegenüber wirklich zu. Europa ist vielleicht die Aufgabe unseres Jahrhunderts: sich nicht nur gegenseitig zu tolerieren, sondern das wahre Verstehen zwischen zwei Menschen zu erfahren. Indem wir die Andersartigkeit des Gegenübers umarmen, erkennen wir vielleicht, dass alle Perspektiven am Ende doch eins sind. Wenn Europa gelingt, dann gelingen wir – jeder einzeln und dadurch alle zusammen.


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